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Vom Handeln wider besseres Wissen

Man könnte das Handeln wider besseres Wissen als das Grundübel der Moderne oder gar der Aufklärung bezeichnen, denn die Aufklärung stellt den Verstand in den Mittelpunkt des Menschseins, was ihn jedoch seit je her nicht davon abhält unvernünftig zu handeln. Es werden Rohstoffe verbraucht, als stünden sie unendlich zur Verfügung. Die Grenzen des Wachstums sind spätestens seit dem ersten Bericht des Club of Rome aus dem Jahr 1972 bekannt und doch wird so gelebt und gewirtschaftet, als gäbe es sie nicht und die natürlichen Ressourcen stünden unendlich zur Verfügung.

Das Coronavirus hat dem Planeten eine kleine Atempause verschafft. Der menschengemachte Klimawandel schreitet sichtbar voran, die Gletscher verschwinden. Das Polareis schmilzt und gleichwohl werden die Klimaziele Jahr für Jahr verfehlt. Eine Trendwende ist nicht in Sicht. Es werden Kriege geführt, die nur Verlierer kennen und dennoch findet niemand den Mut, sie zu beenden und denjenigen das Handwerk zu legen, die daran verdienen. Eine ohnmächtige UNO wird kaum noch von jemandem respektiert.

Wie schön, dass das Bundesministerium der Verteidigung auf seiner Website schreibt, dass sich die UN neben der Friedenserhaltung und der Kriegsprävention auch anderen Bereichen wie dem Kampf gegen Hunger und Armut sowie dem Schutz natürlicher Ressourcen widmen. Es klingt ein bisschen aus der Zeit gefallen. Bundeskanzler Merz widmete den UN in seiner Regierungserklärung am 18. März 2026 vor dem Treffen der europäischen Regierungschefs am 19./20. März 2026 in Brüssel denn auch keine Silbe. Vielleicht ist es an der Zeit, dass wir aufhören, uns etwas vorzumachen, wie Jonathan Franzen mit Blick auf die Klimakatastrophe 2020 in seinem gleichlautenden Essay rhetorisch fragte. Man muss nicht an eine nahende Apokalypse glauben, um diese Frage in diesen Tagen zu verallgemeinern.

Sapere aude, habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen, ist die zentrale Botschaft des großen deutschen Philosophen Immanuel Kant (22. April 1724 – 12. Februar 1804). Klar war allerdings zu seiner Zeit schon, dass der Verstand allein es nicht richten wird. Es bedurfte und bedarf eben auch Mut, um sich der rationalen Erkenntnis zu bedienen. Die KI-generierte Definition von Mut ist „die Fähigkeit, trotz Angst, Unsicherheit oder Risiken zu handeln und Herausforderungen anzunehmen, die einem wichtig sind. Es bedeutet, die Komfortzone zu verlassen, für eigene Überzeugungen einzustehen und ist eher ein überlegtes Handeln als Abwesenheit von Furcht. Mut ist trainierbar und stärkt das Selbstvertrauen.“ Alles nicht falsch, aber unvollständig.

Die Herausforderung wird dann besonders deutlich, wenn die rationale Erkenntnis zu Konflikten mit der herrschenden Ordnung und im persönlichen Bereich zu unbequemen Ergebnissen führt. Wenn ich gerne Wiener Schnitzel esse, sollte ich mir vielleicht keinen Kälbermaststall ansehen. Spätestens dann kommt nämlich eine andere Kategorie ins Spiel, die der Moral und mit ihr die persönlichen und gesellschaftlichen Wertvorstellungen. Ein weites Feld mit zahlreichen Tretminen. Eine beliebte Form dem auszuweichen ist die Entwicklung von Doppelmoral. Wasser predigen und Wein trinken (Heinrich Heine, Deutschland. Ein Wintermärchen, 1844)

Der Autor und Dramaturg Bernd Stegemann legt den Finger in die Wunde, wenn er die herrschende „Luxusüberzeugung“ als die gängige Moral anprangert, deren Verfechter nicht bereit sind, die persönlichen Konsequenzen ihrer Moralvorstellungen zu tragen (Neue Osnabrücker Zeitung, 7. März 2026).

Skepsis gegenüber augenfälliger Moral ist insbesondere in der Politik angebracht. Die schlimmsten Schreckensherrschaften sind im Namen hehrer Ziele etabliert worden. Von den Kreuzzügen über die Schreckensherrschaft der Jakobiner, Stalins Terrorregime, Hitlers Faschismus, die Roten Khmer, deren Terror rund 1,7 Mio. Menschen das Leben kostete, die „tugendhaften“ Taliban, Pinochets Folterknechte bis zu Putins „Spezialoperation“ in der Ukraine und Benjamin Netanjahus Vernichtungsfeldzug gegen die Palästinenser im Gaza. Die Liste wird lang und länger, wenn man ein bisschen darüber nachdenkt. Selbst die Grünen als einstige Friedenspartei (Frieden schaffen ohne Waffen) dürfen in dieser Reihe leider nicht unerwähnt bleiben, wenn sie im Chor mit Marie-Agnes Strack-Zimmermann unermüdlich für die deutsche Rüstungsindustrie werben. Deutschland ist mit einem Weltmarktanteil von ca. 5,7% (2021–2025) der viertgrößte Waffenexporteur weltweit. Petra Kelly dürfte sich im Grab umdrehen.

Als die Menschen begannen, sich aus der laut Kant selbst verschuldeten Unmündigkeit zu befreien, begannen sie, immer perfekterer Waffen zu erfinden und sich ihrer zu bedienen, Reichtum völlig ungeniert auf Kosten anderer anzuhäufen, die Erde sich mit christlichem Ethos Untertan zu machen, Tiere als Mittel zum Zweck zu benutzen (bis 1990 galten sie im Bürgerlichen Gesetzbuch als Sachen), das Wasser und die Luft zu vergiften und die schützende Hülle um unseren Planeten herum zu zerstören.

Was für ein Verstand ist das, der in zwei Weltkriegen mehr als 100 Millionen Tote nicht nur hinnimmt, sondern zum Zweck seines Handelns macht? Es drängt sich die Frage auf, was das Korrektiv der Moral wert ist. Der christliche Glaube hinderte die Amtskirchen jedenfalls nicht daran, sich mit dem Nationalsozialismus zu arrangieren. Der Film “The Zone of Interest” (2023) führt eindrücklich vor Augen, wie man ein paar hundert Metern von den Verbrennungsöfen entfernt „Stille Nacht, heilige Nacht“ singen kann.

Neben der Doppelmoral gibt es moralische Zwickmühlen, wie Michael J. Sandel anschaulich in seinem Buch über die Gerechtigkeit ausführt (Berlin 2013, S.34 ff.) Es gibt Situationen, die eine moralisch einwandfreie Antwort nicht zulassen. Entscheide ich mich für den Tod eines (unschuldigen) Menschen, wenn dadurch viele gerettet werden können? Keine einfach zu beantwortende Frage, wie die Beispiele von Sandel zeigen.

Brauchen wir einen neuen Thomas Hobbes (1588 – 1679), der in seiner Zeit unter dem Eindruck permanenter Kriege in Europa seine Theorie des Menschen als des Menschen Wolf entwickelte und daraus schlussfolgerte, dass nur ein starker Staat seine Bürger voreinander und vor äußeren Feinden schützen könne (Leviathan). Da geraten schnell andere Güter in unter die Räder, die Freiheit und die Menschenwürde.

In unsicheren Zeiten wächst die Bereitschaft, Freiheit zugunsten von vermeintlicher Sicherheit zu opfern. Autoritäre Regime und ihre Wegbereiter spielen auf diesem Klavier. Schreckliche Juristen wie Carl Schmitt und fürchterliche Philosophen wie Martin Heidegger liefern den theoretischen Überbau.

Wahrscheinlich hilft dagegen nur eine neue transnationale und demokratische Staatstheorie (und Praxis). Der kürzlich verstorbene Jürgen Habermas mit seinem unermüdlichen Plädoyer für ein starkes demokratisches Europa als Gegenmodell zu den libertären Fantasien eines Peter Thiel kommt einem in den Sinn, während andere Talkshow Philosophen dazu anscheinend wenig bis gar nichts zu sagen haben.

Was also tun?

Doppelmoral als solche zu bezeichnen, wo immer sie sichtbar wird. Sich ehrlich machen. Moralische Zwickmühlen nicht leugnen, sondern transparent damit umgehen. Unausweichliche Konflikte friedlich austragen und nicht unter den Teppich kehren. Kinder und Jugendliche stärken. In Bildung und Kultur investieren. Die Freiheit der Kunst respektieren, auch wenn man nicht einer Meinung ist, sich aber Fakten nicht als Meinung verkaufen zu lassen. Nicht resignieren. Im persönlichen Bereich die Kräfte konzentrieren, also vornehmlich das zu tun, was man liebt, worin man gut ist und was anderen nicht schadet, sondern möglichst nützt. Und Vorsicht vor der wohlfeilen pauschalen Forderung nach Bürokratieabbau, die gerade auf kaum einer politischen Agenda fehlt, denn wir erinnern uns, dass nur ein starker Staat den Wolf im Zaum hält.

Der Kampf gegen das Handeln wider besseres Wissen wird nicht ohne die Einbeziehung emotionalen Wissens auskommen. Hier dürften auch die Grenzen künstlicher Intelligenz deutlich werden, die neben dem Bürokratieabbau als Wundermittel zur Bewältigung der Zukunftsaufgaben gepriesen wird. Eine KI generierte Definition des Handelns wider besseres Wissen bezeichnet es als Willensschwäche, wenn man trotz Kenntnis, dass eine Handlung falsch, unvernünftig oder schädlich ist, sich für sie entscheidet. Na, also. Das eröffnet neue Perspektiven für den Einsatz von KI im politischen Willensbildungsprozess, vielleicht auch in der internationalen Diplomatie, wenn es um Wege zur Beendigung irrsinniger Kriege geht. Frag doch einfach mal bei ChatGPT nach Wegen zur Beendigung des Krieges im Nahen Osten.

Über Dr. Hanspeter Knirsch (Gastautor):

Avatar-FotoDer Autor ist Rechtsanwalt in Emsdetten und ehemaliger Bundesvorsitzender der Deutschen Jungdemokraten. Er gehörte in seiner Funktion als Vorsitzender der Jungdemokraten dem Bundesvorstand der F.D.P. an und war gewähltes Mitglied des Landesvorstands der F.D.P. in NRW bis zu seinem Austritt anlässlich des Koalitionswechsels 1982. Mehr zum Autor lesen sie hier.

Sie können dem Autor auch im Fediverse folgen unter: @hans.peter.knirsch

Ein Kommentar

  1. Avatar-Foto
    Heinz Opsölder

    Guten Tag, Hanspeter,
    sehr lesenswerter Artikel, der uns den Spiegel vorhält, unser eigenes Denken und Handeln kritisch zu hinterfragen und uns, das finde ich fast noch bemerkenswerter, zu fragen, was hindert uns eigentlich persönlich daran, trotz besserer Einsicht, nicht entsprechend zu handeln.
    Grüße
    Heinz

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