Beueler-Extradienst

Meldungen und Meinungen aus Beuel und der Welt

Kategorie: Genuss (Seite 12 von 58)

Komödie des Geldes, 21. Dezember 2024: Eis

Alwys, Jelena und ihr kleiner Bruder gingen gemeinsam hinüber zum Haupthaus. Er achtete sehr darauf, nicht schneller als die beiden zu werden. Es waren nur zwanzig, vielleicht fünfundzwanzig Meter. An Jelena bemerkte er, wie sich ihr Gang vom Kaffeetisch hinüber zu ihrer Familie, änderte, härter wurde, etwas weniger elegant. Ihre Körpersprache war jetzt eine ganz andere. Es wirkte alles viel gedrängter, die Gesten und der Körper. Jelena sprach mit ihren Eltern – es mussten wohl ihre Eltern gewesen sein, die etwas zerknirscht Fragen an Jelena richteten – in ihrem Dialekt mit vielen slowakischen Worten dazwischen. Es ging wohl um den Ausflug mit ihrem Bruder. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 20. Dezember 2024: Child in Time

Draußen war es an diesem frühsommerlichen Sonntagnachmittag nicht sonderlich heiß. Es ging sogar ein immer noch frischer Luftzug über das Gehöft. Die Slowaken saßen auf den Eingangsstufen des Herrenhauses, die Kinder spielten irgend etwas mit Holzklötzen, die sie durch die Luft wirbelten. Jelena lugte ab und zu heraus und der kleine blonde Junge, mit dem sie streng sprach, war wohl ihr Bruder. Die geplante Radtour nach Bingen war schon nach wenigen Kilometern beendet, als sie am Rheinufer zum Fähranleger kamen. Der Rhein mitsamt seinen Inseln war am Ingelheimer Hafen so breit wie der Mississippi. Das Rheingau lag vor dem Betrachter wie in einem aufgeschlagenen Bilderbuch. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 19. Dezember 2024: Olfactory

Die Nacht war für Alwys recht kurz gewesen. Nach drei Uhr hatte sich die scheinbare Verschwörung weniger verschwörerisch aufgelöst, als es das emsige Pläneschmieden hätte vermuten lassen dürfen. Nachdem Legu dem Ganzen mit seinem „wir bezahlen es mit dem Klang des Geldes“ noch eins oben auf gesetzt hatte, winkte Angel diesen sehr gewagten Gedanken mit eifrigem Handwedeln und hörbar nach Luft schnappend ab, so, als wollte sie eine schwarze Wolke Mücken vor ihrem Gesicht vertreiben. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 18. Dezember 2024: Fesselballon

Und schon war Harry verschwunden, wie ein Spuk. Der Spuk sollte aber eigentlich jetzt erst beginnen.

„Wenn ihr mitmacht und helft, denen den Knall zu klauen, dann können wir hier zu Heilern werden. Die ganze Gegend ist krank seit Ramstein. Die sind total fertig seit dem Unglück. Die Amis hören aber nicht auf mit ihren Tiefflügen, die Deutschen üben mit denen gemeinsam. Letztens erst ist in Linz oben auf den Rheinhöhen bei Bonn eine F 16 direkt neben einem Krankenhaus eingeschlagen. Die brauchen gar nicht mehr anderen den Krieg erklären, die schaffen das auch ohne Gegner sich umzubringen und Teile der Zivilbevölkerung auch. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 17. Dezember 2024: Geld

Legu stand auf, blickte kurz in die Runde und verließ die Küche. Angel hatte ihn noch nie so entschlossen erlebt. Sein Gang war anders als bei seinen endlosen Dünenspaziergängen, fast schon rasch: Sie hörten ihn über den Schotter in seine Bibliothek schreiten, Tür auf, kurzes Knarren der Scharniere, zwei, drei Worte zu Fritz, dem Leguan gesprochen, Geraschel, ein paar Bücher purzelten wohl auf den Boden, kurzes Fluchen, wieder das Knarren der Scharniere, Tür zu, über den Schotter zurück zum Wirtschaftsgebäude und Legu stand mit einem sandsackartigen Beutel am Küchentisch wie ein Kaiser-Wilhelm-Denkmal – fehlte nur noch ein Gaul zwischen seinen O-Beinen. Weiterlesen

Projekttechnisch

„Wir laufen projekttechnisch dem Anspruch hinterher.” zitierte die FR den leitenden Angestellten der Borussia Dortmund GmbH & Co. KGaA, Sebastian Kehl. Diese merkwürdige Sprachfigur wurde mittags durch das nicht minder kantige “punktetechnisch” ersetzt und korrigiert. Die korrigierte Ur-Formulierung hat in diesen Zeiten der “Zeitenwende” das Potenzial der Universalität – immer verwendbar auf fast alles. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 16. Dezember 2024: Wanderdüne

„Karel Gott spielt jetzt im Operettentheater in Prag in der lustigen Witwe. Jeden Tag zweimal ausverkauft,” berichtete Jelena den neuesten Prominentenklatsch. „Müsste ich mir eigentlich einmal ansehen fahren. Die lassen mich aber nicht mehr rüber.“

„Singt er die Titelrolle? Josh, wenn wir die Yacht fertig haben, dann schicken wir diesem Knödeltenor einmal eine Postkarte und schreiben darauf: Einmal um die ganze Welt, trau dich!“ Weiterlesen

Komödie des Geldes, 15. Dezember 2024: Interlude

Die Ewigkeit des Rock
In memoriam Andreas Obst

Als die Schallplatte noch zwei Seiten hatte, währte die Ewigkeit des Rock gerade mal eine halbe Stunde: Bis zum Umdrehen der Scheibe. Das hatte Vor- und Nachteile. Nachteilig war, dass der im Rock virulente Wunsch nach musikdramatischen Dimensionen in den durchkomponierten Konzeptalben, vor allem im sogenannten “progressiven Rock” der siebziger Jahre, eine dramaturgisch jähe Zäsur erfahren musste. Tatsächlich gab es auch im Rock eine Diskussion über den gesellschaftlichen und historischen Stand des musikalischen Materials. Weiterlesen

Exzess all Areas

Berliner Ausstellung über Semiha Berksoy – Sie ist Kunst- und Operndiva und erste „Staatskünstlerin“ der Türkei. Im Hamburger Bahnhof in Berlin ist nun eine Retrospektive zu sehen.

„Ich bin ein Gesamtkunstwerk, eine Synthese aus allen Kunstformen.“ So ungebrochen, wie Semiha Berksoy 2003 den Kurator Hans Ulrich Obrist in einem Gespräch beschied, würde sich heute kaum ein:e Künst­le­r:in mehr mit einer Formel beschreiben, die nach Genieästhetik und Selbstüberschätzung riecht. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 14. Dezember 2024: Teiggespräch

„Hmm,” meinte Alwys, „wie sieht’s denn aus? Müssten wir nicht für die Ziehung nächste Woche neue Lottozahlen pendeln?“

„Machen wir nach der Partie Mensch-ärgere-dich-nicht,” grummelte Josh vor sich hin, als er Legu mit einer satten drei genau vor dem rettenden Hütchenhafen hinauswarf.

Über dem Küchentisch hing eine große blaue Papppyramide, entworfen, geschnitten und gefaltet von Angel, kopfüber von der Decke herab. An deren Spitze baumelte ein kleines Lot, wie es Maurer benutzen, um festzustellen, ob die Wand wirklich senkrecht hochgezogen wurde. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 13. Dezember 2024: Fritz

Vor einem Jahr kam es in der Nähe, in Ramstein, zu einem schweren Unglück, als ein Jet einer italienischen Flugstaffel bei einer Flugschau auf der amerikanischen Airbase brennend auf die Zuschauer stürzte. Aus Legus Familie starb ein Nachzügler-Cousin. Dessen Freundin überlebte mit schweren Verbrennungen am ganzen Körper. Eine Schadensersatzklage war noch anhängig. Etliche Psychologieinstitute leisteten in der Gegend immer noch seelischen Beistand. Das Trauma hatte auch Legu bis hinunter zum Rhein erreicht. Legu war eigentlich nicht gut auf sein Heimatkaff, in dem es nur zwei Familiennamen gab, zu sprechen. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 12. Dezember 2024: Kontinentaldrift

Legu wohnte schon seit ewigen Zeiten hier. Er war gewissermaßen die graue Eminenz in der Republik freier Flaschenhals. Etwas grau an den Schläfen war der Mittvierziger tatsächlich über die Jahre geworden. Im Schweinestall, neben Angels und Joshs Grafikatelier, befand sich Legus großartige Bibliothek, die er über die Jahre antiquarisch und dazu systematisch aufgebaut hatte. Rund um den fast zwanzig quadratmeter großen Raum standen die Bücher schon zweireihig bis unter die Decke hoch aufgestellt. Legu wusste aber genau, wo jedes Buch zu finden war. Etwa Fichtes Reden an die Deutschen oder ein Nachdruck von Michael Preatoris’ ikonographischem Standardwerk „Musica getutscht“ aus der Renaissance. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 11. Dezember 2024: Republik freier Flaschenhals

Alwys kam nach einer halben Stunde mit Joshs R4 von Anatols Heimfahrt zurück an den Winzerhof. Der bestand aus einem stattlichen Haupthaus, rechts davon ein nur wenig kleineres Wirtschaftsgebäude mit Fachwerk am Giebel und einem ehemaligen Schweinestall dahinter. Das fast fußballfeldgroße Gehöft war von einer hohen Steinmauer aus Bruchstein eingefasst und von wilden Weinreben überwachsen. Weiterlesen

Die meiste Zeit krank

Schwere emotional mitnehmende Doku – und federleichte belgische Serie

Die Musikdokumentationen, die Arte für sein TV-Programm aussucht, sind immer von ausgesuchter Qualität. In diesem Einzelfall muss ich ein Geständnis vorausschicken: dieser Film hat mich, insbesondere in seiner Schlussphase, noch mehr berührt, als es ihre Lieder konnten: Joan Baez – Mit lauter Stimme – Das eindringliche Porträt der legendären Sängerin und Aktivistin Joan Baez begleitet sie auf ihrer Abschiedstournee und gibt einen unvergleichlich intimen Einblick in ihr Leben – von den Höhen der Bürgerrechtsbewegung und ihren musikalischen Erfolgen bis zu den Auseinandersetzungen mit ihren persönlichen Dämonen.” Ein Film von Karen O’Connor, Miri Navasky und Maeve O’Boyle, koproduziert von Patti Smith, verfügbar bis 5.1.2025. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 8. Dezember 2024: Break again

Mit wenigen Schritten stürzte sich Alwys den herausströmenden Menschen in die S-Bahn entgegen. Die Trasse führte quer durch das Opel-Werksgelände. Vor der neuen Omega-Montagehalle war eine Betriebshaltestelle für die Schichtarbeiter. In die Halle selbst durfte fast niemand hinein. Wie man sich in der Umgebung erzählte, arbeitete dort eigentlich auch niemand mehr. Die Montage würde größtenteils von Computerarmen übernommen, die mit viel Feingefühl schweißen könnten und mit Saugnäpfen das ganze Vehikel zusammensetzten. Über diesen Sachverhalt wurde eigentlich nirgends richtig berichtet oder offen gesprochen. Viele Opel-Arbeiter hätten darüber gar nicht wirklich sprechen können, weil sie gar kein Deutsch konnten. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 7. Dezember 2024: Zeit

Vom Bahnhof in R. war es tatsächlich nicht weit bis zur Lokalredaktion. Der Bahnhof war typisch deutsch. Im schalterlosen Gebäude roch es flüchtig nach Urin. An den Wänden hingen diese antiseptischen Plakate mit Bahntouristen in der weiten Welt, meist vor den Alpen. Oder ein schlafender Autofahrer, dessen PKW im angehängten Wagenteil mittransportiert wurde, träumte von Strand, Sonne und Meer. Weiterlesen

Mächtige der internationalen Kunstwelt

Sheikha Hoor al-Qasimi – Die Sultanstochter aus einem Emirat wird 2024 von einem Londoner Magazin zur einflussreichsten Person der Kunstwelt gezählt. Hier kennt man sie kaum.

Eine kleine Frau von zierlicher Gestalt, unauffällige Eleganz, meist mit dicker Hornbrille. Wer Hoor al-Qasimi zum ersten Mal trifft, assoziiert Macht am wenigsten mit ihr. Auch wenn die Kuratorin aus Schardscha, einem der sieben Scheichtümer der Vereinigten Arabischen Emirate (VAE), ihre Mutter als Kind mal mit dem Wunsch überraschte, „Chef“ werden zu wollen. Weiterlesen

Komödie des Geldes, 6. Dezember 2024: Supper‘s Ready

Es wurde Zeit in die Franz-Vorlesung zu eilen: „Komödie des Geldes.” „Jetzt mache ich einmal Literaturwissenschaft, wie ich sie verstehe,” hatte der graugelockte Professor Franz zu Anfang in einem der steil abfallenden, kleinen Hörsäle gesagt und fing sofort mit Lukács „Theorie des Romans“ an. Über Max Webers Aufsatz zur Konvertierbarkeit der menschlichen Arbeit in Geld, Karl Marxens Mehrwerttheorie und der Tatsache, dass dies alles bei den Griechen eben nicht griff, Mehrwerttheorie, Konvertierbarkeit der Arbeit in Geld, weil es in einem Sklavenhalterstaat, der Griechenland war, eben gar nicht erst einen Begriff von Mehrwert gab, kam Franz von Plautus, über Molière zu Sternheim: „Wir haben einen Eindruck, soll der einmal gesagt haben,” sagte Franz. Weiterlesen

Wundersame AutoBahn 5

Verkehrspolitik war noch nie mein Fall. Außer: aus politikwissenschaftlicher Sicht  war ich vollkommen begeistert, als bei den Grünen in der ersten Legislaturperiode ihrer Präsenz im Bundestag Dieter Dabriniok und Hans-Werner Senfft auf die geniale Idee kamen, über 1.000 Anträge zum  Bundesverkehrswegeplan zu stellen – ein Unterfangen, auf das bis dato keine Fraktion und keine Abgeordnete gewagt hatte, und das mit plötzlicher Aktualität und Brisanz den Bürger*innen  vor Ort klar machte, dass sie nicht gegen Straßenplanungen hilflos seien, wie es ihnen FDP, SPD und CDU/CSU Abgeordnete immer erzählt hatten, sondern ihre Volksvertreter vor Ort wirklich verantwortliche Täter für manche alleinstehende Brücke in der Landschaft oder brachial durchgesetzte Autobahn waren. Weiterlesen

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