Derzeit läuft in Griechenland ein außergewöhnliches Streitverfahren. Die Regierung plant auf der Insel Kreta einen neuen internationalen Flughafen und auf dem Berg Papoura in einer abgelegenen Region die dazu gehörende Radarstation. Bei Bauarbeiten für dieses Vorhaben wurde in knapp 500 m Höhe eine monumentale, rund 4000 Jahre alte Anlage aus minoischer Zeit freigelegt. Trotz des archäologischen Bedeutung entschied die Regierung zunächst, das Radar nur wenige Meter neben dem antiken Monument zu errichten. Angeblich gäbe keine bessere Alternative für die Flugsicherheit.

Der Verband griechischer Archäologen und lokale Behörden reichten gegen das Bauvorhaben Klage beim griechischen Staatsrat ein. Sie wollen die antike Stätte vollständig schützen und erforschen. Eine Studie der Technischen Universität Athen wies nach, dass es alternative Standorte für das Radar gibt, die das historische Erbe nicht gefährden. Ein gerichtliches Endurteil des Staatsrates steht aus, während der Widerstand und die Proteste von Bürgern und Denkmalschützern anhalten. Allerdings wurde der Bau der Radarstation an dieser Stelle gestoppt, und es wird ein neuer Standort für das Flughafen-Radar erwogen.

Bei der Anlage handelt es sich um ein kreisrundes, labyrinthartiges Gebäude mit einem Durchmesser von rund 48 Metern und einer Fläche von etwa 1800 Quadratmetern. Im Zentrum befindet sich eine kreisförmige Struktur, die optisch an ein aufgeteiltes Tortenstück erinnert. Das Bauwerk ist wegen seiner Kreisform für die minoische Archäologie absolut einzigartig, da minoische Paläste ansonsten quadratisch oder rechteckig angelegt waren. Bei den bisherigen Ausgrabungen wurden zahlreiche Fragmente von charakteristischen Keramikgefäßen entdeckt, die u.a. dazu dienten, das Bauwerk zu datieren.

Forscher vermuten, dass es sich um einen zentralen Ort für rituelle oder gemeinschaftliche Feste und Zeremonien gehandelt hat. Die vielen Tierknochen, die man bei Ausgrabungen gefunden hat, legen nahe, dass man hier zu Festen, kultischen Riten und Opferungen zusammenkam. Funde zeigen, dass es auch Menschenopfer gab.

Die minoische Kultur auf Kreta gilt als erste europäische Hochkultur, ihre Blütezeit lag in den Jahrzehnten von 3100 bis 1100 v. Chr. Die Bildung von Gemeinschaften in  Mesopotamien begann bereits im 10. und 9. Jahrhundert v. Chr. Die Pyramiden in Ägypten stammen aus dem Zeitraum von etwa 6.500 bis 6.600 Jahren v. Chr. Ihren Namen verdanken die Minoer dem sagenhaften König Minos. Aktuelle archäologische und  genetische Forschungen haben gezeigt, dass die Minoer regionalen Ursprungs waren und von steinzeitlichen Bauern und Viehhaltern in der Ägäis und in Westanatolien abstammten. Diese sind offenbar mit Flößen oder einfachen Schiffen übergesetzt. Genetisch waren sie eng mit den auf dem griechischem Festland lebenden Mykenern verwandt. 

Bereits aus der Zeit vor 130.000 Jahren liegen Funde vor, z.B. einfache Werkzeuge aus Steinen, Horn oder Knochen. Aus dieser Zeit gibt es auch Höhlenmalereien. Verstorbene wurden vielfach in Höhlengräbern beigesetzt. In der Blütezeit um 1500 lebten auf Kreta geschätzt 250.000 Einwohner. Homer beschrieb Kreta als Land mit 90 Städten und einem bunten Gemisch von Völkern und Sprachen. Die Arbeitsteilung war weit fortgeschritten. Es gab Fischer, Ruderer, Soldaten, Schreiber, Töpfer, Maler, Bauarbeiter, Architekten, Musiker. u.a.

Durch die geographische Lage an zentraler Stelle im östlichen Mittelmeer profitierte Minos von seinen Kontakten zu Kulturen in Ägypten und dem Nahen Osten. Als Seefahrer,  beherrschten die Minoer diesen Teil des Mittelmeers, vor allem um Handel zu betreiben. Spätere griechische Autoren sprechen von einer ‘Thalassokratie’, einer Meeresherrschaft. Dazu verfügten die Minoer über eine mächtige Militär- und Handelsflotte. Exportgüter waren Wein, Olivenöl und handwerkliche Produkte. Importiert wurden vor allem Materialien wie Kupfer und andere Rohstoffe aus Ägypten und dem Nahen Osten. Ihre Zentralregion war die Insel Kreta. Von dort aus beherrschten die Minoer ein weites See- und Handelsnetz in der Ägäis, teilweise mit ständigen Niederlassungen, z.B. auf Santorin, Rhodos, Melos und Zypern. Minoische Fundstätten wurden zudem in der Levante, im Nildelta, in Pylos, in Milos, in Milet, auf dem Peloponnes und in Kalabrien entdeckt.

Minos produzierte und nutzte Werkzeuge aus Bronze statt wie bislang aus Stein und ermöglichte damit die Herstellung neuartiger Arbeitsgeräte. Ein markantes Beispiel ist die Doppelaxt. Minos war berühmt für seine keramischen Erzeugnisse, die schon seit der Jungsteinzeit hergestellt wurden, und für seine Architektur mit ausgeklügelten Bewässerungssystemen, Lichtschächten und großen parkähnlichen Palastanlagen. Das prächtigste und größte Bauwerk befand sich in der Hauptstadt Knossos, es wurde 1900 entdeckt. Weitere große Paläste lagen in Naia und in Phaistos, sie entstanden etwa 2000 v. Chr. Fresken zeigen lebendige Szenen aus der Natur und religiöse Rituale. Die Paläste dienten offenbar zugleich zeremoniellen Zwecken, der Verwaltung und der Lagerung und Produktion von Waren. Verteidigungsanlagen und -mauern wurden bislang nicht entdeckt.

Neben dem König spielte die Religionsausübung durch einflussreiche Priesterinnen eine große Rolle. Ohnehin nahmen Frauen in Minos gesellschaftlich gewichtige Positionen ein. Die Religion war polytheistisch. Eine besondere Rolle spielte der Stier, wahrscheinlich als Opfertier und im Stierkampf. Zahlreiche Statuetten und Abbildungen, Reliefs und Fresken bilden Stiere ab. Die Überlieferung besagt, dass Göttervater Zeus, der schon mal die Gestalt eines Stieres annahm, in Minos geboren und gestorben sei, eventuell mit jährlicher Wiedergeburt.

Die minoische Kultur war hochentwickelt; als erstes europäisches Volk hatten sie eine eigene Schrift (Linear A). Solche Zeichensysteme zur Bewahrung und Wiedergabe sprachlicher Informationen gelten als eine der wichtigsten Errungenschaften der Zivilisation. Dank der Schrift können Wissen, kulturelle Traditionen und andere Daten zuverlässig über lange Zeit überliefert und die Sprache fixiert werden. Die Schrift wurde mehrfach erfunden, zunächst wohl in Mesopotamien. Alle frühen Hochkulturen (Sumer, Ägypten, Indus, China, Maya, Inka) konnten ebenso wie Minos auf eine Form der Schrift zurückgreifen. 

Die sogenannte Linearschrift A war in Minos von etwa 1850 bis 1450 in Gebrauch, gegen Ende des 16. Jahrhunderts wurde sie auf der gesamten Insel verwendet. Bislang konnte die Schrift nicht entschlüsselt werden, zumal die benutzte Sprache unbekannt ist. Sie ist nicht mit dem Mykenischen oder Griechischen verwandt. Dadurch wird die Datierung von Ereignissen erheblich erschwert, z.B. beim Versuch einer Synchronisation mit ägyptischen Chronologien. Vorgänger dieser Schrift waren Hieroglyphen. Linear A besteht aus mindestens 90 Zeichen. Historiker gehen davon aus, dass damit über 800 Wörter bezeichnet werden konnten. Mit Linear A beschriftete Tontafeln wurden im gesamten Mittelmeerraum gefunden, was den Einzugsbereich des minoischen Handels dokumentiert. Aus Linear A entwickelte sich im mykenischen Kulturraum die spätere Linearschrift B, die Übereinstimmung beträgt rund 70%. Linear B ist eine Frühform des Griechischen.

Der Untergang der minoischen Gesellschaft ist bis heute nicht vollständig geklärt. Ab 1450 v. Chr. brach die minoische Macht zusammen. Ursprünglich wurde angenommen, der Zusammenbruch sei um 1600 v. Chr. unmittelbar durch den gewaltigen Vulkanausbruch auf der Insel Thera (Santorin) und den dadurch verursachte Tsunami verursacht worden. Thera liegt rund 120 Kilometer nördlich von Kreta und war eine blühende minoische Kolonie. Allerdings hat die Vulkaneruption Minos nicht total zerstört, denn auch in nachfolgenden Zeiträumen sind noch minoische Aktivitäten feststellbar. 

Wesentlich waren wohl vor allem der vulkanbedingte Ausfall der wichtigen Hafen- und Handelsstadt Akrotiri auf Santorin und der Verlust wichtiger Handelsrouten. Die minoische Wirtschaft verlor an Kraft. Möglicherweise kam es zu inneren Unruhen, die die Wehrkraft des Reiches schwächten. Etwa ab 1450 überflügelten die auf dem griechischen Festland lebenden Mykener kulturell und wirtschaftlich die Minoer. Wie Spuren von Bränden und Zerstörungen zeigen, gewannen sie militärisch die Oberhand und eroberten Minos. Allerdings ist davon auszugehen, dass es damals noch kein geeintes mykenisches Königtum gegeben hat. Ab 1300 v. Chr. gab es offenbar griechisch sprechende mykenische Herrscher. Die minoisch-mykenische Kultur hielt sich noch bis etwa 1050 v. Chr. Die nachfolgende Geschichte Kretas ist weitgehend unklar.

Welche Rolle die Minoer in der griechischen Antike gespielt haben, erkennt man an der Vielfalt und Bedeutung, mit der König Minos und die Minoer in der griechischen Sagenwelt vertreten sind. Da ist König Minos, Sohn des Göttervaters Zeus und der Göttin Europa, Großvater eines Helden aus dem Krieg gegen Troja und Kämpfer gegen die Piraterie im Mittelmeer. Da ist der Minotaurus, ein menschenfressendes Ungeheuer, erzeugt von der Königin und einem Stier, eingesperrt in ein Labyrinth, getötet von Theseus, dem der Faden von Ariadne, einer Tochter des Minos, den Weg durch das Labyrinth zeigt. Und da sind Daidalos und Ikarus, die mit Hilfe selbstgebauter Flügel vor Minos flüchten, wobei Ikarus der Sonne zu nahekommt und abstürzt.

Die weiteren Ausgrabungen und Untersuchungen auf dem Berg Papoura lassen neue Kenntnisse über die Minoer und andere Frühkulturen im Mittelmeerraum erwarten. Zumindest werden sie die Aufmerksamkeit für Minos verstärken und vielleicht zu höheren Touristenzahlen führen. Möglicherweise tragen sie sogar dazu bei, die bislang nicht entschlüsselte minoische Linearschrift A zu entziffern.

Über Heiner Jüttner:

Avatar-FotoDer Autor war von 1972 bis 1982 FDP-Mitglied, 1980 Bundestagskandidat, 1981-1982 Vorsitzender in Aachen, 1982-1983 Landesvorsitzender der Liberalen Demokraten NRW, 1984 bis 1991 Ratsmitglied der Grünen in Aachen, 1991-98 Beigeordneter der Stadt Aachen. 1999–2007 kaufmännischer Geschäftsführer der Wassergewinnungs- und -aufbereitungsgesellschaft Nordeifel, die die Stadt Aachen und den Kreis Aachen mit Trinkwasser beliefert.