Ein PR-Coup von Heidel und Spiegel

Von , am Montag, 5. November 2018, in Fußball, Medien, Politik.

Vorweg: selbstverständlich ist es gut, lobenswert und Dankbarkeit für die geleistete Arbeit herausfordernd, wenn einige Medien die Geschäftspraktiken global agierender Fussballmafiosi, namentlich des Fifa-Präsidenten und zahlreicher feudalistischer arabischer Geldgeber, öffentlich machen. Was diese Figuren heimlich treiben, ins Licht zu ziehen, ist ein Akt demokratischer Hygiene und genau die Aufgabe, die Medien in Demokratien zugedacht sein sollte.
Das vorweggeschickt, möchte ich mir nun Kritik erlauben.

Unglaubwürdige Penetranz – der Spiegel lässt sich feiern

Offensichtlich gibt es einen Deal der beteiligten Medien, den Spiegel zu privilegieren. Das hat fast schon Ähnlichkeiten mit den Deals der Fussballfunktionäre untereinander. Die über den NDR beteiligte ARD fährt eine abstruse Programmierungsstrategie, um dem Spiegel sein Verkaufswochenende freizuhalten. Gleichzeitig wird ihm in Person seines Mitarbeiters Rafael Buschmann im ARD-Film fast ein Viertel der Sendezeit für Spiegel-Werbung gewährt. Diese Penetranz trägt zur Glaubwürdigkeit nicht bei. Leider, weil s.o.

Fragwürdige Zuspitzung auf Whistleblower “John”

Die dramaturgische Zuspitzung auf die Figur des Whistleblowers “John” ist fragwürdig. Es ist nicht glaubwürdig, das konspirative Organisieren umfangreicher interner Datenbestände auf eine einzelne Person zuzuspitzen. Daran muss ein effektives Netzwerk einer Gruppe von Menschen beteiligt gewesen sein – Wikileaks hat auch nie nur aus Mr. Assange bestanden. Diese Personalisierung dient in erster Linie der dramaturgischen Verkaufe der Geschichte. Und erhöht die Sicherheit für die gefährdete und mglw. verfolgte Einzelperson nicht. Es sei denn, er will sich eines Tages – ebenfalls zur Selbstvermarktung – selbst outen.

Wie kommt S04 in diese Story?

Der emotionale Gipfel der Fehlleistung ist das Joint Venture mit den “Blauen” von Schalke 04. Peter Lohmeyer fungiert als Sprecher und trägt zu einer schwer erträglichen, unglaubwürdigen Moralisiererei bei. Und der Auftritt von S04-Manager Heidel autorisiert quasi diese Zusammenarbeit. Unerwähnt im Film bleibt, dass der Boss von S04 ein menschen- und tierrechtlich mehr als zweifelhafter Grossschlachterei-Konzernchef ist. Und dieser privilegierte Beziehungen mit dem staatsnahen russischen Gazprom-Konzern sowie dem russischen Präsidenten pflegt. Die Schalker Sponsoreneinnahmen seitens Gazprom werden aktuell auf jährlich 20-30 Mio. Euro geschätzt. Sponsor Gazprom ist ausserdem Hauptsponsor der Champions-League, deren Einnahmen den inkriminierten Grossvereinen nicht mehr auszureichen scheinen, und die sie darum bedrohen. Es liegt also der Verdacht nahe, dass sich die Football-Leaks-Enthüller*innen von intransparenten Spindoktoren haben benutzen lassen. Mit dem Einbau des S04-Elements in ihrem Film verbergen sie es auch nicht wirklich. Was würde Heidel wohl sagen, wenn die bösen Grossen nicht nur den BVB sondern auch S04 als “Gastverein” zu ihrer Super-League einladen würden?
Was bleibt? Das öffentliche Teil des bisherigen Szenarios macht auf mich den Eindruck einer gesteuerten Pokerpartie um unmoralisch fette Summen Kapital. Eine Kloschüssel sollte man immer in der Nähe haben.

Disclaimer: Ich bin Fan von Borussia Mönchengladbach und in Gelsenkirchen geboren (im gleichen Krankenhaus wie Olaf Thon). Ich lasse also anders als BVB-Fans bei S04 nicht alle Bewusstseins-Jalousien runter – darüber haben die Filmacher*innen offensichtlich keine Sekunde nachgedacht. Bei mir hatten sie Glück – wenn es gegen den Fussballkonzern aus dem süddeutschen Raum geht, ziehe ich jeden Westverein vor, ausser Leverkusen.

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