2012 war ich mit meinem Vater in Norwegen, als der Prozess gegen den faschistischen Massenmörder Anders Breivik lief. Der Prozess wurde im TV live übertragen, und vom Publikum so gebannt verfolgt, wie es hierzulande nur noch bei wichtigen Fussballspielen geschieht. Das norwegische TV NRK imponierte seinerzeit ausserdem durch sehr fachgerechte Komentierungen der gleichzeitig stattfindenden Fussball-EM. Und jüngst wieder mit der brutal-realistischen TV-Serie “Exit”, einer harten Männereliten-Kritik, wie sie aus deutscher Produktion undenkbar ist. Aber von Benjamin Hermansen habe ich noch nie gehört. Bis zu diesem Wochenende.

Der rassistische Mord an Hermansen geschah 10 Jahre vor Breiviks Verbrechen. Und hat Norwegen schon damals ähnlich aufgewühlt. Wussten Sie davon? Ich nicht. Waren deutsche Medien desinteressiert? Oder war ich es? Ich habe da so einen Verdacht …

Im Gegensatz zu den deutschen Massenmedien ist das norwegische TV zu würdigen Aufarbeitungen in der Lage. Dazu zählt die recht frische und sehenswerte Serie (6 Teile) “After Benjamin”. Hier dazu einige Hintergrundinformationen aus der ZDF-Pressemappe. Autor und Regisseur Mikael Diseth hat nur einen norwegischen Wikipedia-Eintrag, und sorgt für Authentizität seines Werks, weil er die gleiche Schule in einem Osloer Stadtteil besucht hat.

Und wäre Norwegen nicht so ein Zwergstaat, an Einwohner*inne*n kleiner als der Ruhrpott, stünde dem fantastischen Cast von “After Benjamin” eine grosse Showkarriere bevor: Sam Ashraf, Emil Sesay Stenseth, Victoria Hoang, Johan Tenfjord, Ida Marie Bakkerud, Assad Siddique, Linn Skåber, Asher Abbas Naqvi, Nader Khademi, Johannes Joner, Nickolai Sødal Kabanda, Benjamin Ahmed, Tomas Pequeño Harbo, Evelyn Rasmussen Osazuwa … Merken Sie sich diese Namen! 😉

Versuchungen der Ikonographie oder von Trauerkitsch ist der gute Mikael Diseth nicht erlegen. Er gestattet uns einen tiefen Blick ins Innere der norwegischen Gesellschaft. Vieles dort sieht nicht gut aus. Aber manches doch. Allein schon, dass dort solche Filme (im TV!) entstehen, kann Deutsche neidisch machen. Das Lernen aus der eigenen Geschichte ist ein schmerzhafter Prozess. Drückebergerei dagegen mag unter den Herrschenden Norwegens verbreitet sein. Aber sogar in den Medien gibt es Gegenwehr.

Danke ZDFneo, dass es uns gezeigt wird.

Über Martin Böttger:

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