Etwas hinterm Neumarkt liegt in Köln die Lungengasse. Das ist eine jener schmalen Altstadtgassen, die nach dem Bombenkrieg so armselig und billig wieder aufgebaut worden sind, dass selbst von Hässlichkeit zu sprechen zu kräftig scheint. Dort, ausgerechnet dort, an der Lungengasse Nr. 8, bin ich an eine Haustür geraten und vor der Tür in eine Szene, wie sie kein anderer so dramatisch zu schildern weiss wie Dante im dritten Gesang des Inferno:

„Durch mich geht es hinein zum ewigen Schmerze,

Durch mich geht es hinein zu dem verlorenen Volke…“

… alla perduta gente“. Wie einst vor Dantes Höllentor drängt sich hier das verlorene Volk der deutschen Gegenwart: ein schaurig wüstes Getümmel siecher Männer und Frauen. Die einen hineindrängend, die andern herausstürzend. Und alle aneinander hangend, sich aneinander klammernd, übereinander fallend. Menschen jedes Alters, ein Gesicht zerstörter als das andere. Mit wilden Verrenkungen kam, ganz in schwarz, eine Frau schreiend auf mich zugewankt. Bevor sie nach mir greifen konnte, stürzte über einen, der vor ihr schon auf der Gasse lag.

Das ist, an der Lungengasse 8, der hintere Eingang zum Kölner Gesundheitsamt. Die Anlaufstelle zu den abgeschirmten „Drogenkonsumräumen“, von denen sich die Stadt ein Ende des Skandals der öffentlichen Drogenszenen verspricht.

Längst schon war mir dieses Gesundheitsamt ein Begriff. Aber nicht von hinten, sondern von vorn, am Neumarkt. In den sechziger Jahren war das noch. Ungleich sorgfältiger als heute prüften die Deutschen damals jeden Immigranten. Vom Ausländer-Meldeamt schickte man mich zum Gesundheitsamt. Das ist am Neumarkt eine imposante Fassade aus der Kaiserzeit. Doch drinnen geschah mir Gruseliges. Um irgendetwas zu testen, hämmerte einer auf meiner Kniescheibe herum. Um sicherzustellen, dass ich keine Syphilis nach Deutschland bringe, zapfte mir ein anderer Blut ab.

Nein, meine Kniescheibe hielt dem Gehämmer stand. Nein, fortan stand es amtlich fest: ich war nicht geschlechtskrank. Ich durfte in Deutschland bleiben. Erleichtert verliess ich das Gesundheitsamt durch seinen schönen, inzwischen denkmalgeschützten Haupteingang am Neumarkt. Von dem weniger schönen Hintereingang an der Lungengasse konnte ich nichts wissen. Es gab ihn noch nicht, weil die Stadt so etwas damals noch gar nicht brauchte.

Als ich jetzt die danteske Szene am hinteren Tor des Gesundheitsamtes einem befreundeten Arzt aus Rostock erzählte, wurde er nostalgisch: „Über die DDR könnt ihr sagen, was ihr wollt. Auf jeden Fall aber ist das ein Staat gewesen, der auf seine Grenzen so gut aufgepasst hat, dass kein Drogenhändler und keine Droge hereinkam.“ Da frage er sich, ob all die westliche Freiheit es wert sei, „dass zahllose Menschen an solcher Freiheit hoffnungslos zugrunde gehen“.

Was jenem die Erinnerung an die DDR, das ist mir die Erinnerung an Dantes Hölle. Mag das Kölner Gesundheitsamt seinen wilhelminischen Haupteingang zum Neumarkt behalten, über seinen grausigen neuen Hintereingang an der Lungengasse aber setze es den Satz, der bei Dante über dem Tor zum Inferno steht:

„Lasciate ogni speranza – Trittst du hier ein, lass alle Hoffnung fahren!“

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus dem Blog des Autors, mit seiner überaus freundlichen Genehmigung.

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