Intercity – Wundersame Bahn CCLXIII
1971 also soll es gewesen sein. Ich kann mich nicht mehr so genau erinnern. 1973 wurde ich Jungdemokrat. Kurze Zeit später als Schülerreferent in den NRW-Landesvorstand gewählt. Von da an wurde ich Stammkunde der Deutschen Bundesbahn. So hiess die Firma, als sie schon vielgescholten (“Beamtenbahn”) wurde, aber noch funktionierte.
In den 80ern begann ich mit meinen alten Freunden Georg Hundt und Norbert Döringer Strecken abzufahren, die von Stilllegung bedroht waren, z.B. von Boppard über Simmern nach Langenlonsheim, oder von Letmathe nach Fröndenberg. Und immer auf ein kleines Pils in die Bahnhofsgaststätte, wo wir tiefschürfende soziologische Studien über vom Untergang bedrohten Milieus durchführten. Alles weg. War ‘ne schöne Zeit.
In jener Zeit war der Intercity die Oberklasse des beschleunigten Bahnfahrens. Zwischen Bonn und Düsseldorf war es bei 45 Minuten Fahrzeit noch möglich, umsteigefrei im Speisewagen eine Mahlzeit zu sich zu nehmen. Phasenweise – heute unvorstellbar – wurde sogar morgens noch das Rührei frisch gebraten. Es gab einen Kellner, der auf private Kosten frische Kräuter zukaufte, um den Mahlzeiten Geschmack zu verleihen – es zahlte sich für ihn beim Trinkgeld vielfach wieder aus. Der IC konnte mit jeder Fahrkarte benutzt werden. Im Zug kostete das Nachlösen des IC-Zuschlages 5 Mark (statt 3 am Fahrkartenschalter) und es war Frieden. Später stieg der Preis, irgendwann kam der Euro und dann dieses irre Preissystem von Mehdorns Bäuerinnenopfer Frau Brunotte, das dem Bahnfahren die Flexibilität des unberechenbaren Kunden austreiben sollte.
Doch statt nun zum 268.mal die Bahn zu beschimpfen, beschimpfe ich erneut die eingebetteten Medien. Wie eine Herde besonders dummer Schafe machten sie alle PR-Kampagnen der Bahn zum ICE mit, berichteten aber nicht, dass dessen Einführung – insbesondere hier in NRW – null Beschleunigung aber eine faktische Tariferhöhung mit sich brachte: den ICE-Tarif. Mit jeder Ersetzung eines IC durch einen ICE wurde der Fahrpreis erhöht. Und alle schwiegen. Ausser die erregten Fahrgäste.
Lange befleissigte ich mich der Taktik, grundsätzlich im Vorverkauf nur IC-Tickets zu erwerben, in der Hoffnung, falls ich aufgrund des unberechenbaren Fahrplans doch einen ICE benutzen müsste, am Nachlösen bei der Zugbegleitung vorbeizukommen. Oft genug, wenn sie doch kontrollierten, drückten sie auch freundlich beide Augen zu, und liessen mich unbehelligt zum IC-Tarif mitfahren.
Diese Kundenfreundlichkeit ist nun vorbei. Real ist der ICE nur auf der Strecke Köln-Frankfurt fühlbar schneller. Eins der ersten Milliardenprojekte der Bahn, das zudem wg. der vielen teuren Tunnels auch viel hässlicher als die beiden Rheinstrecken ist. Die Schnellstrecke ist nur für ICEs befahrbar, für alles Andere als Infrastruktur unbrauchbar. Die Rheinstrecken, dort wo die Menschen leben und wohnen, werden stattdessen vom Güterverkehr überbeansprucht. Wir werden jetzt daran gewöhnt, dass immer eine Seite “generalsaniert”, also stillgelegt wird. Derzeit sind wir in Beuel dran, bis Weihnachten.
Der einstige Taktfernverkehr – 3 Züge in der Stunde pro Richtung (2 ICs, 1 Interregio) – war die ideale Anbindung Bonns an die Welt da draussen. Sie wurde 2002 vom ICE gesprengt. Seitdem geht es mit der Bahn bergab. Mit jedem “Grossprojekt” beschleunigt sie es selbst. Schade. Wie gesagt: war ‘ne schöne Zeit.

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