Reste des Journalismus – Vorbote Österreich?

Von , am Samstag, 18. Mai 2019, in Medien, Politik.

Das hätte es auf meinem Schulhof im Gladbeck der 70er Jahre nicht gegeben: ein RWE- und ein S04-Fan reden vor den Entscheidungen des letzten Spieltages ganz sachlich und informativ über die Lage des deutschen Fussballs der Herren, Jürgen Zurheide und Manni Breuckmann. Zurheide zeigte seinem Ressortboss Heinemann kurz zuvor noch, wie ein DLF-Moderator Anton Hofreiter ohne Schaum vorm Mund kritisch befragen kann.
Zurheide und Breuckmann habe ich beide bei meinen 15 Jahren Landtagsarbeit in Düsseldorf kennen gelernt. Vor allem Zurheide hatte meistens entschieden sozialdemokratischere Ansichten als ich. Beide waren und sind aber selbstdenkende Köpfe, die es gegenüber Demokrat*inn*en, die es nicht anders verdient haben, immer Respekt und Interesse zeigten, im besten Sinne seriöse Handwerker ihres Berufes.

dpa und Merkel: Radikale Selbstentwertung des Journalismus

Was ist davon noch übrig? Das Fallbeispiel dpa/Angela Merkel, das Stefan Niggemeier/uebermedien gewohnt fleissig und kritisch analysiert, ist ein erschreckender Fall der Selbstentwertung dieses Gewerbes durch einen Monopolisten und seine zahlreichen Abschreiber*innen. War es zu Bonner Hauptstadtzeiten auch schon immer so furchtbar? Es war anders: die wenigeren was-mit-Medien-Leute waren definitiv fauler und gehorsamer gegenüber parteipolitischen Parolenausgebern, aber sie nahmen sich auch mehr Zeit zum Denken. Die ist in Berlin scheinbar komplett verloren gegangen.

Werden die, die ihre Arbeit machen, jetzt alle Held*inn*en?

Dass sich SZ und Spiegel nun den Ösi-Fascho Strache vornahmen, ist einerseits ein erhaltenswerter Rest. Mir fällt aber auf, was alles fehlt. Zum einen sind beide so besoffen davon, dass sie sich kaum einkriegen, mal eine journalistische Leistung vollbracht zu haben; die SZ macht in ihrer Printausgabe eine 4-Seiten-Buch mit der Story voll. So wie ich schon beklagte, dass Armin Wolf, einer, der schlicht seine Arbeit macht, damit schon Heldenstatus erwirbt. Stefan Weber/telepolis stellt zur aktuellen Geschichte über die Ösi-Faschos die richtigen Fragen. Warum jetzt? Warum nicht früher? Das Ereignis, das videodokumentiert wird, war 2017. In wessen Interesse? Warum ist der Strache so doof, dass er sich so erwischen lässt? Ich kann bestätigen, dass in den Parteien, die ich näher kenne, nicht selten ähnlich gedacht und geredet wird, aber natürlich ohne Kamera, Mikrofone, Alexa und mit Tür zu.

Der FPÖ-Skandal ist zuerst ein Medienskandal der Milliardäre

Ist es im Kern nicht ein Medienskandal um die Kronenzeitung, die im Verhältnis zur Bevölkerungszahl mehr als fünfmal fetter gefressen und mächtiger ist, als die sogenannte Zeitung Bild? Welche Rolle spielen die Milliardärsclans der Dichands, Grotkamps (Funke-Mediengruppe), Mateschitz und Benko? Hasnain Kazim/Sp-on zählt sie immerhin alle auf. Der Geldwäscher und verurteilte Betrüger Benko wurde bisher anscheinend nicht zur Rede gestellt. Und warum hat noch niemand Bodo Hombach befragt, der langjährig mit der Kronenzeitung verheiratet war (als Geschäftsführer der Brost-Familie im WAZ-Konzern)?
Die Milliardäre sind gewiss der Ansicht, dass sie “oben” sind, und die Politiker*innen zu tun und zu lassen haben, wofür sie von ihnen bezahlt werden. Nicht nur Immobilien werden kriminell missbraucht. Wenn die Herren sich vor der Demokratie so fürchten, dass sie am liebsten volksverhetzende Faschos finanzieren, dann stellt sich erneut die Frage, ob Georgi Dimitroff nicht doch Recht hatte. Und Jan Böhmermann sowieso.

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