Folgt den Weisungen der WDR-Redakteurin-Legende Marianne Lienau!
Ich habe die entsprechende Weisung auf einer meiner 230 selbst aufgenommenen MCs dokumentiert. Aber dazu weiter unten. Zunächst zum ZDF. Als die ARD-Buddies Jobst Plog und Fritz Pleitgen – es ist nicht verbürgt, bei welchen Getränken – die Schnapsidee ausbrüteten, auf den Sonntags-Tatort eine Talkshow anschliessen zu lassen, hatte das ZDF den Konter bereit. Nach dem Pilcher-Trash und dem heute-journal folgte ein Krimi, und zwar ausgesucht gute Auslandsware.
Mich persönlich kriegten sie mit “Für alle Falle Fitz/Cracker”, das deutlicher als jede Polit-Doku das Post-Thatcher-Kleinbritannien zeigte. Als Kontrastmittel entstanden in den gleichen Jahren die ersten Barnabys, die noch heute 30 Jahre später jeden Montagabend als Wiederholung dem “Hart aber fair”-Trash der ARD den Quoten-Garaus bereiten. Beider Serien gemeinsame Botschaft war nur: “Die spinnen, die Briten” (zit. der Franzose Obelix). Ein Spitzenprodukt mit klarer politischer Sicht war aus Dänemark “Der Adler/Ørnen” mit Jens Albinus in der Hauptrolle, der kürzlich, als habe er Karriere gemacht, als fieser und humpelnder (!) Geheimdienstchef auf Arte wiederzusehen war (nicht mehr in der Mediathek).
Kennzeichnend für alle diese Werke sind die erstklassigen Ensembles. Wie im wahren Leben gibt es keinen Superhelden, um den sich alles dreht. Die Held*inn*en sind widersprüchliche Persönlichkeiten, immer in der Gefahr vom Polzeibetrieb gebrochen zu werden, und mitunter entwickeln und verändern sie über eine horizontale Erzählung ihren Charakter. Und: unpolitisch ist es nie, was passiert.
Von Mutter und Vater dieser Krimi-Erzählweise erfuhr ich durch die grossartige Marianne Lienau, frühere Chefin des ebenfalls grossartigen “Kritischen Tagebuchs” im einstmals grossartigen WDR3. Die grösste Schande deutscher Pulizistik ist, dass die Katholische Kirche den liebevollen Nachruf Dietrich Leders in der Medienkorrespondenz auf diese grosse Dame digital weggesperrt hat. Sowohl mein eigener Link als auch der von Wikipedia führen ins Nichts. Schämt Euch! Der WDR könnte es dokumentieren, wenn er Ehre am Leib hätte … mann wird ja wohl noch träumen dürfen. Aber ich schweife ab …
Es muss 1974 oder 1975 gewesen sein, als Frau Lienau in ihrer Moderation aufrief: “Lest die Krimis von Sjöwall/Wahlöö!” Das hat sie gut gemacht. Ich las alle 10 in einem 6-wöchigen Griechenland-Urlaub 1978, es waren Taschenbuch-Leichtgewichte im prall gefüllten Rucksack. Die Fähre von Italien fuhr noch durch den Kanal von Korinth. Ich trank meinen allerersten “Café Hellenicò”. Es war grossartig. Aber ich will nicht abschweifen.
Insbesondere im zehnten und letzten Band “Terroristerna” erzählte das weise Ehepaar von alldem, was sich in den folgenden Jahrzehnten in den Nato-Ländern, und denen, die es wie Schweden werden wollten, ereignen sollte. Damals war die Sozialdemokratie in Schweden noch sozialdemokratisch und konnte die – ganz anders als die deutsche DKP – eurokommunistisch orientierte Linkspartei im Zaume halten. Sjöwall/Wahlöö wussten: so wird es nicht bleiben. Und der Mord an Olof Palme sollte ja erst 11 Jahre später kommen. Sie haben es vorausgesehen. Warum ist diese Weisheit verschwunden? Warum werden wir heute mit dünnflüssigem Trash vollgekübelt? Aber ich schweife schon wieder ab.
Als Hauptfigur im starken Ensemble stand und steht Martin Beck, ein – eher thannerartig, aber weniger steif – Kontrast zum deutschen Superhelden Schimanski. Ich hatte in den 90ern zunächst die Frühverfilmungen mit Gösta Ekman – war es auf Vox? – gesehen, und war für die coole Interpretation bereits entflammt, wie auch 1996 die Grimme-Preis-Jury. Langlebiger wurde Reihe und Rolle mit Peter Haber (73), dessen Mundwinkel als Vorbild für Angela Merkel gedient haben können, der abr über die Jarzehnte eine beeindruckende schauspielerische Vielseitigkeit zeigte, und die Rolle bis heute behielt.
Sonntag im ZDF hatte er nur noch eine dennoch stark prägende Nebenrolle (Verfügbarkeit nicht angegeben). Ins Zentrum rückt sein Enkel Vilhelm. Der versucht sich – viele Misserfolge pflastern seinen Weg – im Polzeidienst vom Streifenpolizisten hochzuarbeiten in die besser angesehenen Ermittler*innen-Teams. Dem Sohn einer alleinerziehenden Freundin ist der Eintritt in den hiesigen Bonner Polizeidienst weit besser gelungen – mit dem sozial vererbten Selbstbewusstsein seiner Mutter. Denn die Ermittler*innen in “Beck” werden – Prophetie oder Wirklichkeit? – von starken Frauen geführt. Die schwer durchschaubare, weil Politikerinnenzüge annehmende, Bossin ist die einer iranischen Familie entwachsene Nina Zanjani, die in “Vilhelm” die von Jennie Silfverhjelm nicht minder beeindruckend gespielte Chefermittlerin in die Verzweiflung treibt. Beider Wikipedia-Eintrag könnte mal eine Auffrischung vertragen. Was machen deren Agenturen eigentlich den ganzen Tag?
Das Gute für uns und das ZDF: drei Folgen folgen noch (sonntags 22.15 h).

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