Der Hack eines ZwanzigjĂ€hrigen ist kein Datenskandal. Er ist die ganz normale Begleiterscheinung des Internet, der Welt des modernen Datenkapitalismus und der durchgeknallten, vermutlich rechtsextremistischen Phantasien eines SpĂ€tpubertierenden. Es ist schon abenteuerlich, dass die offensichtlich rechtsradikale Einstellung des TĂ€ters – er hat offensichtlich nur die GrĂŒnen wirklich substanziell gehackt, alles andere war wohl nicht mehr als leichter Datendiebstahl, relativ harmlos und die AfD draussen vor bleibt. Als Motiv gibt er an, “sich ĂŒber die Parteien geĂ€rgert” zu haben. Was kommt dabei anderes heraus, als eine rechtsradikale Gesinnung? Das aber macht weder Herrn Seehofer, noch der Öffentlichkeit Sorge, ganz im Gegensatz zu den Straftaten besoffener Randalierern mit brauner Hautfarbe in Amberg. AlltĂ€glicher Rassismus in Deutschland halt.

Nein, was da die Öffentlichkeit in Atem gehalten hat, ist kein Jahrhundert-Hack, sondern der Versuch eines StĂŒmpers, sich persönliche Daten zu beschaffen. Trotzdem: er war erfolgreich, weil Datenschutz und Datensicherheit bei uns seit Jahren keine Rolle spielen dĂŒrfen. Weil völlig datenversessene und ignorante Politiker fabulieren, schwafeln und phantasieren, wie toll die Chancen und Möglichkeiten von IT, KI, Internet und Cloud sind, ohne auch nur im Geringsten die ZusammenhĂ€nge zu verstehen. Sie bemerken gar nicht den bedenklichen Kulturwandel, der stattfindet, wenn Jugendliche ĂŒberhaupt kein GespĂŒr mehr dafĂŒr haben, was privat und was öffentlich ist. Dass Datensammeln auch Datenbeherrschung und Datenherrschaft heißt. Dass jedes Datum im Internet dort vermutlich jahrhuntertelang gespeichert sein wird und was das eigentlich bedeutet, wem es Macht ĂŒber uns gibt. Es gibt kein Vergessen, keine Gnade der “spĂ€ten Geburt”, kein Entrinnen der allseitigen Einordnung, Skalierung, des Rating, der BonitĂ€tsbeurteilung und der permanenten Registrierung und Auswertung des Verhaltens durch Facebook, Google, Amazon und WhatsApp. Alles ist beobachtbar – auch wenn es (noch) nicht beobachtet wird oder werden sollte. Wir unterstellen nichts Böses, aber wissen nicht wirklich, was Konzerne und Regierungen in zehn Jahren alles mit unseren Daten anstellen werden?

Die aktuell regierende, bornierte Politik ist nicht gewillt, die BĂŒrgerinnen und BĂŒrger davor zu schĂŒtzen; im Gegenteil: sie will den Kommerzinteressen helfen, “den Datenschatz zu heben” (Merkel). Statt den Internetkraken wie Google und Facebook elektronische Handschellen anzulegen will sie “neue GeschĂ€ftsmodelle ermöglichen”, die es den Internet-Riesen gleichtun. (Koalitionsvereinbarung rot/schwarz). Ohne auch nur zu ahnen oder zu bedenken, dass im Internet weder die zweitbeste Suchmaschine, noch das zweitbeste Verkaufsportal oder das zweitbeste asoziale Netzwerk gebraucht werden. Die Politik hat das Internet immer noch nicht verstanden. Es gibt hier keinen fairen Wettbewerb, keine sozialen Verpflichtungen – nur brutalsten Kapitalismus wie den von Facebook, Amazon und Google, faschistoide Manipulation durch Algorithmen, die fĂŒr Werbung und Kommerz entwickelt wurden und so asozial wie disruptiv auf gesellschaftlichen Zusammenhang wirken, weil sie immer nur das anbieten, was die Konsumenten angeblich wollen und erwarten. Oder wofĂŒr bezahlt wird. So hat Amazon vor Weihnachten breit fĂŒr Nazi-Bedarf wie Handgranaten-Attrappen, Blechschilder mit NS-Plakaten geworben.

Dieser “Möchtegern-Hack” wĂ€re Anlass, ĂŒber die Rolle von internationalen Datenkraken und der MilliardĂ€re nachzudenken, die (Datenschutz-)Gesetze brechen und sich mit Google, Facebook, Uber, Amazon Milliarden ergaunern. Es wĂ€re endlich zu hinterfragen, welche Weltbilder und autoritĂ€ren Strukturen diese Menschen verfolgen und unterstĂŒtzen. Stattdessen unternehmen Laien wie der CDU-Fraktionschef ihre ĂŒblichen intellektuellen TiefflugĂŒbungen und fordern “VerschĂ€rfung von Strafen”. Solchen Zeitgenossen wĂŒnscht man wirklich Erleuchtung durch kĂŒnstliche Intelligenz.

Robert Habeck hat genau die richtige Entscheidung getroffen, indem er sich von Twitter abmeldete. Dieser Dienst fĂŒr kastrierte menschliche Kommunikation und Gewalt in der Sprache ist ohnehin ĂŒberflĂŒssig. Er ist weder demokratisch, noch kontrollierbar, offen fĂŒr Fake News, LĂŒgen und Verzerrungen der Wirklichkeit und jederzeit bereit das alles weiterzuverbreiten. Dass ein Halbdackel (schwĂ€bisches Schimpfwort) wie Trump diesen Dienst bedienen kann, sagt viel ĂŒber dessen QualitĂ€ten aus. Es gibt sie nicht. Doch mittlerweile wird er selbst von Nachrichtenagenturen wie dpa und Reuters wie ein seriöses Medium behandelt.

Es ist eine Schande, dass öffentlich-rechtliche Sender immer noch ihre Diskussionsportale oder Sendungen fĂŒr Hörer mit Facebook- oder Twitter-Nachrichten oder anderem MĂŒll aus asozialen Medien fĂŒttern, weil sie meinen, damit “hip” zu sein oder verlorene Hörer und Zuschauer wiederzugewinnen. Dabei wĂ€ren sie es, die die Pflicht hĂ€tten, eine wirklich soziales Netzwerk mit journalistischem Nachrichtematerial aufzubauen, mit Algorithmen, die nicht auf Segregation und Illusionsblasen beruhen und dem wiederholten Angebot von immergleichen, gleichlautenden sowie gleichdenkenden Websites. Ein Netz mit Leitplanken und Rechtsstaatlichkeit statt Wildwest und Gewalt. Was fĂŒr ein Traum!

Leider gibt es keine Politiker*innen, die sich trauen, etwas derartig Ungeheures zu denken. FĂŒr diese als Nachhilfeversuch: Als das Radio erfunden war und man mit dem Reichspropagandaministerium und dem VolksempfĂ€nger die Erfahrung gemacht hatte, dass das alles der Manipulation dienen kann, ein Machtinstrument ist, kam man darauf, dass es vielleicht sinnvoll wĂ€re, in der Demokratie eine ĂŒbermĂ€chtige Manipulationstechnologie wie Rundfunk und Fernsehen unter demokratisch-öffentliche Kontrolle zu bringen. Deshalb haben wir unabhĂ€ngige öffentlich-rechtliche Medien und keinen Staatsfunk, aber auch nicht nur Privatsender.

Was muss erst passieren? MĂŒssen erst alle moralischen, ethischen und rechtstaatlichen Begriffe zusammenbrechen, bevor diese Gesellschaft begreift, dass das Internet, asoziale Netzwerke und Monopole der staatlichen Intervention, der kartellrechtlichen Entflechtung und auch des Verbots der heimlichen Datennutzung zur Erstellung von Persönlichkeitsprofilen bedĂŒrfen? Stellen Sie sich bitte mal vor, Adolf Hitler und Josef Goebbels hĂ€tten ĂŒber die Informationen verfĂŒgt, die Amazon und Facebook, Google und WhatsApp ĂŒber Sie haben. Viel Spaß dabei!