EM: Ruin des Nationalfußballs?

Von , am Sonntag, 26. Juni 2016, in Fußball.

Vom gestrigen EM-Spieltag blieb ich verschont, weil ich zum 60. Geburtstag einer Freundin in eine für Bahnfahrer unwegsame Bergregion NRWs musste (und wollte). Bis gestern war der feste Glaube der Fans, dass an der fußballerisch überwiegend unansehnlichen EM-Gruppenphase die Aufblähung des Spiel- und Qualifikationssystems durch den kriminellen Michel Platini schuld war. Seit gestern wissen wir: es muss irgendwas anderes sein.
Platini hatte sich mit der Aufstockung der EM-Teilnehmerzahl die notwendigen Stimmen zahlreicher “kleiner” Länder für seine Wahl zum Uefa-Präsidenten gesichert. Das war Politik. Ich habe nie zu denen gehört, die das mannigfach kritisierten. Nach der Logik der Erkenntnis “Es gibt keine Kleinen mehr” hatte die Strategie Platinis zumindest das Potenzial, das Turnier bunter, vielfältiger, interessanter, ja sogar spannender zu machen. Denn was gibt es öderes als ein Champions-League-Viertelfinale, an dem die immer gleichen Milliardärsklubs teilnehmen (Real, Barca, ManC, ManU, Chelsea, Arsenal, PSG und ein Verein aus Süddeutschland).
Tatsächlich haben bei der EM oftmals “Kleine” die “Großen” überrascht, aber wenig mit ansehnlichem Fußball, und viel mit taktischem Geschick und grenzenloser Kampfbereitschaft. Will man das sehen? Da sind die Meinungen unter Experten sehr geteilt. Alle Andern wollen es eigentlich nicht so doll sehen. So blieb als eigentliche Attraktion der bisherigen EM die Fankultur, und hier in erster Linie die der Inselvölker nördlich und westlich des Festlandes.
Fußballpolitisch läuft das auf einen Machtzuwachs des Unsympathen Kar-Heinz Rummenigge und seiner Vereinigung der Europäischen Vereine-Vereinigung hinaus. Das System der professionell geführten fußballerisch konkurrenzfähigen Vereine beruht, neben (sehr!) viel Geld, auf global orientierter Arbeit. Talente werden weltweit gescoutet. Hier gewinnt, wer die besten Netzwerke hat. Trainer/Manager werden die neuen Stars. Ihre Karriere hat biologisch eine längere Lebensdauer als die von Spielern. Ihre Kunst/ihr Handwerk besteht darin, aus individualistischen Genies funktionierende Teams zu formen. Das ist mit sporadisch zusammenkommenden nach nationaler Herkunft fußballerisch planlos zusammengewürfelten Nationalgruppen, wie sie bei EMs und WMs aufeinandertreffen, auf globalem Fußball-Spitzenniveau nicht mehr möglich. Das wird derzeit auch bei der parallel stattfindenden Copa America bestätigt. Einzig die heutigen Finalisten Argentinien und Chile haben – nur sporadisch – überzeugt.
Es gelingt allerdings auch nicht mit Milliardärsmannschaften, die schlicht nach teuren Namen und Marketingkriterien zusammengestoppelt werden und bei denen “Geld keine Rolle spielt”. Hier bleibt die Chancenlücke für “Fußballlehrer”, wirkliche Liebhaber des Fußballs. Darum lieben wir Max Eberl, Christian Streich, Thomas Tuchel, Markus Weinzierl, Christian Heidel, Aki Watzke, Ewald Lienen, Lucien Favre, ja sogar Peter Stöger. Auch alles Großverdiener, aber scheinbar keine arroganten Arschlöcher.

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