Ein feministisches Manifest
von June Fernández

Im spanischen Staat kam die Reggaetón-Welle bereits einige Jahre früher als in Deutschland an, unter anderem dank der großen Gemeinde von lateinamerikanischen Immigrant*innen.
Im Jahr 2013 postete die baskische Journalistin June Fernández den Beitrag „Si no puedo perrear, no es mi revolución“, eine persönliche Momentaufnahme im damaligen Reggaetón-Fieber in Spanien. Ihr Post sorgte für viel Aufmerksamkeit und verbreitete sich weltweit; flugs wurde June als „Expertin“ zum Themenkomplex „Reggaetón und Feminismus“ befragt und in Talkshows eingeladen, was sie gerne annahm, um über die vielen Vorurteile über Reggaetón aufzuklären.
Heute, fünf Jahre später, hat sich die Perspektive der Autorin, die übrigens Redakteurin beim feministischen Online-Magazin „Pikara“ ist, verschoben. Angesichts der aktuellen Debatte zu kultureller Aneignung rund um den abgesagten Paris-Auftritt von Chocolate Remix (siehe Seite XX), erklärte uns June Fernández im Chat ihren aktuellen Standpunkt: Sie sieht ihren damaligen Post (selbst)kritischer und findet es wichtig, auch die Debatten über kulturelle Aneignung und die Exotisierung von migrantischen und/oder schwarzen Frauen zu berücksichtigen. Sie wollte zwar anerkennend über die Tanzpraktiken schreiben, befürchtet aber, dass dies auch Gefahr läuft, die beschriebenen Frauen und Praktiken zu exotisieren. Außerdem sei sie mittlerweile von der Art „Feminismus als individuelle Befreiung“ abgerückt, der auf den Wohlfühlfaktor abziele, dass frau endlich mit dem Arsch wackeln darf. June Fernández ist sich sicher: Die Dämonisierung des Reggaetón hat, zumindest in Spanien, viel mit Fremdenhass, mit Sexphobie und dem patriarchal-rassistischen Mechanismus des Messens mit zweierlei Maß zu tun, dass nämlich nur die kulturellen Praxen als machistisch betrachtet werden, die von „außerhalb“ kommen.

Nachdem ich 2012 einen Monat auf Cuba verbracht hatte, wurde mir gesagt, zur Cubanerin fehle mir nur noch, beim Tanzen die Zunge herauszustrecken. Das übersteigt meine Kräfte. Das schaffe ich noch nicht einmal, wenn ich alleine in meinen vier Wänden tanze. Versucht es mal zuhause und guckt, wie ihr euch dabei fühlt. Diese Unfähigkeit, eine solch harmlose Geste sexueller Enthemmung und Frechheit zu machen, zeigt meiner Meinung nach die Strenge und Unterdrückung, in der wir hier aufwachsen.
Auf meinem Twitter-Profil steht: „Wenn ich nicht Perreo tanzen kann, ist es nicht meine Revolution.“ Meine Vorliebe für Reggaetón ist in meinem Umfeld zur Genüge bekannt. Eigentlich gefällt mir andere Musik zum Hören und Tanzen besser, aber das Bild der Feministin, die Perreo tanzt, bringt alles durcheinander. Und das gefällt mir, also tue ich es. Für Leute mit verbohrten antifeministischen Anwandlungen stellt es das Stereotyp infrage, dass wir Feministinnen verbittert und „schlecht gefickt“ sind, dass wir das Leben nicht genießen können und alles nur schwer nehmen. Für viele Feministinnen kann es einen interessanten Schock bedeuten, wenn sie sehen, dass sich eine der ihren damit vergnügt, freiwillig ihren Hintern am Paket irgendeines Kerls zu reiben.
Warum mir Reggaetón gefällt? Weil er – wie Calle 13 sagen – „mir in die Eingeweide fährt, wie ein U-Boot unter den Rock, und den Indio Taíno in mir weckt“. (1). Wie befreiend ist es für uns Basken und Baskinnen, das Becken zu schwenken und uns zu reiben!
Umso mehr, wenn eine als Fräulein der wohlhabenden Mittelschicht erzogen wurde. Wie schon Residente von Calle 13 sagt: Beim Reggaetón musst du den Rock bis zum Rücken hochziehen und den Schweiß abschütteln. Es geht darum, den Anstand und die guten Manieren abzulegen. Dieser Tanz ist weder fein noch elegant. Er ist schamlos und ordinär. Mich begeistern diese Cubanerinnen, die stolz ihre prallen Schenkel zeigen, auch wenn sie Zellulitis haben, und die sich nicht dafür schämen, wenn ihr Hintern aus der Unterhose hervor scheint, während sie ihr Fett schütteln und damit eine Verbindung zu ihren faszinierenden Körpern demonstrieren. Vielleicht verstärkt der Reggaetón in Lateinamerika die Hypersexualisierung der Frau als Objekt der Begierde, vielleicht trägt er nicht zum Empowerment bei. Aber ich glaube, dass ein bisschen davon uns hier gut tun würde. Eine Weiblichkeit aus den ärmeren Stadtteilen, ohne Stil, von paarungswilligen Frauen, die die Beine nicht kreuzen, sondern weit öffnen, ohne sich Gedanken darüber zu machen, dass man ihren Slip sehen könnte.

Wir berühren uns wenig – einvernehmlich – mit der Vorstellung des Körpers als Festung brechen

Ich weiß nicht, ob es stimmt, dass wir in Euskadi wenig vögeln, aber auf jeden Fall berühren wir uns wenig. Für viele Leute ist Körperkontakt etwas Intimes, das dem Partner oder der Partnerin und der Familie vorbehalten ist. Und manchmal noch nicht einmal der Familie. So auch bei mir: Obwohl ich daran arbeite, habe ich bis vor Kurzem nur meine Partner*innen, meine Liebhaber*innen und meinen Bruder umarmt. Von daher gefällt es mir und ich fühle mich gut dabei, mit der Vorstellung des Körpers als Festung zu brechen. Reggaetón ist ein einvernehmlicher Ort, in dem ich meinen Körper ganz den (mir häufig unbekannten) Tanzpartner*innen zur Verfügung stelle. Sie können mich anfassen, wo sie wollen, und mit ihrem ganzen Körper meinen Körper spüren.
Einvernehmlichkeit bedeutet gegenseitiger Respekt. Es ist nur eine Einladung zum Tanz, nicht mehr. Und wenn du etwas tust, das mich belästigt, dann lasse ich es dich wissen und du respektierst das. So heiß die Sache auch wurde, es ist fast nie vorgekommen, dass ein Cubaner (ich sage Cubaner, weil sich reggaetonmäßig meine Begegnungen auf sie konzentriert haben) den Moment ausgenutzt hätte. Und wenn, dann passierte das immer nach dem Ende des Tanzes. Der Tanz ist Tanz.
Im Gegensatz zu dem hier immer noch sehr verbreiteten Mythos, dass die Frauen die Männer aufgeilen, habe ich die Erfahrung gemacht, dass ich die ganze Nacht mit einem Typen Perreo tanzen kann und er akzeptiert, dass das alles ist, und dass ihm das nicht das Recht gibt, mehr von mir zu verlangen. Denken wir mal an die Bilder der Fiesta San Fermín in Pamplona: Männer sehen eine Brust und berühren sie wie aus Gewohnheit, weil sie meinen, dass sie das Recht zu dieser Berührung haben (wie Emi Arias im Magazin „Pikara“ sagte). Ich schrieb einmal, dass die machistische Belästigung in Havanna sehr heftig ist. Aber ich glaube, dass es im Unterschied zu hier keine Sexphobie gibt. Egal ob du im Minirock unterwegs bist oder ohne BH („Oh, wie reizend, alles schön locker, Mami“, sagte mir einer, als ich morgens in einem ärmellosen Shirt einkaufen ging), oder ob du wild tanzt: Kein cubanischer Mann hat auf diese unklare Laszivität so reagiert, dass er mich als eine Hure ansehen würde, die er demütigen kann. Hierzulande dagegen haben einige von uns diese Dichotomie Hure versus Ehefrau deutlich zu spüren bekommen. Ihr wisst schon: Nach einem Flirt waren wir dann doch nicht der Typ Frau, den jemand als feste Freundin will. Wir waren keine anständigen Frauen, weil wir darauf bestanden, sexuelle Wesen zu sein. Da ist mir fast schon Osmany García (2) lieber, der damit protzt, dass seine Braut ein total wahnsinniges Fahrgestell hat. „Nein, sie hält sich nicht zurück, sie zeigt gern Taille, damit ihr alle hinterher gucken“. Wie viel Spaß hatten wir, als wir auf dem Malecón gegrölt haben: „Meine Alte ist eine Bestie, meine Alte ist wie eine Katze, wohin ich sie auch werfe, sie fällt immer auf alle Viere. Wasser!“

Es ist ein erotischer Tanz, kein Sex – und ich bestimme selbst

Es gibt einen Einwand gegen Reggaetón, den ich gerne zurückweise: dass es sich um einen machistischen Tanz handelt, weil die Frau sich bewegt um dem Mann Lust zu verschaffen. Wie merkwürdig, dass unter einer scheinbar feministischen Prämisse wieder einmal die Sexualität und Lust der Frauen geleugnet wird. Wenn ich mich an einem Typen reibe, dann tue ich das, um ihm Lust zu verschaffen? Können sie etwa nicht glauben, dass es mir gefällt, mich an einem Bein oder seinem Paket zu reiben?
Aber außerdem geht es darum gar nicht. Es geht um die gemeinsame Lust am Tanz. Es geht um Kommunikation. Und es ist nicht immer sexuell. Eine Baskin kommt nach Cuba und regt sich zum Beispiel auf, wenn sie Mütter mit ihren Söhnen Perreo tanzen sieht. Aber es ist kein Sex, es ist ein Tanz. Es ist ein erotisch aufgeladener Tanz, wie so viele andere Tänze in der Karibik. „Aber bekommst du keinen Steifen, wenn du Reggaetón tanzt?“, lautet eine übliche Frage eines Basken an einen Cubaner. Für viele ist das eine Beleidigung. „Das wäre respektlos; ich bremse mich, wenn es nötig ist, das ist ein Tanz“. Meinerseits sehe ich da kein größeres Problem, da ich wie gesagt beruhigt sein kann, dass die Tatsache, dass er erregt ist, ihn nicht zu der Ansicht verleiten wird, ich hätte etwas angefangen, was ich nun auch zu Ende bringen müsste.
Beim Tango tanzt die Frau rückwärts; der Mann führt und kontrolliert den Raum. Ebenso bei Salsa oder Bachata: Er entscheidet, wann sie sich dreht, wann er sie mit größerem oder kleinerem Abstand führt, wann er sie an sich drückt. Uns Baskinnen fällt es schwer, uns führen zu lassen, wir müssen lernen uns hinzugeben, den leichten Druck des Mannes im Rücken zu spüren, der uns sagt, wohin wir uns bewegen müssen, und widerstandslos seinem Rhythmus zu folgen. Ich persönlich lasse mich gerne führen, es ist für mich eine super Befreiung, mal ein paar Stunden nicht diejenige zu sein, die kontrolliert. Aber hier geht es darum, dass Reggaetón, der ziemlich lose getanzt wird, von den karibischen Tänzen derjenige ist, der den Frauen den größten Spielraum bietet. Ich kann entscheiden, ob ich mich anschmiege oder nicht, ob ich mich drehe; ich kann den Rhythmus bestimmen, mich auf den Boden schmeißen, mich an die Theke lehnen, alleine tanzen gehen, zurückkommen… Warum werden die erwähnten Tänze, bei denen die Frau keinerlei Spielraum hat, nicht als machistisch bezeichnet? Weil das Ärgerliche am Reggaetón – und da bin ich mir sicher – nicht der Machismus ist, sondern dass er uns die Schamesröte ins Gesicht treibt.

Wir machen unseren queeren Reggaeton selbst – und werden freiere Wesen

An dieser Stelle möchte ich nochmal meinen Wunsch äußern, einen queeren Reggaeton stark zu machen, bei dem Rollen und Geschlechter austauschbar sind, die Männer den Frauen ihren Hintern anbieten, bei dem Mädels mit Mädels tanzen, nicht für den männlichen Blick, sondern für den eigenen Spaß, und bei dem auch die Jungs (unabhängig von ihrer sexuellen Orientierung) es wagen, sich anzufassen. Statt den androzentrischen Reggaetón zu zensieren, sollten wir lieber dafür sorgen, dass die Frauen nicht nur Zierde sind, sondern selbst singen und Texte schreiben, in denen sie ihr Begehren zum Ausdruck bringen. Die lesbische Reggaetónsängerin aus Argentinien, Chocolate Remix, hat Kontakt zu mir aufgenommen und mir ihre Songs geschickt. Ich finde sie eine Wucht.
Wenn uns die machistischen Texte und der Testosteron-Überschuss nervös machen, können wir uns eine Playlist von Songs zusammenstellen, die andere Themen behandeln, ohne auf den ansteckenden Rhythmus des Reggaetón zu verzichten. Mir gefällt diese Parodie auf die Devotionalien: Auf feministischen und lesbischen Treffen, an denen ich letztens teilgenommen habe, gab es Reggaetón zu hören, zumindest das „Atrévete te te“ (von Calle 13), und wir hatten einen Riesenspaß dabei, unverkrampft miteinander Perreo zu tanzen. Am Anfang fühlte ich mich wie ein Mars-Mensch, aber dann habe ich immer mehr lesbische Feministinnen kennen gelernt, die mir sagten, dass auch sie sich für Reggaetón begeistern. Wir haben uns ausgemalt, Workshops für queeren Reggaetón zu organisieren. Es war auch eine schöne Überraschung, dass die Zeitschrift „Diagonal“ eine feministische Lesart des Reggaetón veröffentlicht hat, in dem er eben nicht verteufelt wurde. Wenn wir lachen, tanzen, unsere guten Manieren vergessen und uns der Enthemmung hingeben, dann werden wir weniger strenge und freiere Wesen und zu einem Aktivismus fähig sein, der mehr verändert. Davon bin ich überzeugt. Ein Aktivismus, der aus der Freude entsteht und nicht nur aus dem Ärger, wie meine mexikanisch-nicaraguanische Freundin Cristina Arévalo in ihren Workshops zu Theater und Kabarett sagt. Also noch einmal: Wenn ich nicht Perreo tanzen kann, ist es nicht meine Revolution.

1) Taíno: Durch die Conquista ausgerottete indigene Bevölkerung der Karibik, von dem ein Großteil der Bevölkerung Puerto Ricos abstammt.
2) Cubanischer Reggaetónsänger mit dem Hit „Carrito loco“. Sein Song „Chupi Chupi“ wurde vom Kultusminister als „schamlose Ode an den Oralsex“ und für degeneriert erklärt.

Übersetzung: Alix Arnold
Originaltext auf Spanisch unter: https://www.facebook.com/pikaramagazine/posts/655524247808337

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Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 416 Juni 2018 hg. von der Informationsstelle Lateinamerika, mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Redaktion

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