Blamabel unprofessionelle Erpresser nennen sich “Anonyme Hacker”
Es war im Katastrophenwinter 1978. An den grauen Tagen vor dem Schnee waren wir mit einer mittelgrossen Gruppe in Norddeich, einem Ortsteil der damaligen Kreisstadt Norden (heute alles zusammengefasst im Landkreis Krummhörn) gelandet. Die Tage waren grau. Ausser Fischessen und Stiefeltrinken blieb noch ein Kino in der Metropole Norden. Mittlerweile ist Ruhrgebietskind (wie ich) Klaus-Peter Wolf dort fĂŒr immer gelandet. Das CafĂ© ten Cate gab es damals schon, wie auch die Buchhandlung der Lektorin von Roland Appels & Michael Kleffs fettem Buch.
Im Kino eine Strassenecke weiter lief “Nackt unter Kannibalen” mit Ursula Andress. Eine 5-Sekunden-Recherche belehrt mich: der richtige Titel war “Die weisse Göttin der Kannibalen”. In meiner Erinnerung blieb das Filmplakat – sein Bild setzte sich in meiner Erinnerung in dem so abgewandelten Titel fest. Mit MĂŒhe gelang es uns, den Kinobetreiber zur VorfĂŒhrung zu bewegen. Denn wir waren weniger als 10 Personen. Eine spĂ€tere Professorin, eine spĂ€tere langjĂ€hrige Gleichstellungsbeauftragte in einem NRW-Landkreis, ein spĂ€terer Ministerialbeamter eines NRW-Landesministeriums – und einer ist schon tot (an Aids verstorben). Und der Film? Ich weiss es nicht, ich war eingeschlafen (hier mehr dazu).
Hatte Frau Andress als ehemaliges “Bond-Girl” so einen Trash nötig? Ich kann nur spekulieren. Sie war, was wir damals nicht sehen konnten, schon ĂŒber 40. Viel Zeit blieb nicht mehr, aus ihrem Körper Geld zu machen. Vielleicht war sie auch schlecht beraten? Vielleicht? Nee, eher gewiss! Aber sie hatte halt hohe Kosten: MĂ€nner, Ehen, Scheidungen, das ging ins Geld.
Wie komm’ ich drauf? Nun, nachdem ich seit 15 Jahren einen Computer in meine Wohnung lasse, mit der immergleichen E-Mail-Adresse, und mit einem Sicherheitsbewusstsein, das meinen IT-kompetenten Bruder regelmĂ€ssig die Haare raufen lĂ€sst, nach so langer Zeit also haben mich endlich die Pornogucker-Erpresser entdeckt.
Sie behaupten, sie hĂ€tten mich ĂŒber die Kamera an meinem Rechner beim Onanieren und Pornogucken aufgenommen. Ich sei ganz schön pervers, und wenn ich ihnen nicht soundsoviele Bitcoins schicke, wĂŒrden sie mein soziales Leben zerstören und an alle meine Kontakte ein Filmchen mit meiner Masturbation schicken.
Wenn einen solche Bots fĂŒr so blöd halten – das ist schon eine ziemlich ĂŒble GeringschĂ€tzung. Im ersten Text behaupten sie, sie wĂŒssten wo ich wohne. Im zweiten (“letzte Warnung”) behaupten sie dann, zur Polizei gehen wĂ€re zwecklos, weil sie in einem anderen Land seien. Gleichzeitig verraten sie unbeabsichtigt, dass sie weder in der Apple- noch in der Linux-Betriebssystemwelt erpressen, sondern im Android-Universum von Google – weil da halt die meisten sind. Nichts an ihrem Erpressertext ist individualisiert – es sind maschinelle Standardschreiben.
Die Wahrscheinlichkeit ist relativ hoch, dass sie von Pornoseitenbetreibern selbst ausgesandt werden. Denn die sitzen ja bereits auf reichem Datenbestand, den sie so maschinell “versorgen” können. Wenn ein Markt so unreguliert dahintreiben darf, wie alles, was in der alten Welt fĂŒr “schmutzig” gehalten wurde, dann verschwimmen die Grenzen zwischen legalem Business und KriminalitĂ€t. Erst Letztere verheisst die Extraprofite, die das Kapital so liebt.
Schön wĂ€re ja, wenn die Erpressmaschine hier mitlesen wĂŒrde (sie tut es wahrscheinlich nicht). Dann könnte ich ihr mitteilen, dass meine Kontakte so medienkompetent sind, dass sie wissen, wie Bilder manipuliert werden. Denn echt wĂ€ren sie unspektakulĂ€r: wer will mir minutenlang beim Einschlafen zugucken?
Echte Hacker*innen mĂŒssen beleidigt sein von solchem Treiben. Ist ein ungeschĂŒtzter Begriff. Eine fortschrittliche Technologiepolitik könnte das vielleicht eines Tages Ă€ndern.