Frieden – über ein Gespräch mit Avraham Burg
The surest way to work up a crusade in favour of some good cause is to promise people that they will have the chance of maltreating someone. (A. Huxley). (Der sicherste Weg, Menschen zu einem Kreuzzug für eine gute Sache aufzustacheln, besteht darin, ihnen zu versprechen, dass sie die Gelegenheit haben werden, jemanden schlecht zu behandeln.)
Gemeint ist damit die „Grausamkeit moralischer Empörung.“ Sie richtet sich immer gegen andere, nie gegen sich selbst.
Es ist äußerst schwierig, zwischen gerechter und selbstgerechter Empörung zu unterscheiden, bzw. zu erkennen, ob das eine ins andere überschlägt. Letztere dient vor allem der eigenen Beruhigung und Selbstüberhebung. Man fühlt sich besser in seiner Haut, dem „anderen“ überlegen. Das macht angreifbar für gezielte Manipulation. Wer ist nicht „gern“ auf der „richtigen“ Seite? Der Schritt zum Unrecht ist dann nie weit.
Dagegen hilft nur Nachdenken und die kühle Beurteilung von Sachverhalten auf der Basis von Fakten und im Gesamtzusammenhang. Offenbar ist auch die Frage, ob Recht als ein universelles Leitprinzip angesehen wird oder nicht, ein wichtiges Kriterium, wie mit Empörung umgegangen wird: Mit Schnappatmung oder mit klugen Schlussfolgerungen.
Wer sich jedoch blindlings von der eigenen oder gar orchestrierter Entrüstung anstecken lässt, kann zum Bannerträger eines imaginären „Guten“ werden, dem schließlich keine Schandtat zu groß ist.
Dann erinnerte ich mich an den Cellisten Mahdi Saheli, der in den Ruinen von Beirut Chatschaturian spielte. Trotz allem. Das und anderes ging mir durch den Kopf, nachdem ich Tucker Carlsons Gespräch mit dem ehemaligen Sprecher des israelischen Parlaments und Übergangspräsidenten Israels, Avraham Burg, zugehört hatte.
Carlson ist kein Unterstützer des aktuellen Kriegs gegen den Iran. Nach eigenen Worten warnte er mehrfach Trump vor diesem Krieg. Auch Burg ist, was man hierzulande eine „umstrittene“ Stimme nennt. (Anmerkung: Als „meinungsstark“ gilt gemeinhin, wenn jemand aus dem „Mainstream“ argumentativ ein paar Meter vor der Spitze des Zugs marschiert.)
“Frieden stinkt”
Burgs Thema ist der Frieden. Das demonstrierte er schon in der Wahl seines T-Shirts im Gespräch. Frieden stinke, habe er deswegen schon zu hören bekommen. Er ist ein hervorragender Beobachter israelischer Sichtweisen und Befindlichkeiten, die hierzulande kaum diskutiert werden. Folgt man seiner Sichtweise, so entstanden tiefe jüdische Traumata des Verfolgtseins im Laufe vieler Jahrhunderte, die es leichter machen, die Welt in Schwarz-Weiß, in Freund und Feind zu teilen und die Feinde (immer wieder ein neuer Hitler) endgültig vernichten zu wollen. Ein Kompromiss erscheint danach als unmöglich, als verlorene Schlacht.
Burg glaubt, dass Israel wie eine Insel sei, der europäischen Herkunft entrissen, niemals im Nahen und Mittleren Osten wirklich angekommen, nicht integriert. Burg verneint einen großen strategischen Plan für ein größeres Israel vom Euphrat bis zum Nil. Er findet, es gebe gar keine Strategie. Ein Ziel werde fixiert und dann geschossen. „Ein guter Araber ist ein toter Araber“. Laut Haaretz denken so die rechten Extremisten in Israel.
Klar ist, Burg ist definitiv kein Kostgänger des aktuellen israelischen Premiers. Er ist auch nicht religiös extremistisch oder extrem rechts. Er vermisst die mahnende Stimme der Rabbiner in der aktuellen israelischen Gesellschaft. Ganz so scheint es nicht zu sein. Laut Kegham Balian, der in Jerusalem lebt und armenische Wurzeln hat (m.E. ein Christ), besuchte Rabbi Yehuda Gilad kürzlich eine palästinensische Familie im Westjordanland, die (mutmaßlich) Opfer aggressiver Siedlergewalt geworden war. Er fand sehr deutliche Worte gegen dieses Unrecht. Neu und sehr beunruhigend sei die (mutmaßliche) sexuelle Gewalt, die sich gegen den Familienvater richtete. CNN berichtete.
Burg verurteilt, was die Hamas seinem Land am 7. Oktober 2023 antat. Burg verurteilt, was sein Land in der Folge den Palästinensern und deren Unterstützern antut. Am ersten Tag des Krieges gegen den Iran bescheinigte er Trump und Netanjahu öffentlich, keinen Plan zu haben. Burg hofft auf die Entstehung einer stabilen Friedensordnung im Nahen und Mittleren Osten. Er setzt weiter auf eine Zwei-Staaten-Lösung.
“Diesmal sind wir es”
Auch er weiß nicht, wer zum Friedensbringer in dieser Region werden könnte: China? Die USA? Die EU? Schließlich seien Israel und die EU Nachbarn. Burg schloss nicht aus, dass Europa (die EU), sich wieder neu erfinden könnte. Er jedenfalls wolle sie noch nicht völlig abschreiben. Dazu müsse sie jedoch ihre koloniale Vergangenheit und auch den Holocaust wirklich verarbeiten.
Carlson fragte nicht nach. Er ist US-Amerikaner. Welcher Europäer wird Burg fragen, was er genau damit meinte? Ein Artikel von Burg, „Diesmal sind wir es“, der vom ND im Oktober 2025 publiziert wurde, lässt ahnen, was Burg uns sagen will: Das Verbrechen des Holocaust bleibt ewig und unentschuldbar und unvergessen und doch, die Erben der Opfer sind zu Tätern geworden. Ähnlich drückte sich auch Rabbi Yehuda Gilad bei seinem Besuch im Westjordanland aus.
Ist das die ganze Wahrheit? Ich bezweifle das. Wenn man dem Unsagbaren, der totalen Entmenschlichung, entrinnt, wie entrinnt man dann? Was macht das mit nachfolgenden Generationen? „Was ist ein Mensch“, fragte Primo Levi.
Jorge Semprun war sich bewusst, dass allein sein Anblick bei den britischen Befreiern des Konzentrationslagers Buchenwald zu schierem Entsetzen führte. Jean Améry wiederum warnte bereits 1976 vor dem neuen Antisemitismus: dem Anti-Zionismus. In dem stecke das alte faschistische „Juda verrecke“ drin.
Burg äußerte gegenüber Carlson größte Sorgen um die Zukunft seines Landes. Was, wenn die Al-Aqsa-Moschee in Jerusalem zerstört würde? Das macht ihm noch mehr Angst als ein etwaiger Nuklearschlag gegen den Iran. Was, wenn sich der ganze Nahe und Mittlere Osten in der nuklearen Weiterverbreitung verliert?
Von der Einsamkeit, eine Überzeugung zu haben
Gegen Gesprächsende ging es um die Frage, wie sich Burg fühle, so weit weg vom aktuellen israelischen Mainstream. Er sprach von der Einsamkeit, eine Überzeugung zu haben. Er sprach auch davon, dass er als Jude, so wie seine Vorfahren, den Talmud studiere. Dieser dokumentiere nicht nur die Mehrheitsmeinung, sondern gebe „obsessiv“ der Minderheitenmeinung Raum, immer getragen von der Hoffnung, die Minderheit werde die Mehrheit zur Einsicht bringen, falsch gelegen zu haben. Er will eine Stimme der Hoffnung sein, trotz Todesdrohungen, Beschimpfungen. Ob er sich allein fühle, fragte Tucker Carlson. Burgs Antwort begann damit, dass er mit sich selbst mit Reinen sei. Natürlich fühle er sich manchmal allein, verlassen. Aber er sei nicht allein, nicht im Kreis der Familie, seiner Freunde. Im Übrigen seien Mehrheit und Minderheit bloße Zahlenverhältnisse.
Dieser Beitrg ist eine Übernahme aus dem Blog der Autorin, mit ihrer freundlichen Genehmigung.

Ich möchte der geschätzten Kollegin Petra Erler und auch Dir, lieber Martin, ganz dringend das Buch von Mahmood Mamdani, Neither Settler nor Native (Harvard University Press 2020) empfehlen. Speziell zur Frage der Aufarbeitung des Holocaust in Deutschland als auch zur Frage Israel/Palästina ist es meiner Meinung nach ungemein erhellend. (Leider haben wir noch keinen deutschsprachigen Verlag gefunden).
Ich hänge ein Exposee an und wünsche Euch eine mitreißende Lektüre des Buches.
Mahmood ist übrigens der Vater von Zohran Mamdani und dieses Buch ist Zohran gewidmet.
Mahmood Mamdani ist ein postkolonialer Denker indischer Herkunft, in Uganda aufgewachsen, heute Professor für Anthropologie und Politikwissenschaft an der Columbia University in New York. Als Forscher und Zeitzeuge erlebte er den Zusammenbruch des Apartheid Systems in Südafrika genauso wie den Genozid in Ruanda und die postkolonialen Gewaltausbrüche im Sudan.
In den frühen 2000er Jahren schrieb er in seinem Buch Good Muslim Bad Muslim (auf Deutsch bei der Edition Nautilus erschienen: Guter Moslem, böser Moslem) über den politischen Islam, den Kalten Krieg und den Krieg gegen den Terror. In seinem zuletzt (2020) erschienenen Werk “Neither Settler nor Native – the Making and Unmaking of the permanent Minorities” zeigt er auf, wie Nationalstaat und Kolonialismus zusammen entstanden und sich miteinander entwickelt haben.
Auf den Spuren von Aimé Cesaires Discours sur le Colonialisme und anhand von historischen Dokumenten zeigt Mamdani, wie das koloniale Erbe des Nationalstaates sich bis heute in seiner grundlegenden Logik und seinen politischen Zielen reproduziert.
Durch seine Fallstudien:
1. – The Indian Question in the United States
2. – Nuremberg: The Failure of Denacification
3. – Settlers and Natives in Apartheid Southafrica
4. – Sudan: Colonialism, Independence, and Secession
5. – the Israel/Palestine Question
wird diese Logik sichtbar, die in Varianten auch in Jugoslawien, Sri Lanka, Ruanda, der Ukraine sichtbar sind. Es geht um die Konstituierung des Staates auf der Grundlage einer Nation der Einen und der Entrechtung bis hin zu ethnischer Säuberung und Völkermord der Anderen.
Im letzten Kapitel (6. – Decolonizing the Political Community) argumentiert Mamdani, dass eine wirkliche Entkolonisierung nur durch die Entkoppelung von Staat und Nation gelingen kann, dass also ein Staat allen, die in seinen Grenzen leben, gleiche politische Rechte garantieren muss.
Mamdanis nicht-eurozentrische Sichtweise fordert auf, darüber nachzudenken, was eine wirkliche Entkolonialisierung der politischen Gemeinschaft auch in Deutschland bedeuten würde und wie damit der Prozess der Entnazifizierung wieder aufgenommen werden könnte. Seine These, dass die Rückkehr zum Konzept der Nation keine Lösung, sondern ein Brandbeschleuniger für Kriege ist, ist ein hilfreicher Ansatz für die zur Zeit brennenden Konflikte.
Sachlich, anschaulich und spannend weist Mamdani die Zusammenhänge nach und zeigt konkrete Wege zur Dekolonisierung auf.