Über Gianna Nanninis Jubiläumskonzert in der Waldbühne Berlin
50 Jahre nach ihrem Debüt zeigt Gianna Nannini in Berlin, warum ihre Musik nichts von ihrer Wucht verloren hat. Die italienische Sängerin und Songschreiberin rockt die Waldbühne und stellt nebenbei die Frage: Was haben Männer, Marmorstatuen und eine KI gemeinsam? Gianna Nannini liefert eine mögliche Antwort: zu viel Fassade, zu wenig Gefühl. Ihr Konzert wird zum wilden Ritt durch Liebe, Sehnsucht, Erinnerungen – und die verpassten Chancen der Männer. Ich war dabei.
Vor 50 Jahren brachte die italienische Rocksängerin Gianna Nannini ihr erstes Album heraus. Anlässlich dieses Jubiläums gab sie am 19. September in der Berliner Waldbühne ein Konzert, Auftakt und Generalprobe zu einer 2027 beginnenden Tournee. Nach Angaben der Veranstalter erschienen über 20.000 Besucherinnen und Besucher. Der im klassizistischen Stil eines Amphitheaters gestaltete Ort ist eine Legende, allerdings weniger, weil er von den Nazis anlässlich der Olympischen Spiele 1936 errichtet wurde. Vielmehr stellt sich bei der Erwähnung der Waldbühne unvermeidlich die Assoziation ein, dass sie 1965 beim ersten Auftritt der Rolling Stones in Westberlin gründlich zertrümmert wurde, eine skandalöse Zerstörung, die in der damaligen Jugendszene auf größtes Verständnis stieß. Auch wenn es von den Akteuren kaum so beabsichtigt war, ist es ihnen zu verdanken, den Fluch des Orts durch ein anderes Omen ersetzt zu haben.
Als kurz nach halb acht die Scheinwerfer angehen, brandet Beifall auf. Grelle, gezackte Linien auf schwarzem Hintergrund, dann betritt der Star mit den sechs ‘n’ im Namen die Bühne und startet in Sekundenschnelle von null auf hundert. Alle Erwartungen werden erfüllt – ihre sensationelle Stimme, die unnachahmliche Bühnenpräsenz, harte Rhythmen zu begeisternden Melodien, perfekt begleitet durch ihre Band und das Bohemian Symphony Orchestra. Gianna Nannini verführt wie eh und je, überwältigt mit ihren Liedern und der wilden Schönheit ihrer Kunst, ihres Gesichts, ihrer Bewegungen und ihrer zerzausten Haare.
Sehnsüchte und Erinnerungen zu wecken, gelingt ihr mühelos.
Wer möchte da nicht in jene Exzesse eintauchen, die jetzt wie glückliche Fügungen erscheinen: In Träumen schwelgen bei Ragazzo dell’Europa, hemmungslos abtanzen bei Fotoromanza, lachen über den Latin Lover, Fußball gucken bei Un’estate italiana, im Nachtzug küssen bei Wagons-Lits und (sich) Amore machen bei America. Bitte noch mehr von den riskanten Abenteuern, vom atemberaubenden Gefühlschaos, diesem Rausch von Leben, Liebe und Italien.
Große Emotionen besingt Nannini. Und große Lügen, die damit einhergingen. Sie erscheinen lässlich, menschlich, verständlich. Aber katastrophal in der Summe. Sorry Jungs, unterm Strich habt ihr’s vergeigt, ist ihr Statement, nicht nur für Männer, aber vor allem für sie. Manche hört man sagen, Feminismus sei out, ein Thema des vergangenen Jahrhunderts. Und jetzt kommt diese Italienerin und erzählt vom Scheitern und der Vergeblichkeit des Mannseins in unserer Zeit.
Gianna Nannini lebt mit einer Frau zusammen
Sie bekennt, ihr Leben neu begonnen zu haben, als sie mit etwa dreißig auch ihre Liebe zu Frauen entdeckte. Sie zählt ihr Alter ab diesem Zeitpunkt, dem Anfang eines neuen, für sie besseren Lebens. Das hindert sie nicht daran, den Mann zu besingen, den sie begehrt hätte. Sein Gebaren, seine unstete Art, seine Geheimnisse, seine Leidenschaft, seine schwarzen Augen. Um festzustellen: Bello e impossibile. Schön, aber unmöglich.
Sie verschwendet ihre Stimmbänder, rauft sich die Haare, schlägt sich an die Brust, zerrt am Mikrofon, will sich nicht abfinden mit dieser Welt und ihren Geschlechterbeziehungen. Aber es funktioniert nicht. Darum der Abgesang, bleib bei deinem Pirelli-Kalender, bleib in deiner Werkstatt mit den Kumpels. Repariert eure Mopeds, lest eure technischen Beschreibungen und vertreibt euch die Zeit mit toten Sätzen, welcher Panzer am stärksten ist und welche Rakete am schnellsten. Oder wer die mächtigste KI in den größten Data Centern baut.
Ist da überhaupt noch was unter der Jacke? Ein Herz?
Diese Kritik hören Männer nicht zum ersten Mal. Dann machen sie ein paar ungelenke Bewegungen und setzen für ein paar Minuten ein betretenes Gesicht auf, anschaulich zu beobachten im Areal der Waldbühne. Eine gewisse Verlegenheit stellt sich ein, aber nur so lange, bis Nannini wieder etwas Tanzbares bringt. Damit versäumen wir das Wichtigste. Denn sie kritisiert nicht, indem sie alle Schlechtigkeiten aufzählt. Es ist viel schlimmer. Diese unverbesserliche Romantikerin schwärmt von dem, was Männer sein könnten, wenn sie ihre Potentiale entdecken würden: Unersättliche Liebhaber, melancholische Träumer, rätselhafte Freunde, neugierige Partner, verständnisvolle Väter. Aber lieber verstecken sie ihre Mängel und Schwächen hinter den Masken der Manosphäre.
I maschi heißt übrigens nicht “die Masken”, sondern die Männer. Es meint eine Geschlechtsbezeichnung, wie sie in der Biologie benutzt wird, Männchen und Weibchen. Wenn sie dieses Lied singt, projiziert die Technik antike Marmorköpfe und -büsten auf den Bühnenhintergrund. Sie zeigen das Ideal der alten griechisch-römischen Bildhauerei, perfekte Formen, aber leere Augen und ausdruckslose Gesichter, eine faschistische Ästhetik. Hinter den starren Masken lassen sich archaische Perversionen bestens verstecken. Vielleicht ist es nur Zufall, dass Maske und maskulin ähnlich klingt. Die Marmormasken des Bühnenbilds weisen Risse auf, die besungenen Männer auch.
Anders als Janis Joplin und Amy Winehouse hat die Primadonna das Musikgeschäft überlebt und auch den hymnischen Stil ihrer großen Hits. Es folgt der Akt in Moll. In der zweiten Hälfte des Konzerts spielt sie inmitten der Bühne allein an einem Flügel, später vierhändig mit Christian Lohr, um eine gute halbe Stunde lang Chansons vorzutragen. Sie handeln von starken Frauen, verlorenen Beziehungsschlachten, heftigen Liebesnächten, vom Trennungsschmerz und Wörtern, die fehl am Platz sind, von Liebe ohne Sicherheiten. Wenige Verse, sparsam eingesetzte Metaphern genügen ihr, um die Gefühle anzusprechen, die dem Leben in unserer Zeit noch abgerungen werden können. Und wieviel Kraft das erfordert.
“I maschi”
Dass es schließlich ein mitreißendes Finale gibt, versteht sich fast von selbst. Der Zeitpunkt für Un’estate italiana ist gekommen, wehmütig darf man an die Fußball-WM von 1990 denken, als deutsche Kicker – das waren die Burschen um Lothar Matthäus und Rudi Völler – in Rom die Trophäe holten. Der Spruch, Gianna Nannini habe uns mit ihrem Song die WM geschenkt, ist zu einer geflügelten Redewendung geworden. Nanninis Intentionen trifft allerdings eher ein millionenfach im Netz angeschauter Clip, in dem zu ihrer Musik Fußballfans die besten Tore des Turniers zusammengestellt haben. Da rennen die Sportler wild durcheinander, purzeln übereinander, tanzen miteinander, hüpfen in kindlicher Freude und setzen eine Unschuldsmiene auf, wenn sie vom Schiedsrichter zurechtgewiesen werden – ein unfreiwillig komisches Chaos, in dem die masci aber richtig sympathisch wirken.
In einer Rezension des RollingStone heißt es treffend, Berlin sei für eine Nacht in Italien gewesen. Viele Zwischenrufe und Beifallsbekundungen seien auf Italienisch zu hören gewesen. Die Zacken des ersten Bühnenbilds lassen sich als Spinnengewebe deuten. War es tatsächlich so gemeint, war das ein ziemlich kühner Auftakt. Dann tropft an diesen Linien flüssiges Gold herunter, und Nannini erscheint in einer golden glänzenden Jacke. Ein Faible für das teure Edelmetall muss man nicht teilen, um ihr darin beizupflichten, dass Altes äußerst kostbar sein kann. Ende der magischen Nacht.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von Textor, mit freundlicher Genehmigung des Autors. Zwischenüberschriften wurden nachträglich eingefügt, bzw. hervorgehoben.

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