Schwarze Frauen in Brasilien

Von , am Samstag, 15. Dezember 2018, in Politik.

Eine lange Geschichte von Gewalt und Widerstand
von Nilma Bentes und Maria Albenize Farias Malcher (erster Absatz: ila-Redaktion)

Brasilien hat seine Geschichte der Sklaverei nie richtig aufgearbeitet. Auf diesen Umstand verweisen einige, um die Katastrophe vom 28. Oktober 2018 zu erklären, als der Rassist und Rechtsextreme Jair Bolsonaro die Präsidentschaftswahlen gewann. „Nach vier Jahrhunderten rassischer Gewalt haben viele von uns, schwarze Männer und Frauen, die diskriminierende Behandlung, der wir ständig ausgesetzt sind, verinnerlicht“, schreiben die Autorinnen unseres Beitrags. „Etwa die Ideologie von der ‚natürlichen Unterlegenheit‘ (von Schwarzen und Indigenen) oder die behauptete Existenz einer ‚Rassendemokratie‘ in Brasilien. Dazu gehört auch das Wissen, dass Schwarze, wenn sie in dieser hierarchisierten Gesellschaft aufsteigen wollen, sowohl physisch als auch in ihrem Verhalten ‚weißer‘ werden müssen, um zumindest als ‚fast gleich‘ akzeptiert zu werden.“ In der brasilianischen Gesellschaft gibt die weiße herrschende Klasse in diesem Punkt ihre Vorurteile und Privilegien an die arme weiße Bevölkerung weiter, die somit beim Zugang zu Bildung oder Arbeitsmöglichkeiten den Schwarzen gegenüber privilegiert ist.

Anleitung zur Unterwürfigkeit

Jeder Mensch hat zumindest zwei Gewissheiten: dass er sterben muss und dass er Vorfahren hat; jeder hat(te) eine Mutter und einen Vater, Großmutter, Großvater und weitere Vorfahren. Jede Bevölkerungsgruppe stellt also durch ihre Vorfahren einen Teil einer langen Geschichte dar. Im Fall der schwarzen Bevölkerung Brasiliens und vor allem der schwarzen Frauen steht dies für eine gewisse Erschöpfung durch eine sehr lange Geschichte von Kämpfen ums Überleben sowie für Gleichheit und Gleichberechtigung. Unsere Geschichte ist von jeder nur vorstellbaren Art von Gewalt geprägt. Das beginnt mit den circa fünf Millionen Menschen, die auf Schiffen hierhin zwangsverschleppt wurden und von denen Hunderte während der Überfahrt starben und ins Meer geworfen wurden.
Während der 300 Jahre des Sklavenhandels bildete sich in Brasilien eine Sklavenhaltergesellschaft, gekennzeichnet durch drakonische Strafen, um ein Exempel zu statuieren (Auspeitschen, Anketten, Brandmarken, Versenken, Ermorden), aber auch durch die Internalisierung von Befürchtungen, Ängsten und Strafen, die mit Freiheitsberaubung zusammenhängen, etwa das Verbot des Kampftanzes Capoeira, das Verbot von Religionen mit afrikanischen Wurzeln, und geprägt von einer Vielzahl von Disziplinarmassnahmen, um die Kontrolle aufrechtzuerhalten: ständige Arbeitspflichten mit genauen Zeitplänen für alles, gepaart mit einer starken Überwachung, um schwarze Menschen gefügig zu machen, kurz, eine Anleitung zur Unterwürfigkeit.
Hierher gehört auch die Frage der Biomacht/Biopolitik/Nekropolitik (1), wenn der Staat auf der Makroebene agiert, etwa die Geburtenkontrolle oder die Kindersterblichkeit (die bei der schwarzen Bevölkerung am höchsten ist), das Abtreibungsverbot, das völlige Unterlassen von Sicherheitsmaßnahmen, die in überwiegend von Schwarzen bewohnten Stadtteilen als „entbehrlich, überflüssig” angesehen und die Bewohner*innen „zur Ermordung freigegeben” werden, das heißt die außergerichtliche, illegale Anwendung der Todesstrafe.

50.000 beim “Marcha das Mulheres Negras”

Die unterschiedliche Eingliederung in den Arbeitsmarkt, bestimmt durch die Hautfarbe und das Geschlecht, ist einer der Faktoren, die Ungleichheiten auf allen Ebenen fördern. Der größte Teil der schwarzen brasilianischen Frauen arbeitet als Hausangestellte oder Reinigungskräfte, pflegt Alte und Kranke und zieht die Kinder anderer Leute groß. Das sind überwiegend prekäre Beschäftigungsverhältnisse ohne angemessene Arbeitsbedingungen, die aber das Funktionieren des konventionellen kapitalistischen Systems aufrechterhalten. Weiße Männer sind immer privilegiert, in einigen Regionen auch Chinesen oder
Japaner, die unter besseren sozioökonomischen Bedingungen als Schwarze und Indigene leben. Zweifellos haben die unterdrückten Segmente der Bevölkerung größere Schwierigkeiten, sich zu organisieren, um diese Situation der Subalternität zu beenden, und sei es nur, weil sie in einer Situation gehalten werden, wo die größte Herausforderung darin besteht, den Tag lebend zu überstehen. Trotzdem haben unser afrikanisches Erbe und eine starke Religiosität dazu geführt, dass wir nicht nur Widerstand geleistet haben, sondern Stück für Stück auf dem Weg zu mehr Gleichheit vorankommen.
Die Lage der schwarzen Frauen ist ein Beispiel dafür. Eingeklemmt zwischen dem Rassismus der weißen Frauen und ihren Organisationen (die zum Teil offen rassistische Diskurse haben und Ziele setzen, die vor allem den Interessen weißer Frauen dienen) und dem Machismo und Sexismus der schwarzen Männer, gibt es immer mehr Vereine, Gruppen und Kollektive von schwarzen Frauen, die entschlossen sind, den Kampf gegen die multiplen Unterdrückungen aufzunehmen, denen sie ausgesetzt sind, vor allem gegen den Rassismus, den Machismo/Sexismus und die Armut. Die Organisation und Durchführung der Marcha das Mulheres Negras (Marsch der Schwarzen Frauen) gegen Rassismus, Gewalt und für ein gutes Leben am 18. November 2015 war dafür ein gutes Beispiel. Mehr als 50 000 schwarze Frauen gingen in die Hauptstadt Brasilia, wurden erstmals als eigenständige politische Kraft sichtbar und forderten, als Protagonistinnen in alle Angelegenheiten des Landes mit einbezogen zu werden.
Dieser Marsch war ein riesiger Fortschritt bei der Organisierung schwarzer Frauen in Brasilien. Es gelang nicht nur, so viele schwarze Frauen nach Brasilia zu mobilisieren, sondern in allen 26 Bundesstaaten des Landes gibt es jetzt Organisationen schwarzer Frauen, die für Gleichheit und Gleichberechtigung sowohl der Hautfarben als auch der Geschlechter kämpfen und sich gegen den strukturellen, den institutionellen, den Umweltrassismus und den Hass gegen Schwarze wehren. Es ist sehr wichtig, die durch diesen Marsch erreichte Mobilisierung schwarzer Frauen nicht verpuffen zu lassen. Bei den letzten Parlamentswahlen sind in vielen Bundesstaaten schwarze Frauen mit progressiven Ansichten gewählt worden, darunter Marielle Franco, deren Ermordung auf offener Straße in Rio de Janeiro am 14. März 2018 bis heute nicht aufgeklärt worden ist.
Bei der Organisierung der schwarzen Frauen wurde auch nach Unterstützung von Seiten der verschiedenen Frauenbewegungen gesucht, die sehr unterschiedliche Schwerpunkte setzen, etwa die Forderung nach Entkriminalisierung der Abtreibung, das Ziel, den Kapitalismus abzuschaffen oder einen liberalen Feminismus zu fördern. Dazu kommen heute weitere Feminismen: schwarzer Feminismus, popularer Feminismus, kommunitärer Feminismus oder die afrikanische Frauenbewegung. Der afrobrasilianischen Philosophin Sueli Carneiro zufolge ist die Diversifizierung der Konzepte und der politischen Praxis, welche die subalternisierten Frauen in den Feminismus einführten, das Ergebnis eines dialektischen Prozesses. Einerseits begreifen sich Frauen als neue politische Subjekte, andererseits werden die Diversität und die Ungleichheiten zwischen den Frauen anerkannt.

Wissen bewahren – Kulturen verteidigen

In allen Zusammenschlüssen haben die Gewalt in ihren vielfältigen Erscheinungsformen, physische, psychische, häusliche, politische, wirtschaftliche, sowie die Feminizide gegen schwarze Frauen in Brasilien eine ganze Reihe wichtiger Persönlichkeiten hervorgebracht, Akademikerinnen, Lehrerinnen, Aktivistinnen wie Lélia Gonzalez, Beatriz Nascimento, Fátima Oliveira, Luiza Bairros, Sueli Carneiro, Jurema Werneck, Aparecida Bento, Cidinha Silva, Neusa Santos Sousa, Simone Cruz, Josanira Luz, Regina Adami, Nayara Leite, Rapers, Elisa Lucinda, Rosane Borges, Nilma Lino Gomes, Petronilha Gonçalves, Zélia Amador de Deus, Zelma Madeira, Conceição Evaristo, Juliana Borges, Ana Célia Silva Taís Araujo, Valdecir Nascimento, Emanuele Gois, Djamila Ribeiro, Mâe Beata, Maria Lúcia Silva, Givânia Silva, Selma Dealdina, Vilma Reis, Maria das Dores Almeida, Maria Lucia Dutra, Castanhedes, Benilda Brito und viele andere mehr.
Es entstanden Organisationen wie die AMNB-Articulaçao de Organizações de Mulheres Negras Brasileiras, die große Anstrengungen unternimmt, um sich in allen Bundesstaaten zu organisieren und zugleich in dem Netz der Afrolatinas und Afrokaribikfrauen in der Diaspora aktiv ist. In den Amazonasgebieten wurde 2008 das Netzwerk Rede Fulanas Negras da Amazónia Brasileira (FNAB) gegründet, das sich auch mit den anderen Amazonasstaaten (Bolivien, Ecuador, Kolumbien, Venezuela, Peru, Surinam, Guyana und Französisch Guyana) vernetzt. Die große Herausforderung für die Netzwerke und Organisationen der schwarzen Frauen im Amazonasgebiet besteht darin, Fragen nach Geschlecht, „Rasse“ und sozialer Klasse mit der Frage zu verbinden, wie das Wissen der Frauen des Urwaldes bewahrt werden kann und wie in einer von Ungleichheit aller Art geprägten Umgebung traditionelle Kulturen verteidigt werden können. Wie kann der praktische Kampf aussehen, wenn die Mehrzahl von uns gerade mal die Mittel zum (Über)Leben hat? Wie können Räume geschaffen werden, um miteinander zu diskutieren, in einer von weißen Männern und Frauen beherrschten Gesellschaft? Wie kann ein schwarzer Feminismus gelebt werden, wenn es im Alltag in vielen Familien, vor allem der mittleren und höheren Klassen, immer wieder heißt: „Bring mir ein Mädchen aus Marajó, aus dem Landesinneren, aus dem Maranhão” und das heißt: „Besorg mir ein schwarzes Mädchen für alle Hausarbeiten“?

500 Jahre überlebt – den Widerstand dekolonisieren

Die Gründe für einen schwarzen Feminismus im Amazonas sind vielfältig: der Wunsch, sich zusammenzuschließen, die Leiden zu teilen, Träume und Kräfte zu bündeln. Wir kämpfen für die Ideen des Guten Lebens, für einen anderen Weg als das bisherige Entwicklungsmodell. Wir haben Leitsprüche wie „unsere Vorstellungen dekolonisieren“, „den Widerstand dekolonisieren“. Unter „Gutem Leben“ verstehen wir unter anderem, dass Wasser, Luft und andere natürliche Ressourcen und Gemeingüter keine Ware sein dürfen, dass wir den Konsumismus ablehnen, die Rechte der Natur anerkennen, von der wir ein Teil sind, das Denken und den Widerstand entkolonisieren, obwohl das sehr schwer ist. Schließlich sprechen und denken wir in der Sprache und Kultur des Kolonisators. Aber wir müssen es versuchen, genauso wie wir die eurozentrischen Theorien und Praktiken der Gleichheit „entweißen“ müssen. Wir suchen Inspirationen in den gelebten Prinzipien und der Praxis des Sumak Kawsay, Ubuntu oder des Teko-Por‹. Wir fordern, dass die Erhaltung der Umwelt Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen hat. Leider ist die internationale Konjunktur, die auch unsere nationale bestimmt, solchen Ideen nicht gerade förderlich. Außerdem sieht es gerade so aus, als müsse die schwarze und indigene Bevölkerung im Amazonas wieder um die nackte Existenz, ihr Leben, kämpfen.
Unter den gegenwärtigen, Äußerst ungünstigen Bedingungen durch die Wahl eines Präsidenten der extremen Rechten konzentrieren sich die sozialen Bewegungen momentan auf den Kampf gegen eine Verschärfung faschistischer Ideen und Praxis. In allen Bundesländern und in der Hauptstadt haben sich die Komitees schwarzer Frauen auf das „Nationale Treffen Schwarzer Frauen“ vorbereitet, das vom 6. bis 9. Dezember 2018 in Goiánia stattfand. Wir arbeiten an kurzfristigen, mittelfristigen und langfristigen Zielen, in dem Wissen, dass Rassismus, Machismo/Sexismus und Armut strukturell verankert sind, aber in der Gewissheit, dass wir schwarzen Frauen es geschafft haben, die letzten 500 Jahre zu überleben, und dass uns auch politische Rückschritte nicht unterkriegen werden. Wir haben bereits einen sehr langen Weg zurückgelegt.

1) Der Philosoph Achille Mbembe hat diesen Begriff geprägt und beschreibt damit den Gebrauch von sozialer und politischer Macht, um festzulegen, wie Menschen leben und sterben, angelehnt an das Foucaultsche Konzept der Biomacht.
Nilma Bentes ist Agrarwissenschaftlerin, schwarze Aktivistin, Mitglied von CEDENPA (Studienzentrum zur Verteidigung der Schwarzen in Pará), Maria Malcher ist Geografin, Mitglied von CEDENPA. Übersetzung: Laura Held
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus ila 421, hrsg. und mit freundlicher Genehmigung von der Informationsstelle Lateinamerika in Bonn.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.