Es war seit Jahren absehbar und ist nicht wirklich eine Neuigkeit, geschweige denn eine Sensation: die Fußball-Grossvereine, denen es gelungen ist eine globale Marke zu werden, kriegen den Hals nicht voll und wollen mit niemandem teilen. Auch nicht mit den Mafiosi von Fifa, Uefa und DFB. Im Kapitalismus gibt es immer eine Triebkraft zu Monopolen. Uns Fußballfans geht das schon lange am A…. vorbei. Wer uns nicht mehr braucht und will, der hat schon.
Wenn Sie genauer wissen wollen, worum es aktuell geht: der Spiegel hat die wesentlichen Fakten offen online gestellt. Nur wenn Sie sich stundenlang darüber entertainen lassen wollen, müssen Sie das gedruckte Heft kaufen. Fußballexpert*inn*en wussten schon lange, das die Grossclubs eine eigene Liga wollen. Sie wissen auch schon lange, dass Fifa-Boss Infantino seinem Vorgänger Sepp Blatter in nichts nachsteht, im Gegenteil, ihn als “moderne” Variante von Kontinuität noch übertrifft. Hemmungslos strebt er nach Billionen-Deals mit arabischen Völkermördern, und nach Stimmenkauf für seine Wiederwahl als Mafiaboss. Da brauchen wir keine Hacker für, um das zu erfahren. Allenfalls Staatsanwälte und Gerichte brauchen das, um an verwertbare Beweise zu kommen.

Medienvielfalt: Manche laut, manche kleinlaut, manche stumm

Medial auffällig, dass der Spiegel das als Mitglied eines globalen Rechercheverbundes wie auch morgen Abend (21.45 h) der NDR in der ARD, riesig aufmacht, während die FAZ stumm bleibt, und Thomas Kistner/SZ einen ähnlich wissenden Kommentar schreibt (bisher nicht online), wie ich hier.

Fragen an den BVB

Ich will dabei aber nicht stehenbleiben, sondern mal versuchen weiter zu denken. Zunächst stellen sich Fragen an den BVB. Wieviel ist denn so ein weiches Watzke-Dementi wert? Kein Ruhrpottderby mehr? – Dürfte undenkbar sein. Der BVB wird versuchen, in jedem Topf einen Löffel zu haben. Er müsste/könnte – selbstverständlich heimlich – daran arbeiten, “die Blauen” mit in diese Billionen-Liga zu nehmen, Hass hin oder her. Und wenn das illusorisch ist, könnte es sinnig sein, in der Bundesliga zu bleiben, und sie zukünftig öfter zu gewinnen – der eigenen Markenbildung wäre das u.U. förderlicher. Und wenn die nächste globale Finanzkrise auch das Fußballbusiness erwischt, und das wird sie, wäre ein gewisser Sicherheitsabstand u.U. lebensrettend.

Eigene Probleme: Plastikvereine und abgebrochener Fandialog

Hierzulande bleiben weitere fette Probleme anzugehen. Das Eine wären klarere Spielregeln für Plastikvereine wie Hoffenheim, Leipzig, Leverkusen, Wolfsburg. So wie die nach Konzernkapital stinken – da können sie noch so gute Mannschaften zusammenkaufen – leiden kann die keine*r, und selbst ihre Ministadien kriegen sie oft nicht voll. Das ist kein fussballkompatibles Geschäftsmodell, es ist Selbstbefriedigung der Kapitalgeber, die nicht wissen, wohin mit dem vielen Geld.
Das Andere ist die Politik zwischen Vereinen und Fans, die in den DFL-Vereinen nicht nur verschieden, sondern zum Teil gegensätzlich gehandhabt wird. Tatsache ist, dass der Entertainment-Faktor ohne Fans leidet, ja sogar – siehe Hannover – zu wüsten Verwüstungen führen kann. Auch der Hauptstadtverein ist auf dem falschen Dampfer, wenn er meint, seine Fanarbeit solle die Polizei leisten. Die Eskalation in Dortmund entstand dadurch, dass die Randale-Fans Widerstand gegen die Sicherheits-Matrix leisteten: die lückenlose Kameraüberwachung aller Stadionzuschauer, eine Technik die den Engländern abgeguckt wurde. Das löste den Polizeieinsatz aus und führte zur gewalttätigen Eskalation. Und zog mannigfache solidarisierende Pyro-Proteste bei den Pokalspielen dieser Woche nach sich. Ich finde das auch nicht schön, und würde als bekennender Feigling immer das Weite vor solchen Aktionen suchen. Dass sie überhaupt entstehen und gedeihen können, liegt aber daran, das die Mehrheit der DFL-Vereine den Dialog mit den Fans bewusst hat abbrechen und damit die ganze Situation so verfahren hat lassen, wie sie jetzt ist. Der DFB hatte mal einen Sicherheitsbeauftragten (Helmut Spahn) und die DFL einen Geschäftsführer (Andreas Rettig) die es nie so weit haben kommen lassen; die haben aber beide das Weite gesucht, weil sie die Blindwütigkeit des lebensfremden Businessdenkens ihrer Organisationen nicht mehr ausgehalten haben.

Labern von “Erneuerung” – Ahnungslosigkeit über ihren Inhalt

So haben wir in Deutschland eine fussballpolitische Lage, die der sonstigen Politik in unserer Gesellschaft fatal ähnlich ist. In allen Parteien wird dafür derzeit die Floskel der “Erneuerung” bemüht. Doch die Verantwortungsträger*innen, die das auch inhaltlich politisch durchbuchstabieren, sind nicht mehr zu finden.

Über Martin Böttger:

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
Sie können dem Autor auch via Fediverse folgen unter: @martin.boettger@extradienst.net