ARD-Tagesschau als Bertelsmann-PR-Abteilung

Von , am Dienstag, 15. Oktober 2019, in Medien.

Kristin Schwietzer ruft angehende Journalist*inn*en dazu auf, sich nicht zu scheuen, über “götterspeisende Schildkröten” zu berichten. Sie hat dann heute in diversen Tagesschau-Ausgaben (ab Minute 9) mal gezeigt, wie sie sich das vorstellt. In einem mehrminütigen Beitrag feierte sie eine Bertelmann-Studie über die grossartige Verwirklichung der guten Vorsätze der nicht minder guten Grossen Koalition. Zum Anstrich wissenschaftlicher Unabhängigkeit durfte eine führende Mitarbeiterin der Hertie School of Governance das zustimmend, mit einem Seitenhieb auf die angeblich renitente SPD, kommentieren. Wenn Sie ein bisschen bei der Hertie School rumlesen, und bei ihrer Gründerin, der Hertie-Stiftung, so eine Art Artgenossin der Bertelsmann-Stiftung, dann sehen Sie – Überraschung! – dass sich hier Seniorennetzwerke der Grossen Koalition wiedertreffen (Weise, Biedenkopf, Oppermann u.a.). Das dauert 5 Minuten und wäre selbst für jemand, die für die Tagesschau arbeitet noch drin gewesen – kritisch-journalistisches Interesse wäre allerdings Voraussetzung. So kamen kritische Stimmen zur Forschung im Konzernauftrag selbstverständlich nicht zu Wort.
Warum erwähne ich hier einen scheinbar so nebensächlichen, der Erwähnung nicht werten TV-Beitrag? Er wird die Meinungsbildung in den Koalitionsparteien nicht wirklich beeinflussen. 9,999 Mio. der täglich 10 Mio. Zuschauer*innen haben ihn schon wieder vergessen. Leider ist er ein “gutes” Beispiel, wie der einstmals angesehene Journalismus der Tagesschau im speziellen, und der ARD im allgemeinen, herunterkommt. Sehr lange schon. Verantwortlich dafür sind Intendant*inn*en, Programmdirektionen und Chefredaktionen, die falsche Prioritäten setzen und falsche Investitionsentscheidungen fällen. Ex-ARD-aktuell- und damit Tagesschau-Boss Kai Gniffke (2003-19) ist soeben die Treppe hochgefallen auf den Intendantensessel des SWR. Verantwortlich sind ausserdem aus Amateur*inn*en zusammengesetzte Aufsichtsgremien, die das regelmässig durchwinken, und im Kern wie Fanclubs ihrer Intendant*inn*en agieren – formiert zu einer GroKo beim Fernsehen. So dreht sich das System im Kreis um sich selbst, und merkt gar nicht, wie es in einem rasanten Medienwandel sich selbst demontiert und langsam selbst auflöst. Und wenn die ARD irgendwann weg ist, dann kann die Bertelsmann-Stiftung ihre Studien ja selbst versenden – bei ihrem eigenen TV-Sender: RTL. Sofern der überlebt.
Für so ein Ergebnis ist das echt teuer – für uns, die Öffentlichkeit.

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