Heute kamen die Unterlagen für den Bürgerentscheid zum Godesberger Kurfürstenbad. Die Stadtverwaltung schaffte es leider nicht, ineinander passende Briefumschläge zu organisieren – es muss geknickt werden. Es erinnert ein bisschen an die österreichische Präsidentschaftswahl und die Berliner Abgeordnetenhauswahl; dort waren die Verwaltungen auch zu doof, sie ordnungsgemäss zu organisieren.

Bürgerentscheid für ein Schwimmbad, in einer Stadt die doppelt so viel Schwimmbäder wie Essen aber halb so viel Einwohner hat? Das mutet schon ein bisschen wie eine mit Brettern vernagelte Perspektive auf die Wirklichkeit an. Im Kern geht es nicht um das Schwimmbad. Stattdessen verbindet sich die – potenziell linke – Grundsatzkritik am Sparen des Kapitalismus an den Bedürfnissen der Bürger*innen (reicher Bund, arme Kommunen) mit dem lokalen Minderwertigkeitskomplex eines Bonner Stadtbezirks an seiner angeblich permanenten Benachteiligung.
Es gab bereits vor einigen Jahren ein erfolgreiches Godesberger Bürgerbegehren gegen die Privatisierung des Gebäudeensembles “Kurfürstenzeile”; das Bad ist ein Teil davon. Die Unterschriftensammlung war so überzeugend, dass CDU und SPD im Rat sich seinerzeit nicht zum Widerspruch trauten und angeführt von der SPD-geführten Verwaltung ohne Bürgerentscheid nachgaben.

Jetzt sieht die strategische Konstellation anders aus. Eine klare überparteiliche Mehrheit des Stadtrates will eine modernes, energetisch und bautechnisch zeitgemässes Kombibad (Halle und Freiluft) für die ganze Stadt an der nördlichen Grenze Godesbergs neubauen, und das mit der Schliessung kostspieliger maroder Stadtteilbäder zum Teil gegenfinanzieren. Sport- und Schwimmlobby haben sich davon überzeugen lassen und unterstützen darum ein “Nein” zum Bürgerentscheid.

Egal wie die Sache ausgeht, die Godesberger Probleme werden – aus meiner Aussensicht, die keine Expertensicht ist – damit nicht gelöst. In der Hauptstadtzeit bis 1999 war das Selbst- und Aussenbild Godesbergs das eines “Bessere-Leute-Viertels”: es dominierten Villen, Diplomaten, Rentner, konservativ-verschlafener hochpreisiger Einzelhandel und Gastronomie mit ab 23 h hochgeklappten Bürgersteigen.

Davon ist ein wichtiger kaufkräftiger Teil abgehauen: die Diplomaten. Und die Politker*innen, Beamt*inn*en und Medienleute, die in Bonn arbeiteten und sich in Godesberg eine hochwertige Immobilie im Grünen leisteten. Das veränderte die Wirtschafts- und Sozialstruktur. Es kamen, vor allem an den Rändern und an den lautstarken Verkehrswegen, Immigrant*inn*en, die in der ganzen Stadt verzweifelt preiswerten Wohn- und Gewerberaum suchten und in Teilen Godesbergs zeitweise tatsächlich fanden. Das fanden die übriggebliebenen, zurückgelassenen, sich verlassen fühlenden Alt-Godesberger*innen nicht schön. Nicht wenige mutierten zu “besorgten Bürger*inne*n”, die sich “fremd im eigenen Land” fühlten. Auf die Idee, sich mit den Neuen zusammenzusetzen und Pläne zu schmieden: “Was machen wir jetzt mit unserem schönen Stadtteil?” kamen sie erst mal, und das heisst: nicht wenige Jahre, nicht.

Da kommt dann das dabei heraus, was jetzt Godesberger Wirklichkeit ist. Die Beueler Geschichte z.B. unterscheidet sich davon so vorteilhaft, dass es mich fast glücklich macht. Die Beueler haben die Nase sozial nie so hoch getragen, der Stadtteil hatte eine alte Industriegeschichte, die sich positiv auf die Erdung seiner Bevölkerung auswirkte und eine gute Impfung gegen Xenophobie darstellte. Hier entstand im Stadtteilzentrum frühzeitig eine Gewerbegemeinschaft, in der alle, egal wo sie herkamen und was sie machten, miteinander stritten aber am Ende an einem Strang zogen. Und so von der Kommunalpolitik absolut parteiübergreifend immer sehr, sehr ernstgenommen wurden.

Beuel profitiert heute still davon. Und Godesberg leidet laut. Völlig unabhängig von einem Schwimmbad.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net