Der Blick des SPD-Mitglieds – wie weit reicht er?

Von , am Mittwoch, 21. Februar 2018, in Politik.

Selbst den Sehbehinderten wird es gelingen: auf sich selbst zu blicken. Jahrelang den Arsch aufgerissen – für die Partei, für das Land, für die Demokratie. Und was ist der Dank? Wenn es überhaupt jemanden interessiert: Mitleid.
Der Blick auf die Partei: für (fast) alle, die heute noch leben, war es noch nie schlimmer. Überlebende von Faschismus und Krieg sind nicht mehr viele unter uns.
So von Missachtung bedacht, wie soll jemand da reagieren? Wut und Trotz sind naheliegend. Denen da oben mal mitteilen, dass es so nicht weitergeht. Was übrigens auch den meisten AfD-Wähler*inne*n ein zentrales Anliegen ist. Das macht es noch nicht falsch. Aber wohin soll es führen?
Führen? Will das SPD-Mitglied noch irgendwas führen? Ist es nicht ohnmächtig wie wir alle?

Nein, es kann jetzt Weichen stellen. Mehr als wir Anderen. Das ist Verantwortung. Hat ein SPD-Mitglied noch eine Erinnerung, was das ist?

Da ist diese Republik. Detlef zum Winkel (telepolis) hatt sich stellvertretend für alle, die dabei Brechreiz bekommen hätten, eine Menge deutscher Aschermittwochreden für uns angehört. Sowas kennen wir hier in Beuel nicht, darum ist es hier so lebenswert. Es ist aber Wirklichkeit. Was machen wir jetzt mit dieser Erkenntnis? Als Bürger*in? Und ggfls. als SPD-Mitglied?

Nur mal angenommen, die Mehrheit lehnt die GroKo ab: was folgt dann? Es könnte sowas Ähnliches wie das hier sein. Ob mit Minderheitsregierung. Oder nach einer Neuwahl. Oder was würden Sie dagegen setzen, was dann folgte?
Dieser FAZ-Text eines mir unbekannten Jost Kaisers (Pseudonym?), ist angefüllt mit rechten Ressentiments, stellt aber eine berechtigte Frage an die heutigen Jusos und ihre Freunde: was ist euer Plan, wenn ihr gewinnt? Besitzt ihr die Grosszügigkeit, uns, die demokratische Öffentlichkeit, den wissen zu lassen?

Und dann noch die Welt. Ich weiss, das ist jetzt eine Überforderung für das SPD-Mitglied, wie ich es kenne. Der grossväterliche Klaus Vater aus Godesberg, in seiner langen sozialdemokratischen Berufslaufbahn schon Vorwärts-Redakteur und Bundesministeriumssprecher gewesen, für meinen Geschmack immer etwas zu grossväterlich-allwissend und radikal pragmatisch-realoorientiert, er hat mich mit seinem Hinweis auf diese NoGroKo-Unterschriftenliste erschreckt. Da ist Thomas Kutschaty dabei, Ex-NRW-Justizminister, und derzeit mit dem undankbarsten SPD-Job, gleich nach Andrea Nahles, den seine Partei zu vergeben hat: Unterbezirksvorsitzender in Essen. Er ist dabei, und etliche alte Freundinnen von mir, die ich auch heute noch sehr schätze und gern mag.

Ich fürchte, ihnen entgeht, was gegenwärtig in der Welt passiert. Wir sind nach den USA und China die mächtigste Ökonomie, die EU ist politisch und ökonomisch schon von “uns” abhängig. Nahe Bündnispartner von uns machen sowas (USA) oder sowas (Türkei; dieser Link verschwindet nach einigen Tagen in einem Paywall-Archiv). Interessieren euch eure brasilianischen Genossen*inn*en? Wahrscheinlich nicht. Ist aber falsch! Wenn es noch irgendein SPD-Mitglied geben sollte, das an diesen Entwicklungen was ändern, sie auch nur geringfügig umsteuern will, dann lasst es bitte Aussenminister*in werden!

Sicher, es muss sich einiges grundlegend ändern, in eurer Partei und in dieser Republik. Aber überlasst es nicht Jens Spahn und der AfD!
Und guckt mal, die Merkel, schlau wie immer. Wollt ihr euch für immer, und ein letztes Mal, vor ihr auf den Rücken legen, angstbesetzt vor einer tödlichen Umarmung? Wenn ihr euch selbst nicht vertraut, wie sollen wir es dann tun?

3 Kommentare zu “Der Blick des SPD-Mitglieds – wie weit reicht er?

  1. Rainer Bohnet

    Wenn ich Dich richtig interpretiere, möchtest Du Frau Merkel an der Macht erhalten, um zu verhindern, dass Jens Spahn oder ein anderer Kanzler wird. Ich habe als SPD-Mitglied mit Nein gestimmt. Im vollen Bewusstsein eventueller Konsequenzen.

  2. Martin Böttger Beitragsautor

    “Die Macht” ist, wie Du weisst, ein komplexer Begriff. Eine Bundeskanzlerin ist mächtig, ja. Aber ich würde die steile These wagen, dass der Genosse Gerhard Schröder heute nicht nur reicher, sondern auch mächtiger, definitiv weniger ohnmächtig ist, als er es als Bundeskanzler war. Er kennt, oder ist sogar “befreundet” mit, entschieden mehr mächtigen Personen, Konzernen und Organisationen, als noch zu seiner Amtszeit – neudeutsch: “Netzwerk”.
    Mit meinem Text möchte ich vor allem darauf hinweisen, dass es jetzt um keine einfache Ein-Punkt-Entscheidung, schon gar nicht nur um die Person Merkel, geht, sondern dass es eine Entscheidung als Teil eines Prozesses ist. Er könnte sich fortsetzen. Er könnte die Richtung verändern. Er könnte, was ich kaum annehme, umgekehrt werden. Die entscheidendere Frage für mich wäre immer: wohin?

  3. Klaus Böttger

    “Die Macht” ist stark im jungen Skywalker…

    Und ich denke, Kevin liegt richtig, weil er nicht zuerst “an das Land”, sondern “an die Partei” denkt. Denn auch “dem Land” wäre nicht gedient, wenn es nach den (über-) nächsten Wahlen gar keine Sozialdemokratie mehr geben würde. Es wäre gleichwohl eine politische Kontinentalplattenverschiebung…

    Du bist hier ausführlich auf die Selbstverzwergung der sozialdemokratischen Parteien in Europa eingegangen – genau diesen Prozess sehe ich, sollte sich die kleinste große Koalition aller Zeiten erneut zusammenfinden. Das wäre die Besiegelung des Schicksales, welches die SPD 2013 selbst herbeigeführt hat. Denn zwischen 2013 und 2017 gab es tatsächlich eine “linke” Mehrheit im Deutschen Bundestag. Diese Mehrheit nicht zu etwas besserem genutzt zu haben – ja, es nicht einmal versucht zu haben, war der historische Fehler… nun ist die “dunkle Seite der Macht” so weit rechts, wie nie zuvor während meiner Lebenszeit.

    Diesen Fehler kann man aber nicht dadurch wieder gutmachen indem man ihn wiederholt. Die Gefahr besteht nicht darin, dass es vier Jahre lang keineN sozialdemokratischeN AussenministerIN gibt – auf Kinkel folgte Fischer, folgte Steinmeier, folgte Westerwelle, folgte Steinmeier – sondern dass es nach vier Jahren keine sozialdemokratische Partei mehr gibt…

    Obi Wan Corbyn hat es vorgemacht… Das sehen auch die jungen Jedis. Es ist ihre Partei & ihre Zukunft. Darum kämpfen sie.

    Meine Sympathie gehört ihnen!

    Und damit komme ich dann beim selben Ergebnis aus wie Rainer.

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