Die Deutschen werden doch wohl nicht im Ernst geglaubt haben, dass sie Jupp Blatter absägen können, ohne selbst mit unterzugehen? Die Schweiz wurde von den USA gezwungen ihr Bankgeheimnis zu schleifen. Damit ist das Geschäftsmodell ihrer Volkswirtschaft eigentlich schon weitgehend ruiniert. Direkt anschliessend gings gegen die weltweit umsatzstärkste Mafiaorganisation mit Sitz in Zürich, den Weltfußballverband Fifa. Die US-Justizministerin erschien persönlich bei diesem merkwürdigen europäischen Bergvolk, um der Weltöffentlichkeit die ersten Ermittlungsverfahren bekannt zu geben.

Weltboss Blatter und Europaboss Platini durften schon bei der EM in diesem Sommer kein Stadion mehr betreten. Ihre weltweite Reisefreiheit ist, solange ihnen ihre Haftverschonung lieb ist, empfindlich eingeschränkt. Während Platini noch auf einen Wahlsieg Sarkozys hoffen mag und mit der katarischen Herrscherfamilie, die auch seinen Sohn unterhält, in Geschäftsbeziehungen steht, fürchtet Blatter an seinem Lebensabend um sein Lebenswerk. Und so lange er noch kann, lässt er nun jenen, die es in seinen Augen nicht anders verdient haben, adäquate Quittungen zukommen.

Natürlich werden seine gewiss kostspieligen Rechtsanwälte exzellente Beziehungen zu Staatsanwaltschaften haben, weltweit. Genauso zu recherchierenden Qualitätsjournalisten, in diesem Falle meine ich das nicht ironisch, aber Blatter ganz sicher. Er spielt mit ihnen und sie müssen natürlich mitspielen.

Alles kommt raus. Und vielleicht noch mehr.

Hier und hier gings heute schon mal los.

Die Deutschen, die Blatter schon lange entthronen wollten, um mehr Stücke vom fetten Kuchen zu bekommen, müssen nun mit ansehen, wie ihre Fußball-Symbol-Figur, der “Kaiser” Beckenbauer fachgerecht zerlegt wird. Blatter hat eine klare Analyse vom ideologischen Symbolwert dieser deutschen Boulevard-Begrifflichkeiten. Es wird ihm materiell nicht mehr viel helfen, aber seinem Sadismus doch eine tiefe Befriedigung geben. Haben es unsere deutschen Größen anders verdient?

Ich könnte Mitleid entwickeln mit dem ehemaligen CDU-Politiker und Koblenzer Verwaltungsrichter Theo Zwanziger. Hat er sich nicht um Frauen- und Schwulenemanzipation im DFB verdient gemacht? Andere meinen, dass seine innerbetriebliche Hybris unbegrenzt war, sein Juristsein verleitete ihn immer wieder zum Verklagen Andersdenkender. Er war der vom DFB, der sich auf ein Bündnis mit Blatter eingelassen hat. Da hat er wohl aufs falsche Pferd gesetzt, vielleicht auch “Freundschafts”-Illusionen gehegt. Und bei den andern – Beckenbauer, Radmann, Niersbach u.a. – triffts auch keine Falschen.

Von Ermittlern und Rechercheuren wird gewiss nicht übersehen – wenn ich es schon bemerke – dass bei fast allen dubiosen Fußballgeldflüssen immer wieder der Name Robert Louis-Dreyfuss auftaucht. Ein sehr, sehr reicher Mann, Hauptaktionär und Boss der Firma Adidas, einer Spinne in allen globalen Fußballnetzen. Monsieur Dreyfuss hat den “Vorteil” dass er tot ist, sich also nicht mehr gegen alle Vorwürfe, die auf ihm abgeladen werden, wehren kann. Das war schon bei der Hoeneß-Affäre so. Es könnte hier aber auch Querverbindungen geben. Hoeneß hat im Knast brav geschwiegen; im Gegenzug haben ihn die Gremien des FC Bayern gegen alle Compliance-Regeln nicht fallen lassen, im Gegenteil. Auch dort sitzt Adidas, als Großaktionär und im Aufsichtsrat. Da kämen noch einige Vorladungen und Durchsuchungen in Betracht.

Als Jürgen Klinsmann in den Nullerjahren sein Bundestrainer-Amt antrat, überschrieb die Süddeutsche ihr Ganzseiten-Interview mit ihm mit der Schlagzeile “Man muss den ganzen Laden auseinander nehmen”. Er war dafür nur der Anfang. Aber es geht weiter.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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