Wundersame Bahn CCLIII
Was stellen Sie sich, nur mal so als Beispiel, persönlich unter einem Verkehrsverbund vor? Ich war in den 70ern im Ruhrpott zum Radfahrer geworden. Die Anschlüsse an den Stadtgrenzen von Essen, Gelsenkirchen und Gladbeck waren so schlecht, dass ich doppelt so schnell zur Schule kam. 1980 dann, ich war schon vier Jahre in Bonn, gründete sich dort der “Verkehrsverbund Rhein-Ruhr” und ich wurde zunächst neidisch. Sollten sich die 15 Städte und Kreise, die dort das Ballungsgebiet doppelt so gross wie Berlin bilden, etwa auf Zusammenarbeit geeinigt haben?
Eine Testfahrt 25 Jahre später ergab: nichts hatte sich gebessert. Die Fahrtzeit war exakt so langsam, wie in den 70ern. Schon damals stellte ich mir die Rätselfrage, was die wohl den ganzen Tag in einem Verkehrsverbund machen. Pendler*innen an Bonns Bahnhöfen haben dieses Rätsel schon längst aufgegeben. Umlösbar. Keine Bahn und kein Bus wartet auf den anderen.
2006-16 arbeitete ich beruflich für die Bonner Kommunalpolitik. Dort lernte ich, dass die Stadtratsfraktionen in die regionalen Gremien grundsätzlich nicht ihre Besten, sondern die schicken, die den Altagsbetrieb im eigenen Rathaus möglichst wenig stören sollen. Dafür müssen sie beschäftigt werden mit Jobs, die ihnen Wichtigkeit suggerieren. Ein Prinzip, das nicht nur in den Grünen galt und gilt, sondern in allen Parteien. So setzen sich dann auch die politischen Gremien des Verkehrsverbundes Rhein-Sieg zusammen, der – ich weiss nicht, was das wieder gekostet hat – sich jetzt so volkstümlich “Go Rheinland” zu nennen versucht.
Dort reden und beschliessen sie über die alljährlichen Preiserhöhungen. Für die Besprechung der Stilllegung der rechtsrheinischen Bahnstrecke von Troisdorf nach Wiesbaden war da sicher keine Zeit. Die gleichzeitigen Bauarbeiten der Stadtwerke Bonn sind halt so unausweichlich, wie die Tatsache, dass die schnellste Köln-Bonner-Verbindung, der RE5/RRX-Betrieb von National Express zur gleichen Zeit nur mit halber Kapazität fährt.
Dieser von Siemens konstruierte und ausgelieferte Zug hatte in der vorigen Hitzewelle im Juni damit Aufsehen erregt, dass niemand bei der Konstruktion der Klimaanlage diese Temperaturen geahnt hat, und knapp 500 Fahrgäste aus einem liegengebliebenen Zug notevakuiert werden mussten. Die nötige Überabeitung in den Werkstätten halbiert halt die Waggonkapazität, nachdem die Gleiskapazität ja leider, leider gleichzeitig auch halbiert ist.
Im Alltagsbetrieb äusserte sich das am Kölner Hbf. so. Der RE5 sollte mit 10 Minuten Verspätung eintreffen. Die Gleisänderung am gleichen Bahnsteig war noch das kleinste Problem. Um 18.30 h war der Bahnsteig mit Wartenden sowieso überfüllt. Die Bahnsteiganzeige meldete zusätzlich “mehrere Wagen fehlen” (so auch bahn.de im Internet). Was ein schlechter Scherz ist, weil der RE5 aus nur zwei Wageineinheiten besteht (ähnlich den meisten ICEs). “Mehrere” bedeutet also streng sachlich “Der Zug fällt aus”. Die angegebenen Gleisabschnitte der Bahnsteiganzeige gingen aber – das stellte sich für die Fahrgäste erst bei Einfahrt des Zuges heraus – noch von zwei Zugteilen aus, waren also falsch. Damit war für die Hälfte der Wartenden, darunter ich (ganze ohne ein Schild “Ich hatte vor 1 Jahr einen Herzinfarkt”), keine Chance auf einen Sitzplatz.
Hier erweist sich, dass für die Verhältnisse der Wirklichkeit bei der Bahnsoftware die passenden Tasten fehlen. Ein klassischer Fall für echte Menschen, die Verantwortung übernehmen. Die will aber niemand (beim Konzern), weil die Geld kosten. Die Fahrgäste können nirgendwohin mit ihren Fragen (und Ärger), ist ja niemand da. Das soll so sein. Oder?
Wie habe ich dennoch überlebt? Die Klimaanlage funktionierte. Ich wollte auf jeden Fall noch Spanien-Frankreich lebend erleben.
Jetzt du, Verkehrsverbund! Mutmasslich kürzt Du dem National Express das Honorar für die Minderleistung. Das landet dann bei Dir in der Buchhaltung, dort, wo auch die erhöhten Fahrpreise landen. Wir Fahrgäste haben davon genau: Nichts!
Plärrende Kleinkinder quälen ihre Eltern und die anderen gestressten Fahrgäste, viele in Panik, ob sie an ihrem Ziel rechtzeitig zum Ausstieg gelangen. Wäre noch Corona, hätten das jetzt alle. Die Zuginsassen müssten komplett in die Isolierung. Aber wir haben ja nur Hitzetote. Die sieht und hört keine*r.
Wo ist das Positive? Die in den Autos haben es auch nicht besser. Das tröstet nicht. Ein Grund, warum Wahlen so ausgehen, wie sie ausgehen.

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