Kunst, Ökologie und Imagetransfer

Von , am Samstag, 12. Oktober 2019, in Genuss, Politik.

Boykottaufruf: In Istanbul werfen Künstler- und Umweltinitiativen den Sponsoren der 16. Istanbul-Biennale vor, an der Umweltzerstörung zu verdienen, vor der die Biennale warnt

Das Skelett eines Büffels auf einem grauen Sockel aus Beton. Ozan Atalans Arbeit „Monochrome“ ist eine der wenigen Arbeiten der Anfang September eröffneten Istanbul-Biennale, die sich mit Umweltzerstörung in der Türkei konkret beschäftigt. Trotz Kriegs, es gibt in der Türkei auch zivilgesellschaftliche Auseinandersetzungen. Gerade der französische Kurator Nicolas Bourriaud wollte die von ihm verantwortete Biennale ganz dezidiert in den Kontext der globalen Umweltzerstörung stellen. In dem Video zu Atalans morbider Installation ist zu sehen, wie der natürliche Lebensraum des Wasserbüffels in Kemerburgaz verschwindet, einem Dorf südwestlich des Belgrad-Forsts, der grünen Lunge Istanbuls. Nicht weit davon wurde der gigantische neue Istanbuler Flughafen gebaut. Wer genau für all das verantwortlich ist, erfährt man in Atalans Arbeit freilich nicht.

Dem kollektiven Gedächtnis auf die Sprünge helfen wollen nun türkische Künstlerhäuser und Umweltinitiativen. In einer Erklärung auf der Website der Umweltinitiative „350Ankara – Der Klimawandel ist eine Sache von uns allen“ protestierten 32 von ihnen, dass die 16. Istanbul-Biennale von Sponsoren gefördert wird, die selbst bis zur Nase im Dreck steckten.

Für eine Biennale, die sich mit Ökologie beschäftigt, liest sich die Sponsorenliste durchaus ungewöhnlich. Zu ihnen gehören der Getränkekonzern Efes, der zu der Anadolu-Gruppe gehört, die gegen den erbitterten Widerstand der Bewohner an der Schwarzmeerküstenstadt Gerze ein Kohlekraftwerk bauen wollte, der Brennstoffkonzern Opet, die Stahl- und Kohlefirma İçdaş Energy, die an den Dardanellen ein Windkraftwerk plant, das Energieunternehmen Aygaz, der Autokonzern Ford und die Flughafenfirma TAV. Nicht fehlen darf natürlich auch die Istanbuler Koç-Holding, der Hauptsponsor der Biennale. Der milliardenschwere, kunstvernarrte Koç-Clan, der zeitgleich mit der Biennale sein privates Kunstmuseum „Arter“ eröffnete, steht wegen der Produktion von Panzern, Militär- und Polizeifahrzeugen in der Kritik.

Koç gehört auch die einst staatliche Erdölraffinerie Tüpraş, als größtes Unternehmen des Landes dessen ökonomische „Lokomotive“. Der Konzern mischt auch mit in dem Konsortium um die kanadische Firma Alamos mit, die eine Goldmine im Ida-Gebirge im Nordwesten der Türkei vorantreibt. Umweltschützer laufen seit Monaten Sturm gegen das Vorhaben, dem ein Naturreservat zum Opfer fallen soll. Zu dem Goldkonsortium gehört auch die Unternehmensgruppe Eczacıbaşı, ein global agierender Pharmakonzern. Deren Chef Bülent Eczacıbaşı ist Chef der privaten Istanbuler Stiftung Kunst und Kultur (IKSV), die die Biennale veranstaltet. Seine Frau Oda ist Direktorin des familien­eigenen Museums Istanbul Modern, für das der italienische Architekt Renzo Piano im Istanbuler Hafen gerade ein neues Haus aus dem Boden stampft.

Unbehagen an dem Doppelcharakter von Biennalen weltweit

Es sei Heuchelei, so die Unterzeichner der Erklärung, wenn Unternehmen, die mit fossilen Brennstoffen und der Zerstörung der Natur Geld verdienen, via Biennale für das Pro­blem der Plastikverschmutzung sensibilisieren. Der Protest reiht sich ein in das zunehmende Unbehagen an dem Doppelcharakter von Biennalen weltweit: sich als Agenturen kritischer Bewusstseinsbildung zu gebärden und sich zugleich auf das Geld derer zu stützen, die zweifelhafte Geschäfte machen.

Die Istanbul-Biennale reagierte auf die Kritik verhalten. Auf den Vorwurf, dass die bezeichneten Unternehmen die Biennale zum Imagegewinn nutzten, reagierte sie gar nicht. Dass sich die Biennale gegen ihren „Besitzer“ und Hauptsponsor positioniert, war nicht zu erwarten. Doch was ist mit den Künstlern, die die Initiative zum Boykott auffordern? Sie stehen vor einem Dilemma: Wo sollen sie ausstellen, wenn sie gegen die protestieren, denen die einzigen Kunstmuseen des Landes gehören?

Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.

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