Neue weibliche Erzählstimmen aus Lateinamerika und der Karibik
Es boomt wieder, ist in lesenden und verlegerischen Kreisen zu hören. Autorinnen aus Lateinamerika seien seit den 1980er-Jahren kontinuierlich auf dem Vormarsch und stellten mittlerweile die rein männlichen Vertreter des sogenannten ersten literarischen Booms in den 1960er- und 1970er-Jahren in den Schatten. Aber was soll dieser Vergleich mit Männern überhaupt? In Lateinamerika sträuben sich bei vielen Schriftstellerinnen die Haare. „Unangemessen, unzureichend“ sei diese Rede von der angeblichen Wachablösung, heißt es. „Da werden wir wieder einmal kontinentweit undifferenziert in einen Topf geworfen.“ Eine sexistische Verniedlichung sei das und mache gut schreibende Frauen erneut zur Ausnahme. Das gibt zu denken.
Wer im Besitz eines Deutschlandtickets ist und bei längeren Zugreisen mit der Deutschen Bahn nahezu sicher Anschlüsse verpasst, hat bald einen Überblick über das Angebot von Bahnhofsbuchhandlungen im Bundesgebiet. Die erste Erkenntnis: Was ein Bestseller wird oder werden soll, ergibt sich aus der blickfanggerechten Platzierung auf einem Tisch in der gut beleuchteten Mitte des Ladenlokals, ausgerichtet auf schnelle Überzeugung von Laufkundschaft. Die zweite: Bücher aus Lateinamerika gehören nicht zu einer Spezies, der man zutraut, einen Kaufreiz auszulösen. In besagten Buchhandlungen stehen sie nicht einmal in den alphabetisch geordneten Seitenregalen. Lateinamerikanische Autoren kommen, das ist im Vergleich zum sonstigen Buchangebot verwunderlich, überhaupt nicht vor, Autorinnen sehr sparsam. Um genau zu sein: Die Chilenin Isabel Allende war im ersten Halbjahr 2026 gerade einmal vorhanden (im Kölner Hauptbahnhof mit „Der Wind kennt meinen Namen“). Die zweite war die Brasilianerin Morgana Kretzmann (in Hamburg mit „Die Stimmen des Yucumã“). Das war‘s. Ein neuer lateinamerikanischer Boom ist zumindest in Bahnhofsbuchhandlungen nicht zu erkennen. Auch dass er weiblich sei, dürften eher werbewirksame Behauptungen von Verlagen sein. Zudem ist die erstgenannte der beiden Schriftstellerinnen längst aus dem Entdeckungsalter hinaus.
Statistisch ist eine solche Beobachtung nicht wirklich unterfüttert und lässt den Fachhandel außen vor. Tatsächlich sind eine ganze Reihe von (Roman-)Erzählerinnen aus Lateinamerika ins Deutsche übertragen. Im Jahr 2025 etwa verließen meiner Zählung nach 16 Romane jüngerer lateinamerikanischer und karibischer Autorinnen Verlagsdruckereien im deutschen Sprachraum. Mit Ausnahme von Monique Roffeys auf Englisch geschriebenem „Die Meerjungfrau von Black Conch“ (Trinidad & Tobago), Yanick Lahens „Mondbad“ auf Französisch und zwei brasilianischen Titeln („Die Frauen der Familie Flores“ von Angélica Lopes sowie der oben erwähnte Roman von Morgana Kretzmann) sind alle im Original auf Spanisch. Ebenso kommen mit Ausnahme von Trinidad & Tobago und Haiti alle Autorinnen aus wenigen großen Ländern mit entsprechend strukturiertem Literaturbetrieb. In der sogenannten Peripherie ist die Verlagslandschaft zu klein. Für 2026 kündigen Verlage nur vier Neuerscheinungen aus Lateinamerika an, in einer Vorausschau für 2027 ist es bislang nur eine: die Neuauflage eines Romans der 1977 verstorbenen Brasilianerin Clarice Lispector. Faktisch werden weiterhin mehr Autoren als Autorinnen übersetzt, auch wenn sie es dann ebenso wenig ins Sortiment der meisten Buchhandlungen schaffen.
Eine Übersetzung, heißt es im lateinamerikanischen Literaturbetrieb, ist wie der Ritterinnenschlag, der aus dem oft sehr kleinen nationalen Markt führt, genauso wie Literaturpreise. Eine zunehmende Zahl von engagierten Kleinverlagen, vielfach von Frauen geführt, bemüht sich aktuell stark um beides. Dennoch: Übersetzt werden eher Autorinnen aus Ländern, in denen internationale Verlage wie Alfaguara, Anagrama, Grupo Planeta, Seix Barral, inzwischen auch Penguin Random, den Literaturbetrieb dominieren und zum Teil ambitionierte Kleinverlage aufgekauft haben. Hierzulande wichtig, weil mit Preisgeld beziehungsweise Übersetzungsförderung für Autorinnen aus dem Globalen Süden verbunden, wurde der LiBeraturpreis, 1988 vom Ökumenischen Zentrum Frankfurt initiiert. Immerhin 14 Autorinnen aus Lateinamerika erhielten bisher den Preis. Wegen Streit um die palästinensische Preisträgerin Adana Shibli 2024 ist er derzeit ausgesetzt. Ebenso wirkungskräftig ist der Anna-Seghers-Preis (seit 1986) als Übersetzungsstarthilfe für Nachwuchsautor*innen. Im Jahr 2026 erhält die elfte Frau aus Lateinamerika den Preis: Daniela Catrileo (geb. 1987), eine chilenische Mapuche. Die fünfte war 2004 Claudia Hernández aus El Salvador. Bedeutsam für junge Autorinnen ist auch die bislang zweimal (2007 und 2017) getroffene Auswahl „Bogotá 39“ von 39 Autor*innen unter 39 Jahren. Im Jahr 2007 waren elf Frauen darunter, auch Claudia Hernández; 2017 dann 13. Bis zur Hälfte des Himmels dauert es noch.
Weiblich – was ist weiblich?
In Klappentexten von Romanen steht regelmäßig: „XX gehört zu den bedeutendsten Stimmen des Landes Y“ (oder gar Lateinamerikas). Auch das Etikett „weibliche Themen“ liegt im Baukasten der Versatzstücke. Dabei hat das, was „weiblich“ sein soll, eine interessante Entwicklung genommen. Als 1996 die Anthologie „17 Narradoras latinoamericanas“ der Argentinierin Cecilia Absatz (geb. 1943) erschien, war das zwar, wie in der Einleitung steht, eine Auflehnung gegen männliche Dominanz in der Literatur, aber die Kollektion bestand aus Jugendliteratur. Die Autorinnen bedienten in den ausgewählten Geschichten die herrschende Vorstellung von Weiblichkeit. Sie „kümmerten sich um eine attraktive Thematik von Liebe, Freundschaft, Beziehung zwischen Eltern und Kindern, Jugend, Mann-Frau-Beziehung, ‚immer aus weiblicher Perspektive, aber auch aktuell und mit Verantwortung für unsere Gesellschaft‘“. Eine Autorin mit erotischer Thematik wie die Kolumbianerin Marvel Moreno (1939-1995) fiel aus dieser Zeit. Ihr Erstlingswerk „Im Dezember der Wind“ lag lange in der Schublade und erschien erst 1987 in Barcelona, 2014 in Bogotá, auf Deutsch schließlich 2024, entdeckt von ihrer begeisterten Übersetzerin Rike Bolte. Marvel Moreno, einst Karnevalskönigin in Barranquilla, selbst Angehörige der Upper Class, überzieht diese mit vernichtendem Hohn, und das in wunderbarer, seitenlang mäandernder Prosa, in der „unschickliches“ weibliches Begehren das Bindeglied zwischen allen Frauenfiguren ist. „El tiempo de las amazonas“, ihr zweiter Roman, kam überhaupt nur posthum heraus, ihre Familie verweigerte die Veröffentlichung lange wegen angeblicher „stilistischer Schwächen“. Marvel Moreno gehörte zum Literaturkreis um den „Boom-König“ Gabriel García Márquez in Barranquilla. Hätte sie sich darauf beschränkt, Erfrischungsgetränke zu reichen, wäre sie vielleicht später als begehrenswerte Muse des Booms erwähnt worden. Auch die damals führende Literaturagentin Carmen Barcells (1930-2015) schwieg über sie – die Spanierin gilt als „Erfinderin“ des Booms.
Wie Frauen schreiben sollen
Heute gehört weibliches Begehren zum Kanon. Ebenso Gewalterfahrungen, reproduktive Selbstbestimmung und Hadern mit der Mutterschaft, Frauenmorde (feminicidios) und gern noch ein Schuss Erotik. Autorinnen sollen offenbar Zeugnis ablegen von allen Übeln der Welt, am besten so, dass man es überall und sofort versteht: weibliche Care-Arbeit! Ach ja: und autobiographisch sein (was Literatur immer irgendwie ist). Deswegen vielleicht braucht jemand wie die Peruanerin Gabriela Wiener keine weitere Promotion. Ihr auf Deutsch fast kokett „Unentdeckt“ betitelter Roman (2025, Spanisch „Huaco retrato“, 2021) wurde 2024 für den International Booker Prize nominiert und in acht Sprachen übersetzt. Das Rezept hier: Spurensuche nach einem berühmten Vorfahren in antipatriarchaler und dekolonialer Absicht, ein autobiographisches Ich, das sich von der Familie emanzipiert hat und in Spanien offen in einer polyamourösen Beziehung lebt. Setting und Lebensgefühl sind global urban. Leser*innen zieht so etwas an.
Das tut die Literatur ihrer Landsfrau Julia Wong (1965-2024) weniger. Sie gehört zur chinesischstämmigen Gemeinde Perus (den „tusanes“), hat die Entwurzelten im Blick sowie den Rassismus der Mehrheitsgesellschaft gegenüber denjenigen, die wie sie aussehen. In Peru gründete sie 2017 „tu sanaje“, einen Kulturkreis von Gleichgesinnten. Ihr Roman „Mongolia“ von 2015 wurde nicht übersetzt. Darin kreist die autobiographisch inspirierte Ich-Erzählerin in Macao um die Frage, wie ihr Kind, das das Down-Syndrom hatte, vom Balkon fiel und starb. Man ahnt, sie ist wohl die Täterin. In der Mongolei kauft (!) sie sich ein neues Kind, das stirbt, als sie dessen Füße mit dem Messer aufschlitzt. Ein verstörendes Buch, ein gestörtes Ich. Ein kaum auszuhaltendes Durchspielen von Tabuthemen, ein Sezieren von Heimatlosigkeit in der Diaspora. Gerade übersetzt wurde das ebenfalls nicht massentaugliche „Zur anderen Seite des Ozeans“ im Kleinverlag Isele. Darin gelingt es einem tusan-Mädchen Ende des 18. Jahrhunderts, mitten im Unabhängigkeitsfieber in Lateinamerika, als Junge verkleidet von Spanien nach Peru zu reisen. Perspektiven wechseln, aber der radikale Blick auf die Marginalisierten und Armen bleibt. Julia Wong schrieb das Buch, als sie schon vom Krebs gezeichnet war. Es ist ein Schelmenroman, der weiterer Überarbeitung bedürfte. Viele Themen wie selbstbestimmte Liebe, auch bei indigenen Frauen, lesbische Beziehungen, Bewunderung wenig geschätzter Länder, Natur und Speisen, Solidarität mit Schwarzen, diverses Zusammenleben, die Bedeutung von Heimat wie auch des gerade in Peru verehrten Forschers Humboldt wirken im Text wie noch zu entwickelnde Merkposten.
Und wenn die Peripherie das Zentrum wäre?
Großverlage befinden offenbar, dass ihre Literatur „nachvollziehbar“ sein und Themen behandeln muss, die „en vogue“ sind. Aber es gibt auch übersetzte Autorinnen, die sich dem Erfahrungshorizont der aufgeklärten Mittelschichtsleserin verweigern und Themen bearbeiten, die nicht verpflanzbar sind. Gerade auch in der Peripherie. Nehmen wir Autorinnen der zweigeteilten Karibikinsel Hispaniola. Haiti: litradukt in Trier ist der einzige Verlag in Deutschland (in der Schweiz ist das Rotpunkt), der schwerpunktmäßig haitianische Literatur herausbringt. Von den sechs Romanen von Emmelie Prophète (geb. 1971) ist nur der erste übersetzt, „Das Testament der Einsamen“ (2012), eine postkoloniale Spurensuche. Yanick Lahens (geb. 1953) ist mit „Sanfte Debakel“ und „Mondbad“ in litradukt vertreten. „Mondbad“, 2014 erschienen, 2025 übersetzt, zeichnet die Geschichte Haitis im Spiegel von Frauen, die in ihr platziert werden oder ihren Platz zu finden versuchen. „Tanz der Ahnen“ (Rotpunkt 2004) ist aus der Sicht einer Tochter in der aufstiegsbestrebten schwarzen Kleinbourgeoisie geschrieben, die alles daran setzt, kulturell „weiß“ zu werden. Besonders der Vater lehnt die eigene Kultur ab, aber Tochter Alice gelingt es im Laufe der Jahre, ihren Wunsch umzusetzen, tief in die Vaudou-Kultur der Schwarzen einzutauchen. Eine durchaus wörtlich zu nehmende Entfesselung, die nichts von der selbstoptimierenden Technik gegen das Böse hat, wie sie die Protagonistin Emmanuela, Leiterin einer Bankfiliale in Port-au-Prince, in „Der Engel des Patriarchen“ von Kettly Mars sucht, einer anderen haitianischen litradukt-Autorin. Geister, Dämonen und ein Fluch auf der Familie, dazu starke Frauen – da wird Haiti zur schaurig-schönen Kulisse. In „Fado“ lässt Kettly Mars ihre wohlhabende, verheiratete Protagonistin Erlösung suchen, indem diese sich trennt und als Prostituierte in einem schäbigen Bordell arbeitet. Aber was nach Befreiung klingt, bekräftigt doch die herrschende Geschlechterhierarchie, da alle Prostituierte, allen voran Protagonistin Anaïse, nur nach dem Bett des – natürlich verständnisvollen – Bordellchefs lechzen. Auch „Vor dem Verdursten“ bleibt halbherzig. Die reichlich unappetitliche Geschichte eines Architekten, der in den Slums nach dem großen Erdbeben von 2010 krankhaft jede Woche Sex mit kleinen Mädchen kauft, klagt zwar die Verlogenheit der internationalen Helfercommunity an, verschluckt sich aber am Ende in der romantischen Heilung durch eine klarsichtige Japanerin.
Ganz anders auf der anderen Seite der Insel, in der Dominikanischen Republik. Rita Indiana Hernández (geb. 1971), Musikerin und Schriftstellerin, hat einen ausgeprägten Sinn für Humor. Ihr einziger ins Deutsche übersetzte Roman „Tentakel“ von 2018 (original 2015), in dem die Protagonistin das Geschlecht wechselt, ist Trash, hochsensible Gesellschaftssatire und Science-Fiction in einem. Nicht vergessen werden sollte Camila Sosa Villadas „Im Park der prächtigen Schwestern“ von 2021. Die Autorin, geboren 1982 in Córdoba/Argentinien, selbst trans, beschreibt in dem Roman das von Gewalt, Ausgrenzung und Armut gezeichnete Leben der trotz allem solidarischen trans Gemeinde. „Die literarische Sensation des Jahres“, schrieb die Tageszeitung Página 12. Heute hoffentlich immer noch, Boom hin oder her.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 497 Juli/Aug. 2026, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn. Links wurden nachträglich eingefügt.

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