Tatort-Bundesliga

Von , am Montag, 21. Januar 2019, in Genuss, Medien, Politik.

Weiter unten: Verteidigung des “Schönen Leo”
Der Dortmunder Tatort von gestern polarisiert die Kritik. Das ist schon mal ein exzellentes Erfolgsfundament. Über 9 Mio. sollen zugeguckt haben. Das ist nicht wenig, dürfte aber stark von den Aussentemperaturen beeinflusst gewesen sein. Einig ist sich die Kritik nur im Lob der Schauspieler*innen*kunst. Wenn das Ensemble neben einer Weltklasse-Lady wie Bibiana Beglau (ich erinnere an “Barbarossaplatz”!) so mühelos mithalten kann, wie Aylin Tezel, Anna Schudt, Jörg Hartmann und der spröde-sperrige “Neue” Rick Okon, dann ist die Leistung Champions-League würdig. Beim Dortmund-Tatort ist das keine Neuigkeit. Darum ist er seit einiger Zeit meine Lieblingsversion.
Ansonsten gehen die Meinungen auseinander. Der von mir geschätzte Oliver Jungen/FAZ war nicht amüsiert. Judith von Sternburg/FR und noch mehr Claudia Tieschky/SZ singen dagegen Loblieder. Ich sehe mich dazwischen, näher bei den Damen, und habe andere Kritik.
Wir im Ruhrgebiet sind es gewöhnt, dass Filmemacher*innen, die meistens selbst in edleren Residenzen leben als wir, sich dramaturgische Freiheiten herausnehmen, mit dem Effekt, das wir resümieren: “Aber, das war/ist doch ganz anders!” Es gab nur wenige Regisseure, die diese hohe Latte jemals übersprungen haben: Wolfgang Staudte war so einer, und Adolf Winkelmann ist es noch, siehe zuletzt “Junges Licht”.
Dass die letzte geschlossene Zeche in Bottrop statt in Dortmund war, geschenkt. Das ist nicht spielentscheidend. Dass in der Kneipe offensiv geraucht wurde, mag ich sogar als absichtlich subversiv loben, zumal es nicht aufgesetzt wirkte, sondern zu den Figuren passte. Die Bildsprache abgewrackter Stadtteile war lobenswert realistisch und ein Konter zu den aktuellen Glanzbildzeichnungen des Stadtmarketings. Tatsächlich ist es in vielen Stadtteilen schlimmer, als in diesem Tatort. In sekundenlangen Bildeinblendungen meinte ich gestern die Überreste der Gladbecker Schlägel&Eisen-Ruinen wiedererkannt zu haben, eine langjährig beliebte Kinokulisse. Doch wüsste ich gerne, wo diese Pilskneipe ist, in der sich vieles abspielte. In meinem Heimat-Stadtteil Essen-Karnap gibt es nämlich keine mehr (nur noch Eine “on-demand”).
Extrem holzschnittig, quasi schimanskiartig war in diesem Tatort der Klassenkonflikt zwischen Püttbetreibern und Malochern gezeichnet. Die Malocher-Charaktere gerieten mir arg nostalgisch und wenig zeitgerecht. Reste davon mag es immer noch geben, aber die meisten davon sind schon ein paar Jahrzehnte älter, als diese jungen Schauspieler. Überhaupt nicht erfasst war die strenge Sozialpartnerschaftsstrategie, die die Konzerne und die IG Bergbau immer gemeinsam gefahren haben. Um des “sozialen Friedens” Willen wurde an Abfindungen und Frühverrentungen nie gespart. In die Röhre gucken die Nachkommen, weil Betriebe und Arbeitsplätze verschwunden sind. Kampf- und streikbereit sind immer nur die Arbeitsplatzinhaber – denen wurde und wird die Kampfbereitschaft abgekauft, etwas teurer als mit “20.000 Euro”. Darum sieht das Ruhrgebiet heute so alt aus. Kreativität und Widerstandsgeist wandern aus. Die im deutschen Osten kennen das.

Verteidigung der “Geheimnisse des schönen Leo”

Etwas enttäuscht war ich von dem Verriss, den der von mir politisch hochgeschätzte Stefan Reinecke/taz dem Film “Die Geheimnisse des schönen Leo” angedeihen liess. Wenn es stimmt, was ich bei der Bonner Premiere aufgeschnappt habe, dass dieser Film mit einem Etat von 100.000 Euro realisiert wurde, ist Reineckes Bemerkung, was bei der Filmförderung “gut ankommt”, grob ungerecht. Ich weiss nicht, wieviel Geld Regina Schilling für den von Reinecke zu Recht gelobten “Kulenkampffs Schuhe” zur Verfügung hatte, der in der Tat noch beeindruckender ist. Zu heutigen Bedingungen kommt es allerdings einer Sensation gleich, mit so knappen Mitteln überhaupt einen ansehbaren Film zu realisieren.
Beide Werke haben eine Stärke gemeinsam, die von Reinecke, vielleicht aufgrund seiner begrenzten Berliner Perspektive, grob unterschätzt wird: die Hölle des westdeutschen Provinz-Familienlebens. Viele Frauen, viele Linke, machen sich keinen Begriff davon, wie diese Hölle, vor menschheitsgeschichtlich betrachtet einem Augenzwinkern, noch ausgesehen hat, und wieviel Fortschritt in einer irre kurzen Zeitspanne schon erkämpft ist. Zeitgenössisch neigen die meisten Menschen zum Jammern über die Rückständigkeit der Gegenwart. Doch nur mit Blick auf die überwundenen Fährnisse der (jungen!) Vergangenheit ist zu erkennen, dass Kämpfen um Fortschritt sich lohnt und nicht vergeblich ist.
Nach “Kulenkampffs Schuhe” gelingt es auch Schwarzers “Schönem Leo” wieder, das klar vor Augen zu führen.

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