Im Sommer eines jeden Jahres stellen die Vereinten Nationen ihren Welternährungsbericht vor. Neben den erschreckenden Zahlen über die weltweite Zahl der Hunger leidenden Menschen gab es im Juli 2026 einen kleinen Lichtblick: Während 2024 noch 8,1% der Weltbevölkerung unter Hunger litten, waren es 2025 nur noch 7,8%. Damit setzt sich ein bereits seit einigen Jahren erkennbarer Trend zu besserer Ernährung und weniger Hunger in den armen Regionen der Welt fort.

Allerdings sind dies nur Prozentsätze, und sie bieten keinen Anlass zur Beruhigung. Angesichts des anhaltenden Bevölkerungswachstums fällt der Rückgang der hungernden Menschen in absoluten Zahlen gering aus. So litten 2025 645 Millionen Menschen unter Hunger, das waren nur 14 Millionen bzw. 2% weniger als 2024. Bei weltweit 2,1 Milliarden Menschen, das sind 25,8% der Weltbevölkerung, wird unterstellt, dass sie in moderater oder schwerer Ernährungsunsicherheit leben, also keinen regelmäßigen bzw. gesicherten Zugang zu Essen haben. Alle 13 Sekunden stirbt ein Kind unter fünf Jahren an den Folgen von Hunger.

Frauen und Kinder sind überproportional von Ernährungsunsicherheit betroffen. Hunger und Armut bilden einen Teufelskreis. Werdende Mütter sind unterernährt, ihre Kinder kommen häufig zu früh oder untergewichtig zur Welt und können sich nicht richtig entwickeln. Danach leiden sie unter Mangelernährung. Das Immunsystem bleibt geschwächt, das Kind ist anfällig für Infektionskrankheiten und oft in seiner geistigen und körperlichen Leistungsfähigkeit eingeschränkt.

In jedem Jahr hat der Welternährungsbericht einen Themenschwerpunkt. 2026 waren dies die Kosten der Ernährung. 2025 war es die „Zeit für ein neues Bekenntnis zu Zero Hunger, 2024 der Aufruf zu Gendergerechtigkeit und Klimaresilienz, 2022 die Transformation der Ernährungssysteme und lokale Governance und 2021 ‘Hunger und Konflikte: Ernährungssysteme ändern, Frieden fördern.’

Besonders katastrophal hatten sich die Ernährungsbedingungen während der Corona-Pandemie entwickelt, als die Hungerzahlen in fast allen Weltregionen drastisch stiegen. Nach deren Überwindung konnten jedoch – vor allem durch wachsende Kaufkraft – deutliche Verbesserungen bei der Ernährung erzielt werden, vor allem in Asien, Lateinamerika und der Karibik. Während Bangladesch und Nepal deutliche Fortschritte erzielt haben, hat sich die Lage in Afghanistan, Pakistan und Sri Lanka verschlechtert.

Aufgrund seiner rasant wachsenden Bevölkerung weist Afrika mit 309 Mio. hungernden Menschen erstmals mehr Betroffene auf als Asien (292 Mio.). Jede fünfte Personen in Afrika ist vom Hunger betroffen. Erstmal ist 2025 allerdings auch der Prozentsatz der hungernden Menschen in Afrika zurückgegangen. Besondere Gründe für die Lage in Afrika sind militärische Konflikte, gesellschaftliche Ungleichheit, politische Fehlentscheidungen, drastische Kürzungen von Hilfeleistungen. Tatsache ist, dass die Welt real genug Nahrung für alle Menschen bereitstellen könnte.

Noch ist das Ausmaß des Hungers größer als vor der Corona-Pandemie, der Brennpunkt liegt weiterhin in Afrika. Laut Welthunger-Index ist die Lage in sieben Ländern besonders ernst, fünf liegen in Afrika. In weiteren 35 Ländern wird der Hunger  als ernst eingestuft, zudem hat sich die Lage in den besonders betroffenen Staaten weiter verschlechtert. Waren im Vorjahr noch 22 Staaten von mäßigen, ernsten oder sehr ernsten Werten betroffen, so sind es 2025 bereits 27. Für Palästina und Nordkorea fehlen auswertbare Zahlen.

Gesunde Ernährung ist und bleibt demnach für rund ein Drittel der Menschheit unerreichbar, auch wenn der Prozentsatz von 37.4% (2021) auf 32,7% (2026) gesunken ist. In Afrika liegt er bei 66,6%! Ein Negativfaktor ist die deutliche Verteuerung von Lebensmitteln. Durchschnittlich gab es kaufkraftbereinigt von 2071 bis 2025 einen Anstieg von 2,94 auf  4,28 $/Tag.

Die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen beschreibt ‘Hunger als unangenehmes bis schmerzhaftes Gefühl, das durch zu geringe Aufnahme von Energie durch Nahrung entsteht. Hunger wird chronisch, wenn über einen durchgängigen Zeitraum nicht genügend Nährstoffe und  Kalorien aufgenommen werden können, um ein normales, aktives und gesundes Leben zu führen. Anhaltender Hunger und Mangelernährung können den Tod bedeuten. ‘Hunger ist ein Verstoß gegen elementare Völkerrechte. Der Anspruch auf Ernährung ist ein anerkanntes Menschenrecht, das jeder Person jederzeit physischen und wirtschaftlichen Zugang zu angemessener und gesunder Nahrung oder den Mitteln zu ihrer Beschaffung garantiert. Dieses Recht ist in Artikel 25 der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte und in Artikel 11 des UN-Sozialpakts verankert (Internationaler Pakt über wirtschaftliche, soziale und kulturelle Rechte).

Mehr als 160 Staaten haben sich völkerrechtlich verpflichtet, dieses Recht zu achten, zu schützen und zu gewährleisten. Das bedeutet, dass sie den Zugang zu Nahrung nicht behindern dürfen, ihn vor Eingriffen Dritter (wie Unternehmen) schützen müssen und aktiv Bedingungen für Ernährungssicherheit schaffen sollen. Dieses Recht bedeutet nicht, dass Staaten kostenlose Nahrung verteilen müssen, sondern umfasst folgende Bedingungen:

  • Verfügbarkeit: Es muss genügend Nahrung für alle da sein – entweder durch eigenen Anbau oder funktionierende Märkte.
  • Zugang: Nahrung muss wirtschaftlich und physisch für jeden bezahlbar und erreichbar sein.
  • Qualität: Die Lebensmittel müssen sicher, frei von Schadstoffen und nahrhaft sein.
  • Akzeptanz: Die Nahrung muss kulturell vertretbar sein.
  • Dennoch haben die meisten Industriestaaten ihre Hilfe für die ärmsten Länder gekürzt (während die Rüstungsausgaben weiter steigen). Deutschland hat seine Zahlungen für humanitäre Hilfe in den letzten Jahren massiv zurückgefahren. 2026 stehen nur noch eine Milliarde Euro zur Verfügung, das sind gerade einmal 0,2% des Bundeshaushalts. Dagegen sind immerhin 73% der Deutschen der Meinung, die internationale Gemeinschaft müsse mehr Mittel gegen globalen Hunger und Armut bereitstellen. 

    Die Ursachen für Hunger und Unterernährung sind vielfältig. Wetterextreme haben seit jeher zu Hungerkrisen geführt. Dürren, Trockenzeiten, Überschwemmungen und andere Naturkatastrophen vermindern oder zerstören die Ernten. Wüsten breiten sich aus, Böden erodieren. Die Bauern müssen ihre Vorräte an Saatgut aufbrauchen oder ihr Vieh schlachten. Somit sind auch die Folgejahre betroffen. Letztlich müssen sie ihre Heimat verlassen. Der Klimawandel verschärft diese Wirkungen. Dabei leiden jene Staaten am meisten, die am wenigsten dafür verantwortlich sind.

    Armut ist der vorherrschende Faktor für Hunger und führt in einen Kreislauf. Unzureichende Ernährung schwächt Gesundheit und Leistungskraft, beeinträchtigt das Bildungssystem und manifestiert das Elend. Unterernährung ist die extremste Form von Hunger und tritt häufig im Zusammenhang mit Krisen wie Dürren, bewaffnete Konflikte und Katastrophen auf. Man spricht dann auch von akutem oder von chronischem Hunger. Den Betroffenen fehlt es an gesunden Nahrungsmitteln, sauberem Wasser und Gesundheitsversorgung. Eine besondere Form ist der verborgene Hunger. Dem Essen fehlen wichtige Nährstoffe, dies führt langfristig zu schweren Krankheiten, Kinder können sich geistig und körperlich nicht richtig entwickeln.

    Kriege und Konflikte führen dazu, dass die Menschen fliehen und nicht mehr in der Lage sind, ihre Felder zu bestellen. Oft verlieren sie ihr gesamtes Hab und Gut. Der Krieg beeinträchtigt den Handel und zerstört Straßen und andere Infrastruktur wie Bewässerungsanlagen. Krankheiten wie Cholera treffen vor allem jene Menschen, die bereits durch Kriege oder Naturkatastrophen geschwächt sind.

    Die Ungleichheit zwischen Arm und Reich verschärft sich weiter, global und regional.Ein Prozent der Weltbevölkerung besitzt fast die Hälfte des Weltvermögens. Die untere Milliarde der Armen und Hungernden hat kaum eine Chance, ihrem Los zu entkommen. Zudem bestimmen die reichen Staaten die Regeln der internationalen Wirtschafts- und Handelspolitik. Unfaire Abkommen und Subventionen schaffen Markt- und Preisvorteile für Unternehmen aus Industriestaaten. Viele Entwicklungsländer sind auf den Export von Rohstoffen beschränkt, die Gewinne aus der Weiterverarbeitung fallen woanders an. Hinzu kommen Schwankungen der Lebensmittelpreise und Lebensmittelspekulationen, oft mit Grundnahrungsmitteln. Finanzfonds profitieren dann von steigenden oder fallenden Preisen.

    Schlechte Regierungsführung ist leider ein typisches Merkmal vieler Staaten der Dritten Welt. Die Herrschenden richten ihre Politik meist nicht an den Bedürfnissen der ärmsten Bevölkerung aus. Korruption ist eines der größten Entwicklungshemmnisse, Landraub und Ressourcenverschwendung sind unveränderte Probleme. Investitionen in die Landwirtschaft fehlen. Eine oft einseitige Landwirtschaft laugt die Böden aus. Dabei könnten eine sinnvolle Bewässerung und Bodenbewirtschaftung zusammen mit geeignetem, insbesondere resistentem Saatgut die Erträge deutlich steigern.

    Seit 20 Jahren wird jährlich von der Welthungerhilfe und Partnerorganisationen der Welthungerbericht herausgegeben. Er misst anhand geeigneter Indikatoren den Ernährungsstand der Bevölkerung und gibt somit ein sehr genaues Bild der Welternährung und Hungerlage wieder. Drei Viertel der Hungernden leben auf dem Land, fast alle sind auf die Eigenproduktion von Nahrungsmitteln angewiesen. Kleinlandwirten stehen dafür nur durchschnittlich 1,6 Hektar zur Verfügung (etwa die Größe von zwei Fußballfeldern).

    Jährlich im Oktober erscheint der Welthunger-Index (WHI), herausgegeben von der Welthungerhilfe, der die Verbreitung von Hunger und Unterernährung in den einzelnen Ländern auflistet und die Fortschritte und Misserfolge im Kampf gegen den Hunger misst.  Der Wert eines jeden Landes wird mit einer Formel errechnet, die vier Indikatoren einbezieht. Bei allen Indikatoren bleiben die Fortschritte hinter den internationalen Zielvorgaben zurück.

    Der jeweilige WHI bildet auf einer Punkteskala die jeweilige Hungerlage ab, wobei 0 der beste und 100 der schlechteste Wert ist:

    ~ Anteil der Bevölkerung, deren Bedarf an Nahrungsenergie nicht gedeckt ist

    ~ Wachstumsverzögerung bei Kindern unter fünf Jahren

    ~ Auszehrung bei Kinder (Verhältnis von Gewicht und Größe)

    ~ Kindersterblichkeit vor dem fünften Geburtstag.

    Auch 2025 wurden die Daten von 136 Ländern ausgewertet, wobei für 125 ausreichende Daten vorlagen. In sieben Ländern wird die Ernährungslage als sehr ernst eingestuft. Die schlechtesten Werte nehmen Haiti (35,7), Madagaskar (35,8), DR Kongo (37,5), Südsudan (37,5), Somalia (42,6), Burundi und der Jemen ein. Auf der anderen Seite der Skala finden wir Armenien, Belarus, Bosnien + Herzegowina, Bulgarien, Chile, VR China, Costa Rica, Kroatien, Estland, Georgien, Ungarn und Kasachstan – alle mit einem Wert um 5. Die westlichen Industriestaaten wurden offenbar nicht erfasst und bewertet.

      Über Heiner Jüttner:

      Avatar-FotoDer Autor war von 1972 bis 1982 FDP-Mitglied, 1980 Bundestagskandidat, 1981-1982 Vorsitzender in Aachen, 1982-1983 Landesvorsitzender der Liberalen Demokraten NRW, 1984 bis 1991 Ratsmitglied der Grünen in Aachen, 1991-98 Beigeordneter der Stadt Aachen. 1999–2007 kaufmännischer Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, die die Stadt Aachen und den Kreis Aachen mit Trinkwasser beliefert.