Wieder ein Schreck in der Morgenstunde. Die Bundesregierung hat sich in der UNO-Generalversammlung bei einer Resolution zur Verurteilung des Sklavenhandels, eingebracht von Ghana, der Stimme enthalten.
Wie üblich im angeblich professionellen deutschen Journalismus existiert kein Link zum Originaltext der UNO-Resolution. Eine Stellungnahme des Auswärtigen Amts zum Stimmverhalten suchte ich heute früh ebenfalls vergeblich. Der Spiegel – wer sonst? – referiert die wenig überraschenden Ausreden des Trump-Regimes für seine Nein-Stimme, auf der Basis einer entsprechenden dpa-Meldung.
Sachdienliche Hinweise zum Auffinden solcher Originaltexte sind mir willkommen.
Bonn unterhält eine Städtepartnerschaft mit der ghanaischen Stadt Cape Coast. Auf der verlinkten Seite der Stadt Bonn bleibt der Sklavenhandel unerwähnt. Dabei war die ghanaische Partnerstadt zeitweise die Hauptstadt dieses Menschheitsverbrechens.
Nicht vergessen werde ich die ghanaische Ärztin im Beueler Krankenhaus, die mir im letzten Jahr zusammen mit vielen Anderen nach einem Herzinfarkt das Leben gerettet hat.

Ich erlaube mir den Versuch, das Abstimmungsverhalten von USA, Israel (Gegenstimme) und Deutschland (Enthaltung gemeinsam mit 51 weiteren Staaten) zu erklären. Das Problem liegt in dem Superlativ: “gravest crime against humanity”. Für Israel ist dies die Shoah, für Deutschland ist es nicht möglich, mit der Zustimmung zu einem solchen Superlativ der jüdischen Community (nicht nur) in Deutschland sowie Israel zu signalisieren, dass man in Zukunft die Shoah relativieren würde (Stichwort: Opferkonkurrenz). Letztlich wurde in den Vereinten Nationen kein Weg gefunden (wurde er gesucht?), mehrere Verbrechen gegen die Menschheit (das wäre übrigens die korrekte Übersetzung für “humanity”, nicht das einschränkende Wort “Menschlichkeit”, das suggeriert, als könnte man verschiedene Stufen von “Menschlichkeit” definieren) gemeinsam zu verurteilen. Dieser Diskurs wird leider nur selten geführt, nicht in den Vereinten Nationen, leider kaum in Deutschland. Das Stimmverhalten der USA steht auf einem anderen Blatt. Es passt in die in den republikanischen Milieus seit Jahren andauernden Bestrebungen zur Bagatellisierung der Sklaverei, die sich unter Trump noch einmal deutlich verschärft haben.
Ich empfehle zu diesem Thema das bei Hanser erschienene Buch Natan Sznaiders „Fluchtpunkte der Erinnerung – Über die Gegenwart von Holocaust und Kolonialismus“. Ich habe es mit einigen anderen Büchern zum Thema in meinem Essay “Nur die Hölle ist echt” vorgestellt (https://demokratischer-salon.de/beitrag/nur-die-hoelle-ist-echt/).
Ähnlich schwierig ist es mit der vergleichenden Genozidforschung. Vergleiche relativieren nicht, wohl aber die politische Instrumentalisierung durch die gewollte Etablierung von Opferkonkurrenzen (dann wird “Genozid” zum Kampfbegriff). Zu diesem Thema habe ich vor wenigen Tagen ein aus meiner Sicht erhellendes Interview mit Medardus Brehl, dem Redakteur der einzigartigen und sehr empfehlenswerten Zeitschrift für Genozidforschung (erscheint in Bochum) veröffentlicht: “The Intent to Destroy a Group as such” (der Titel ist der Originalwortlaut zur Definition eines Genozids in der UN-Völkermordkonvention, hier der Link zu meinem Essay: https://demokratischer-salon.de/beitrag/the-intent-to-destroy-a-group-as-such/).
hier ist schon mal der Bericht der UNO selbst über die Resolution, Debatte und Abstimmung
UN resolution urges reparations for slavery’s ‘historical wrongs’ | UN News https://share.google/6tQ8NfGHBBaNAjpqI