Interview mit Nadia García

Nadia García ist Expertin für Bildungspolitik und Autorin. Sie hat Sozialwissenschaften und Pädagogik an der Nationalen Pädagogischen Universität (Universidad Pedagógica Nacional, UPN) studiert. Seit mehr als 20 Jahren leitet sie Projekte in den Bereichen Forschung, Wissensmanagement, Menschenrechte und Lehrerausbildung und arbeitet mit Schulen in ländlichen Gebieten zusammen, die von den Auswirkungen des bewaffneten Konflikts betroffen sind. ila-Autorin Yasmin Ángel sprach mit ihr über die (geplanten) Änderungen in der Bildungs- und Erinnerungspolitik unter der neuen ultrarechten Regierung von Abelardo de la Espriella.

Welche wesentlichen Veränderungen gibt es im Bildungssektor seit der Ablösung der ersten progressiven Regierung Kolumbiens und dem Amtsantritt der aktuellen rechtsextremen Regierung vor knapp zwei Monaten?

Nach zwei Monaten lässt sich das Ausmaß der Veränderungen, die durch die politische Umgestaltung der neuen Regierung eintreten könnten, noch nicht abschätzen. Nach der jüngsten Ernennung von Ilva Myriam Hoyos zur Bildungsministerin, die für ihre ultrakonservativen Positionen in Fragen der sexuellen und reproduktiven Rechte sowie der Bioethik bekannt ist, lassen sich jedoch Bereiche ausmachen, in denen die wichtigsten Veränderungen stattfinden werden, die diese Regierung als „kulturelle Transformation“ im Bildungssektor bezeichnet.
 Da wäre zunächst der „Abbau des Staates“, der sich in der Kündigung von Verträgen mit Fachkräften äußert, die Bildungsprozesse in den Gebietskörperschaften begleiten. Präsident Abelardo de la Espriella hat die Auflösung von mehr als 20000 Dienstleistungsverträgen ab Januar 2027 angekündigt. Das betrifft in erster Linie das Bildungsministerium und gefährdet die fachliche Begleitung der Bildungseinrichtungen, insbesondere in den vom Erdbeben im August betroffenen Gebieten.
Zudem werden politische Maßnahmen, pädagogische Leitlinien und didaktische Instrumente zurückgenommen, die das Lernen im Bereich der Menschenrechte fördern, insbesondere im Zusammenhang mit sexueller Vielfalt. Die christlich-religiöse Ethik positioniert sich in Opposition zu den Rechten von LGBTIQ+-Personen, die als „Ideologie“ bezeichnet werden. Dadurch wird die Menschenrechtsbildung der neuen Generationen gefährdet und gleichzeitig der historische Kampf verschiedener Bevölkerungsgruppen um die Anerkennung und Gewährleistung ihrer Rechte ignoriert.

Wie wirken sich diese Maßnahmen auf die historische Wahrnehmung des bewaffneten Konflikts und seiner Akteur*innen aus?

Seit der Verabschiedung des Allgemeinen Bildungsgesetzes im Jahr 1994 sind Sozialwissenschaften und Menschenrechte Pflichtfächer auf allen Bildungsstufen. Seitdem herrscht Uneinigkeit darüber, was wann unterrichtet werden soll. Es besteht ein Konflikt darüber, welche „Version der Geschichte“ man den Kindern und Jugendlichen erzählen soll. Angesichts dieser Situation wird davon ausgegangen, dass es eine „Geschichte“ für eine linke Regierung und eine andere für eine rechtsextreme Regierung gibt. Erstere hat durch Mechanismen wie die unter der Regierung von Gustavo Petro eingerichtete Kommission für Geschichtsunterricht den Kampf der Völker und ihre Errungenschaften, das Vordringen der Drogenwirtschaft und deren Auswirkungen auf den unrechtmäßigen Landbesitz sowie die Fortführung kolonialer Organisationsformen und damit der Oligarchien in den Vordergrund gestellt. Eine rechtsextreme Regierung wie die von Abelardo de la Espriella hingegen wird die Rolle der Sicherheitskräfte im Kampf gegen die Guerilla maximieren, die Existenz paramilitärischer Gruppen leugnen und die Sprühaktionen gegen Kokapflanzen fördern. Sie wird die Kämpfe um die Rechte der verschiedenen Völker leugnen und die oligarchischen Familien und deren Nähe zu kolonialistischen Regierungen, insbesondere den USA, als Bastionen der Entwicklung und des Fortschritts hervorheben und dabei jegliche Verbindung zu einem seit über 60 Jahren andauernden Krieg ausblenden.

In den letzten Jahrzehnten gab es bedeutende Fortschritte bei der Aufarbeitung des Konflikts und der Pflege der Erinnerungskultur. Wie geht die derzeitige Regierung mit diesen Themen um?

Die beiden wichtigsten Fortschritte waren die Einrichtung der Wahrheitskommission, deren Arbeit 2025 endete, und des Integrierten Systems für Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Nichtwiederholung nach der Unterzeichnung des Friedensabkommens mit den ehemaligen FARC-EP. (1) Die durch diese Institutionen ausgelöste gesellschaftliche, akademische und politische Mobilisierung hielt durch die Fortbildung von Lehrkräften, die Entwicklung und Verbreitung von Unterrichtsmaterialien sowie pädagogischen Ansätzen für den Geschichtsunterricht und die Erinnerungsarbeit Einzug in die Schulen.
 Obwohl es bislang keine eindeutige Entscheidung des Bildungsministeriums zu diesem Thema gibt, wurde in der ersten Woche der Amtszeit von Abelardo de la Espriella „die Überarbeitung der Schulbücher“ angekündigt. Gleichzeitig wurde an die Spitze des „Centro Nacional de Memoria Histórica“, des Zentrums für Erinnerung und Geschichte des Landes, ein Rechtsanwalt berufen, der Vertreter des konservativ-katholischen Gedankenguts ist und einen Teil seiner Laufbahn als Universitätsprofessor verbracht hat. In seinen Vorlesungen widmete er sich dem Nachweis des „Mangels an katholischem Glauben“ bei Sozialist*innen und Kommunist*innen weltweit, die er als Kriminelle bezeichnet, und leugnete dabei den Ursprung des antioligarchischen Widerstands der Rebellengruppen im Land. Diese Ereignisse offenbaren eine klare Tendenz, die bis in die Klassenzimmer vordringen soll. Dies hat bislang zu entschiedenen Protesten der Lehrergewerkschaften geführt, die die Lehrfreiheit verteidigen.
In der vergangenen Woche kündigte die Regierung eine Kürzung des Budgets für die „Justicia Especial para la Paz“ (JEP), die Sondergerichtsbarkeit für den Frieden, um 50 Prozent an. Der derzeitige Direktor erklärte, dass diese Kürzung das Ende der Institution bedeute, trotz der Erfolge, die bei der Aufarbeitung erzielt wurden, wie beispielsweise der mehr als 7000 extralegalen Morde, der sogenannten „falsos positivos“. (2)

Welche Rolle spielen die Medien beim Aufbau und der Stärkung neuer rechter Narrative?

Nur wenige Wochen nach Amtsantritt der neuen Regierung wurde mit dem Umbau des kolumbianischen Staatsrundfunks (Radio y Televisión Nacional de Colombia, RTVC) begonnen. Neben Massenentlassungen wurden ganze Sendungen gestrichen, angefangen bei den regionalen Friedenssendern. Außerdem kam es zur Einmischung in „offizielle Programme“, die täglich im Radio und Fernsehen ausgestrahlt werden. Darüber hinaus starteten private Medien wie die Zeitschrift „Semana“, das „Radio Cadena Nacional“ (RCN) oder das Medienunternehmen „Caracol“, die traditionell mit den Machtgruppen und der „offiziellen Seite der Geschichte“ verbunden sind, eine massive Kampagne, um ihr Publikum dazu zu bewegen, jeden Schritt des neuen Präsidenten zu befürworten – ganz im Gegensatz zu ihrer Haltung noch während der Amtszeit von Gustavo Petro, sich als oppositionelle Medien zu positionieren.

(1) Das Sistema Integral de Verdad, Justicia, Reparación y No Repetición (SIVJRNR) (Integriertes System für Wahrheit, Gerechtigkeit, Wiedergutmachung und Nichtwiederholung) wurde im Rahmen des Friedensabkommens von 2016 zwischen der kolumbianischen Regierung und der FARC-EP-Guerilla vereinbart. Es ist ein Modell der Übergangsjustiz (Transitional Justice), um die Rechte der Opfer des bewaffneten Konflikts in Kolumbien zu schützen.


(2) Damit sind außergerichtliche (extralegale) Hinrichtungen von Zivilist*innen gemeint, die später unrechtmäßig in offiziellen Statistiken als bewaffnete Todesopfer in militärischen Auseinandersetzungen ausgewiesen wurden.

Das Interview führte Yasmin Ángel im September 2026 per Mail. Übersetzung: Uli Dillmann. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 499 Okt. 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Einige Links wurden nachträglich eingefügt.

Über Yasmin Ángel, Interview - Informationsstelle Lateinamerika:

Avatar-FotoDie Informationsstelle Lateinamerika e. V. (ila) ist ein gemeinnütziger Verein mit Sitz im Oscar-Romero-Haus in Bonn. Das Ziel des Vereins ist die Veröffentlichung kritischer und unabhängiger Informationen aus Lateinamerika. Der Schwerpunkt liegt auf Nachrichten und Hintergrundinformationen aus basisdemokratischer Perspektive. Die Informationsstelle Lateinamerika begreift sich als Teil der politischen Linken und engagiert sich in übergreifenden politischen Bündnissen wie der Friedens- und Antikriegsbewegung oder Attac. Der Verein besteht seit 1975 und gibt die gleichnamige Zeitschrift ila heraus. Alle Beiträge im Extradienst sind Übernahmen mit freundlicher Genehmigung.