Diskursunfähigkeit und Führungsversagen – am Beispiel WDR

Von , am Samstag, 17. März 2018, in Medien.

Es ist schon einige Monate her, dass der Streit um eine “Antisemitismus-Dokumentation” von Arte und WDR/ARD für Aufregung in der Medienfachpresse sorgte. Es ist immer ein stark selbstreferentieller Wind, der dabei gemacht wird, in diesem konkreten Beispiel zusätzlich befeuert durch Polarisierungsprotagonist*inn*en im politischen Raum.

Mit einigen Monaten Abstand hat die Autorin Carmen Molitor in der Medienkorrespondenz diesen Streit noch einmal analysiert. Und abgesehen vom konkreten Fall offenbart sie einige – leider – verallgemeinerbare und sich ausbreitende Probleme. Es sind dies Furcht und Angst vor politischem Streit und kontroverser Diskussion, Angst vor dem Stehen zu eigener Verantwortung, Unfähigkeit zum Erklären eigener Position und verantwortliche Führung komplexer Organisationsstrukturen und der in ihnen Arbeitenden und Beschäftigten. Ich grübele noch, inwiefern diese asozialen Entwicklungen von den technischen Revolutionen unserer Kommunikation beeinflusst sind; und welche politischen und gesellschaftlichen Verhaltensoptionen wir dazu überhaupt haben – ein weites Feld, zu dem wissenschaftliche Forschung erst ganz am Anfang ist.

In diesem konkreten Fall handelt es sich um das öffentlich-rechtliche Grossunternehmen Westdeutscher Rundfunk. Politisch neige ich persönlich zu der Seite, die die schlussendlich produzierte und gesendete Dokumentation kritisch sieht. Das dabei zutage getretene Führungsverhalten und die Kommunikationsverweigerung – in diesem Fall unserer öffentlich-rechtlichen Grossinstitution – halte ich allerdings für noch skandalöser, als man die politischen und journalistischen Defizite der Dokumentation selbst finden kann.

Sowohl die Arte/WDR-Redakteurin Sabine Rollberg, als auch der von Carmen Molitor als Experte herangezogene WDR-Ruheständler Manfred Höffken, sind mir vor vielen Jahren persönlich beiläufig begegnet. Mit Frau Rollberg diskutierte ich am Rande einer WDR-Tagung eine von Arte gesendete fitkiv in einem Schönheitssalon angesiedelte französische Soap. Ich liebte sie für ihren leichten Charme, Frau Rollberg empfand sie als skandalös seicht und als Symptom für den Abstieg des Arte-Programms. Ich empfand das als zu kämpferisch-streng, aber legitim – und eine so eingestellte Redakteurin damit durchaus am richtigen Platz.
Manfred Höffken begegnete mir als Redakteur des WDR-Landesstudios in Düsseldorf – unter einer SPD-Kanalarbeiter-orientierten Studioleitung war er für mich eine kontrastierend angenehme Erscheinung, reflektiert, nachdenklich, abwägend, sich mit niemandem politisch gemein machend.
Beide Persönlichkeiten haben offensichtlich unter den Organisations- und Kommunikationsstrukturen ihres arbeitgebenden WDR gelitten, aber auch jeweils eigene Wege gefunden, sich dabei ihrer eigenen Haut mit eingenständigem Denken zu erwehren.

Die verallgemeinerte Frage lautet also: warum versuchen die Führungen solcher Organisationen – und das gilt auch für private Unternehmen und Konzerne – solche Charaktere zu brechen? Und warum trauen sie sich nicht, dazu öffentlich zu stehen? Warum fördern sie auf diese Weise Verschwörungstheorien, wie es gewesen sein könnte? Wem soll das dienen? Sollten sie – zumindest die öffentlich-rechtlichen Institutionen – nicht uns, der Öffentlichkeit, dienen?

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