Aus den amerikanischen Minen in die Taschen europäischer Händlergruppen – Wer am hispanoamerikanischen Gold und Silber in der frühen Globalisierung verdiente

Die Bedeutung der Edelmetalle für die frühe Globalisierung vom späten 16. bis zum frühen 19. Jahrhundert kann kaum überschätzt werden. Die frühe Globalisierung muss als notwendige Vorbedingung der modernen begriffen werden, auch wenn sie mit dieser noch wenig gemeinsam hatte. Im Kern handelte es sich um einen Prozess der dauerhaften Verknüpfung der Kontinente und Großregionen des Globus, der von verschiedenen Kräften und Motivationen vorangetrieben wurde. Imperien erweiterten ihre Herrschaftsgebiete; universalistische Religionen wie das Christentum suchten ihrer Lehre in immer ferneren Weltgegenden Gültigkeit zu verschaffen. Eine zentrale Rolle spielten die Ausweitung und Vertiefung der überregionalen Handelsbeziehungen.

Die Anfänge dieser Geschichte liegen im frühen 15. Jahrhundert, als die Portugiesen ihre Seefahrten entlang der Atlantikküste Afrikas begannen. Den Kontext dieser Unternehmungen bildete ein bereits bestehendes Fernhandelsnetz, das ganz Eurasien, Nordafrika und weite Teil der ostafrikanischen Küstenregionen umfasste. Dabei war die westliche Nachfrage nach Produkten aus dem Osten immer höher als umgekehrt und das daraus resultierende Handelsdefizit musste mit Geld beglichen werden. Das war möglich, weil sich innerhalb dieses riesigen Gebiets zumindest für den Großhandel ein Geldsystem auf Edelmetallbasis durchgesetzt hatte, dessen Wurzeln bis weit in die Antike zurückreichten. Preise konnten in Münzen aus Gold oder Silber angegeben werden, deren Wert ihrem Edelmetallgewicht entsprach. Schon wegen der größeren Verfügbarkeit wurde dabei Silber immer wichtiger. Gegen Ende des 15. Jahrhunderts stammte es vor allem aus mitteleuropäischen Minen, aber auch im osmanischen Reich wurde Silber abgebaut, während sich an der östlichen Peripherie Eurasiens im 16. Jahrhundert Japan als wichtiger Silberexporteur etablierte. Gold stammte dagegen aus verstreuten Fördergebieten wie Sumatra oder dem subsaharischen Afrika. Speziell für die Bedürfnisse des Groß- und Fernhandels begann man in Europa in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts mit der Prägung schwerer Silbermünzen. Deren wichtigste Version sollte bald der spanische Peso zu 8 Reales werden, der von 1537 bis 1778 aus 25,5607 Gramm Feinsilber bestand (1728 bis 1772, 24,6210 Gramm und danach bis noch in die Unabhängigkeit hinein 24,4330 Gramm).

Das eurasische Handelssystem lässt sich – etwas vereinfacht – als steter Strom von Waren von Ost nach West und von Silber von West nach Ost beschreiben. In Europa erzielten dabei die italienischen Seestädte, vor allem Venedig und Genua, mit dem Weiterverkauf der asiatischen Produkte, die sie im östlichen Mittelmeer erwarben, enorme Gewinne, während die Silberbergwerke nördlich der Alpen ständig neues Edelmetall in diesen Kreislauf einspeisten. Die legendären Schätze des Orients und der Reichtum der Italiener weckten Begehrlichkeiten unter den Nettozahlern des Systems. So suchten im Laufe des 15. Jahrhunderts die Portugiesen mit ihren Expeditionen zuerst den Zugriff auf das afrikanische Gold und später den Weg um Afrika herum nach Asien. Dagegen schlug Kolumbus im spanischen Dienst mit seiner Fahrt nach Westen eine direkte Route vor. Doch während die Portugiesen 1488 die Südspitze Afrikas umrundeten und zehn Jahre später nach Indien und von dort nach Südost- und Ostasien gelangten, stießen die Spanier in Amerika auf eine „Neue Welt“, die ihren Erwartungen nicht entsprach. Die indigenen Gesellschaften produzierten fast nichts, was in Europa einen Absatzmarkt wie die asiatischen Luxusprodukte besessen hätte, und sie wiesen auch keine Geldwirtschaft auf. Mit Handel waren daher in Amerika keine großen Gewinne zu machen. So gingen die Spanier schnell dazu über, das neue Land zu erobern und seine Bewohner*innen Arbeits- und Abgabenpflichten zu unterwerfen. In den neuen Territorien stießen sie auf Gold in verarbeiteter Form, das eingetauscht oder geraubt werden konnte, und in der Karibik zwangen sie die einheimische Bevölkerung, für sie Gold zu waschen. Wenig später begannen sie auf dem amerikanischen Festland mit dem Abbau von Silber. Auf diese Weise produzierten die Eroberer und ihre Nachfolger die „Ware Geld“, die sich mit dem Handel nicht verdienen ließ, und sicherten sich so den Zugang zu all den Produkten, die in Amerika nicht zu finden, für ihre Herrschaft, ihren Status und ihre Kultur aber unentbehrlich waren, wie Textilien gehobenerer Qualität (billige wurden bald in Amerika selbst hergestellt), Öl und Wein, Waffen, Eisen- und Kupferwaren oder Papier und Bücher.

Die besondere Bedeutung des Silbers

Seit der Entdeckung der großen amerika­nischen Minen wie Potosí im heutigen Bolivien oder Zacatecas und Guana­juato zur Mitte des 16. Jahrhunderts übertraf Silber das ursprünglich so obsessiv gesuchte Gold bei Weitem an Bedeutung. Zur Aufbereitung der riesigen Erzmengen wurde 1554 in Mexiko ein neues, auf der Amalgamierung des Silbers mit Quecksilber beruhendes Verfahren entwickelt und dann auch in Potosí eingeführt. Während der Silberabbau privaten Unternehmern überlassen wurde, stellte die Krone die Produktion und Verteilung des Quecksilbers unter ein Staatsmonopol, um die Versorgung zu stabilisieren und gleichzeitig aus der Abhängigkeit des Bergbaus eine Einnahmequelle zu generieren. Im Wesentlichen bezog man das benötigte Quecksilber aus Almadén in Spanien und aus den peruanischen Minen von Huancavelica, wo schon die Inkas Zinnober als roten Farbstoff abgebaut hatten, teilweise auch aus Idria im heutigen Slowenien. Alternative Bezugsquellen in China wurden zwar sondiert, aber nie angezapft. In der Folge stammten grob geschätzt schon im 16. Jahrhundert 69 Prozent der Weltsilberproduktion aus dem spanischen Amerika, im 17. Jahrhundert 84 Prozent und im 18. Jahrhundert 90 Prozent.

Der Silberbergbau, besonders sein intensiver Rückgriff auf indigene Zwangsarbeiter, seltener auch auf afrikanische Sklaven, hat wesentlich zum schlechten Ruf der spanischen Herrschaft in Amerika beigetragen, die als besonders brutale Form kolonialer Ausbeutung gilt. Tatsächlich war der Bergbau eine gefährliche Tätigkeit. Unfälle waren an der Tagesordnung; der Staub in den Stollen, besonders auch in den Mühlen, in denen das geförderte Erz zur Aufarbeitung gemahlen wurde, führte zu langfristig oft tödlichen gesundheitlichen Schäden. Dennoch gab es Gegenden, in denen viele, manchmal auch die Mehrheit der Bergleute freie Arbeiter waren, die alle Tätigkeiten, die Erfahrung und Fachkenntnisse verlangten, verrichteten.

Was geschah mit dem amerikanischen Silber? Sein Weg zu den internationalen Märkten war in der Theorie detailliert geregelt. Das Silber aus den Minen musste in Barren gegossen dem nächsten königlichem Steueramt vorgelegt werden, wo je nach Region und Epoche eine Abgabe von zehn bis 20 Prozent zu entrichten war. Als nächstes wurden die nun gestempelten Barren zur königlichen Münzanstalt transportiert, wo aus ihnen gegen die Entrichtung einer weiteren Gebühr der schon genannte Peso (und auch kleinere Münzen) geprägt wurde. Münzanstalten gab es in Mexiko-Stadt, Guatemala, Bogotá, Lima, Potosí und Santiago, wobei die mit Abstand wichtigsten aber Mexiko-Stadt, Potosí und Lima waren. Erst jetzt konnte über das Silber frei verfügt werden. Der Umlauf und Export ungeprägten Silbers war im Prinzip verboten.

Die Münzen und entgegen dem Gesetz auch Rohsilber zirkulierten zuerst in Amerika selbst, um etwa die Zulieferer der Minen und Städte zu bezahlen. Dieses ungeprägte und auch unversteuerte Rohsilber wurde zu einem gewissen Teil mehr oder weniger illegal aus dem Land geschmuggelt, was sich aber nicht quantifizieren lässt, weshalb die Produktionsmengen, die aufgrund der Steuerregister ermittelt wurden, nur Mindestmengen repräsentieren. Am Ende floss das Silber über den Großhandel und zum kleineren Teil als Steuereinahmen der Krone fast zur Gänze aus Amerika ab, vor allem nach Europa und zum geringeren Teil über Acapulco und die Philippinen nach Ostasien. Nach einer Stichprobe aus Schiffswracks geborgener Münzen waren diese zum Zeitpunkt ihrer Ausfuhr aus Amerika im Durchschnitt knapp fünf Jahre alt. Über Geldknappheit in der kolonialen Wirtschaft rissen die Klagen zwar nie ab, ihre Folgen wurden jedoch gelindert, solange vom Bergbau jedes Jahr neues Silber geliefert wurde. Der Austausch von Edelmetallen gegen Importwaren bildete das zentrale Funktionsprinzip der kolonialen Wirtschaft Hispanoamerikas und entsprach den Interessen der von den Export-Importkaufleuten gebildeten kolonialen Eliten. Da die Krone fremde Nationen vom Handel mit Amerika ausschloss, gelangte der Großteil des Silbers nach Spanien, wo damit unter anderem die Warenlieferungen nach Amerika refinanziert wurden. Da die spanische Gewerbestruktur nur einen geringen Teil der benötigten Güter bereitstellen konnte, wurden diese importiert, und das Silber verteilte sich zur Zahlung englischen Woll- und Baumwolltuchs, französischer Seide, schlesischen Leinens oder von böhmischem Glas über ganz Europa. Die Steuereinnahmen der Krone nahmen denselben Weg zur Bezahlung ihrer Auslandsschulden und Armeen.

Nachdem das Silber eine Zeit lang auf dem gesamten Kontinent im Umlauf gewesen war, sammelte es sich am Ende einer Kette von Transaktionen in den Taschen der mächtigsten Händlergruppen Europas, die unter anderem den Asienhandel kontrollierten und das Silber zum größten Teil in den Osten weiterleiteten. Nachdem die Portugiesen die Route um das Kap der Guten Hoffnung eröffnet hatten, übernahmen im 17. Jahrhundert vor allem die privilegierten Handelsgesellschaften der Niederländer, Briten und Franzosen dieses Geschäft und transportierten mit ihren Schiffen riesige Mengen Silbers in den Osten. Auch in Europa wurde der Silberabfluss als Problem diskutiert, aber auch hier sorgte der unablässige Zustrom aus Amerika für Entlastung. Die immer wieder zu lesende Aussage, das spanische Silber wäre am Ende in China gelandet, ist empirisch nicht haltbar. Vielmehr ist von einer Verteilung auf die verschiedenen Regionen Süd- und Ostasiens auszugehen.

Das vorgestellte Schema bedarf einiger Ergänzungen. Über den regen Schmuggel gelangte amerikanisches Silber immer auch direkt nach Nordwesteuropa. Besonders in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurden von der Krone erhebliche Mengen (in erster Linie mexikanischen) Silbers in ihre Besitzungen in der Karibik und im Golf von Mexiko transferiert, um die Verteidigungskosten zu finanzieren. Dort wurden sie von Händlern verschiedener Herkunft erworben und gelangten so nach Europa und in zunehmendem Maße auch in die britischen Kolonien in Nordamerika, die ab 1776 die Vereinigten Staaten bildeten. Diese hatten eine positive Handelsbilanz mit der Karibik und Spanien, aber eine negative mit Großbritannien, sodass die verdienten Pesos zum großen Teil ihren Weg in britische Häfen nahmen.

Europäischer Konsum bezahlt mit amerikanischen Edelmetallen

Die Verteilung des amerikanischen Silbers über den Globus blieb nirgendwo folgenlos. Es finanzierte die spanische Großmachtspolitik und den europäischen Fernhandel mit Asien. Zwischen Europa und China (und im spanischen Amerika selbst) gab es der Monetarisierung der Binnenmärkte und Steuersysteme einen erheblichen Schub. In Teilen Asiens wurden die amerikanischen Pesos im 17. Jahrhundert zur wichtigsten monetären Einheit und auch in den jungen USA galten sie lange als offizielles Zahlungsmittel. Noch heute leitet sich der Name der Währungen mehrerer arabischer Länder und des Iran, der Riyal, vom spanischen Real, der Untereinheit des Peso, ab. Anderswo, wie in den europäischen Staaten oder in Indien, behielt man eigene Münzsysteme bei, die allerdings auf die Einfuhren amerikanischen Silbers als Rohstoff angewiesen waren. Andererseits führte die drastisch vermehrte Geldmenge im 16. Jahrhundert zu einer Abwertung des Silberpreises und deutlichen Preissteigerungen. Historisch vielleicht am bedeutendsten war der Einfluss der spanischen Silberwirtschaft auf die im 18. Jahrhundert einsetzende britische Industrialisierung. Dank der Mechanisierung wichtiger Schritte der Produktion konnten bestimmte Güter, zu Beginn vor allem Textilien, immer billiger und in immer größerer Stückzahl hergestellt werden. Diese musste aber auch abgesetzt werden können und dafür war der, wenngleich kaufkräftige, britische Markt zu klein. Großbritannien hatte schon seit dem Mittelalter beträchtliche Teile seiner Produktion exportiert und diese Ausfuhren stiegen infolge der Industrialisierung kontinuierlich. In Indien oder China bestand nach wie vor kaum Interesse für europäische Produkte. Abnehmer waren so der europäische Kontinent und die karibischen und nordamerikanischen Kolonien. Alle machten sie gute Geschäfte mit Spanien und seinen Kolonien und erhielten so ihren Anteil am spanischen Silber. Dazu kam noch Portugal, das seine Einfuhren seit ca. 1680 überwiegend mit brasilianischem Gold bezahlen konnte. So stärkte der mit amerikanischen Edelmetallen bezahlte Konsum der Iberer die Kaufkraft zahlreicher Gebiete, deren Nachfrage nach britischen Produkten wiederum die Industrialisierung beförderte.

Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 493 März 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.

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