#metoo/WDR, Henke/Raue, Spiegel; mit Update: Henke-Stellungnahme
Warum wird weiter mit Dreck geworfen? Schlecht geht es vor allem dem Spiegel. Die verkaufte Auflage sinkt und sinkt, wie überall. Die Tabellenspitze des Recherchejournaismus ist nur noch selten durch ihn besetzt. Bei der #metoo-Debatte fuhr er beständig nur im Hauptfeld mit herum, zeitweilig markierte in Bezug auf den WDR correctiv die Spitze. Mehr Investitionen in Korrespondent*inn*en in Hollywood hätten sich betriebswirtschaftlich gewiss nicht gelohnt, journalistisch aber doch. “Fahrradkette”. Jetzt also dieses Nachtreten – wem nützt es?
Am ehesten hoffentlich den namentlich nicht genannten Frauen, die sich nun zur Solidarisierung mit Frau Roche veranlasst sahen. Sie lassen die alten Herren Henke und seinen noch älteren Anwalt Peter Raue jetzt besonders alt aussehen: wie rachsüchtige, zerstörungswütige Besserwisser.
Juristisch-materiell hatte Henke eigentlich noch gut abgeschnitten. Auf unsere Gebührenzahler*innen*kosten. Das war einfach zu erzielen, wir sassen ja nicht mit am Tisch, als der Deal ausgehandelt wurde. Dort sass die Führung des WDR, die wg. offen gebliebener Vertragsverlängerungen für die Direktor*inn*en selbst unter Druck stand, und sich mit Hilfe der Ruheständlerin Monika Wulf-Mathies aus dem Schwitzkasten befreien musste. Henke und Raue wären besser beraten gewesen, wenn sie die Akte an dieser Stelle zugeklappt hätten.
Doch der Stachel sass wohl zu tief, den ihnen Charlotte Roche versetzt hatte. PR-Profis sind sie auf beiden Seiten – und ein Unentschieden oder eine mehr oder weniger knappe Niederlage scheint für beide Seiten keine Option gewesen zu sein. Steht so viel auf dem Spiel? Roche und der Spiegel spielen mit dem gesellschaftlichen Rückenwind von #metoo. Wenn sie es faktentreu tun, drücke ich ihnen die Daumem, dass sie da gesund durchkommen. Sicher bin ich mir nicht, ich hoffe es.
Update nachmittags: Ambros Waibel/taz zitiert aus einer aktuellen Stellungnahme Henkes, er sei „zu der Überzeugung gelangt, dass eine juristische Auseinandersetzung nicht der richtige Weg ist, um sich mit der Thematik und den Vorwürfen auseinanderzusetzen. Da nicht anonyme, sondern konkrete Vorwürfe von Frauen vorliegen, so will er sich damit auseinandersetzen, Missverständnisse ausräumen und sich, wenn ein unangemessenes Verhalten vorgelegen haben sollte, in aller Form entschuldigen.“ Herrje, frage ich mich: warum jetzt? Warum nicht sofort? Dieser Blog hätte weniger Leserinnen, aber allen Beteiligten und Betroffenen würde es besser gehen.

Über den/die Autor*in: Martin Böttger

Martin Böttger ist seit 2014 Herausgeber des Beueler-Extradienst. Sein Lebenslauf findet sich hier...
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