Der darauffolgende Dienstag brachte einen jener grauen Berliner Vormittage, an denen das Licht im Institut für Soziologie gar nicht erst zu versuchen schien, gegen die Schatten in den Fluren anzukommen. Clara stand am Kopierer, während das rhythmische Licht des Scanners über die Seiten von Hartmut Rosas „Resonanz“ glitt. Sie fühlte sich seltsam exponiert. Die Lokalrunde im „Dicken Engel“ und der digitale Kahlschlag ihrer Dating-Apps schienen in der sterilen Institutsatmosphäre fast wie Taten einer fremden Frau.

Als sie den Seminarraum betrat, suchten ihre Augen unwillkürlich die letzte Reihe. Erik war da. Er saß auf demselben Platz wie beim letzten Mal, den Rücken gerade, vor sich einen schlichten Notizblock und einen Füller, der aussah, als hätte er schon viele kluge Gedanken festgehalten.

Clara begann das Seminar mit einer Stimme, die sie selbst als zu sachlich empfand. Sie sprach über die „Entfremdung in der Beschleunigungsgesellschaft“, doch innerlich war sie ganz woanders. Sie spürte Eriks Blick, eine Mischung aus jener aufmerksamen Neugier und einer neuen, fast schmerzhaften Zurückhaltung.

Nach der Sitzung, als die Studenten wie ein Schwarm Zugvögel aus dem Raum drängten, blieb Erik stehen. Er wartete, bis Clara ihre Unterlagen in die Tasche sortiert hatte. Die Stille im Raum war plötzlich schwer von den Worten, die noch nicht gesprochen waren.

Frau Dr. Jensen“, begann er, und er trat einen Schritt auf sie zu, blieb aber in jenem diskreten Abstand, der für ihn typisch war. „Ich habe über unser kurzes Gespräch letzte Woche nachgedacht. Über das Blühen zur falschen Zeit.

Clara sah auf, ihr Herz schlug einen unregelmäßigen Takt. „Und zu welchem soziologischen Schluss sind Sie gekommen, Herr… Erik?“ Sie korrigierte sich hastig, was die Situation nur noch hölzerner machte.

Erik schien kurz zu zögern, sein Blick wanderte zum Fenster. „Ich fürchte, ich habe mich vielleicht missverständlich ausgedrückt. Ich wollte nicht suggerieren, dass Ihre… persönliche Haltung die wissenschaftliche Distanz korrumpieren sollte. Manchmal neige ich dazu, theoretische Konzepte zu sehr mit dem Leben zu verwechseln. Ich hoffe, ich bin Ihnen nicht zu nahe getreten.

Clara hielt inne. Er dachte, er hätte sie beleidigt? Er hielt ihr neues Selbstbewusstsein für einen methodischen Fehler? Ein kalter Schauer der Verunsicherung lief ihr über den Rücken. „Verstehe ich Sie richtig?“, fragte sie, und ihre Stimme klang schärfer, als sie es beabsichtigt hatte. „Glauben Sie, dass meine Art, das Seminar zu leiten, an wissenschaftlicher Integrität verloren hat, weil ich… weil ich etwas mehr von mir selbst gezeigt habe?“ Eriks Augen weiteten sich leicht. „Nein, ganz und gar nicht! Ich meinte… ich sorge mich eher darum, dass meine Anwesenheit hier, als jemand, der nicht mehr ganz in dieses System passt, Sie in eine Verteidigungshaltung drängt. Ich wollte kein Störfaktor in Ihrer akademischen Karriere sein.
„Ein Störfaktor?“, wiederholte Clara ungläubig.

Sie redeten komplett aneinander vorbei. Er versuchte, sie vor sich selbst zu schützen, während sie glaubte, er kritisiere ihre Souveränität. „Erik, ich brauche keinen Schutz vor meinen eigenen Entscheidungen. Wenn ich mich entscheide, das ‚Sie‘ als Brücke zu nutzen und nicht als Mauer, dann tue ich das bewusst.

Es entstand eine Pause, die sich wie eine Ewigkeit anfühlte. Beide standen da, gefangen in der Architektur ihrer eigenen Höflichkeit, die ihnen gerade den Weg zueinander versperrte.

Vielleicht“, sagte Erik schließlich leise, „haben wir beide eine so große Angst davor, den Raum des anderen zu verletzen, dass wir uns in den Vorräumen verlieren.“ Er sah sie direkt an, und zum ersten Mal blitzte ein Funken von Humor in seiner Melancholie auf. „Ich wollte Sie eigentlich fragen, ob Sie Lust hätten, die soziologische Theorie der Resonanz bei einem sehr unakademischen Kaffee im Café am Winterfeldtplatz zu vertiefen. Aber jetzt fürchte ich, das könnte als ungebührliche Einmischung gewertet werden.“

Clara spürte, wie die Anspannung in ihr wich und einer warmen Welle der Zuneigung Platz machte. Dieses Umständliche, dieses fast anachronistische Bemühen um Anstand – es war genau das, wonach sie sich gesehnt hatte, ohne es zu wissen. Es war das Gegenteil der schnellen, hohlen „Matches“, die sie gelöscht hatte.

Erik“, sagte sie und ein echtes Lächeln breitete sich auf ihrem Gesicht aus. „Wenn wir uns weiterhin so diskret missverstehen, werden wir nie zum Kaffee kommen. Ich würde mich sehr freuen. Ganz ohne Verteidigungshaltung.“

Dann halten wir fest“, erwiderte er, und seine Züge entspannten sich sichtlich, „dass wir uns gegenseitig die Erlaubnis erteilt haben, den Raum des anderen zu betreten. Ganz vorsichtig, versteht sich.

Als sie gemeinsam das Institut verließen, achtete jeder darauf, dem anderen nicht zu nahe zu kommen, und doch war die Luft zwischen ihnen geladen von einer Intensität, die kein „Du“ der Welt hätte erreichen können. Sie waren zwei Tulpen im Januar, die sich mühsam durch den harten Boden der Etikette nach oben arbeiteten, fest entschlossen, einander anzunehmen – auch wenn sie dabei erst einmal die Grammatik der Annäherung neu lernen mussten.

Dies war Kapitel 5, nächste Woche lesen Sie in Kapitel 6: Die Architektur der Zwischentöne

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