Kritische Theorie – kritische Praxis – zum Tod von Wolf-Dieter Narr

Von , am Dienstag, 22. Oktober 2019, in Politik.

Ich habe Wolf-Dieter Narr zunächst nur aus der Presse kennen gelernt. Als Jungdemokrat/Radikaldemokrat in den 70er Jahren war es selbstverständlich, zum einen für die materielle Verwirklichung von Grund- und Freiheitsrechten einzutreten und die autoritären Tendenzen auch der sozialliberalen Koalition zu hinterfragen, die einst mit dem Slogan “Wir wollen mehr Demokratie wagen” angetreten war, aber mit Berufsverboten für linke Lehrer und Lokführer sowie den Antiterrorgesetzen im Zug der RAF-Anschläge schwer Hand an den Rechtsstaat gelegt, ihn verletzt hatte. Ich las in der “Zeit”, dass es Widerstände gegen die Besetzung des Lehrstuhls an der Freien (!) Universität gegen seine Person gab und war empört. Wir wendeten uns nicht ohne Grund gegen Berufsverbote und unterstützten das Russell-Tribunal. Im Zuge dieser Veranstaltung gewann das Komitee für Grundrechte und Demokratie an politischem Gewicht in der außerparlamentarischen Bewegung in der Bundesrepublik.

Ob bei Polizeiübergriffen in Brokdorf oder anderswo oder beim Volkszählungsboykott 1987 – immer war das Komitee für Grundrechte und Demokratie ein wichtiger Bündnispartner und Wolf-Dieter Narr, den ich 1983 dann endlich persönlich kennen lernte, ein wichtiger Ratgeber und Mentor. Wir trafen uns nicht häufig, aber es war immer ein Anlass intensiver, offener und höchst konzentrierter Diskussion. Ich studierte zwar Politikwissenschaft, hatte aber immer einen Hang zur politischen Praxis. Die kritische Theorie, für viele Jungdemokrat*innen und die Mehrzahl der damaligen linken Grünen wie Ludger Volmer, Claudia Roth, Hans-Christian Ströbele oder Renate Künast wichtiges Instrument zur Analyse der Gesellschaft. Ich hatte mir immer vorgenommen, im Gespräch zu bleiben und war sicher, wenn jemand die “Kritische Praxis” schreiben und darüber umfassende Werke verfassen würde, dann hieße dieser Wolf-Dieter Narr.

Emanzipatorische Politik als Methode

Dabei übersah ich, dass dieses Konzept, das er immer wieder in Diskussionen andeutete, eine ebenso dynamische und sich den gesellschaftlichen Veränderungen immer wieder anpassende Methode sein musste. Und dass wir bei den Jungdemokraten diese Methode im “Leverkusener Manifest” längst beschrieben hatten, was Wolf-Dieter Narr immer wieder beschwor – im Gegensatz zu Sozialisten keinen Endzustand anzustreben, sondern die Minimierung von nicht demokratisch legitimierter Herrschaft von Menschen über Menschen in jeder gegebenen gesellschaftlichen Situation zu beachten und demokratische und soziale Politik als Methode zu begreifen, die die Grundrechte des Individuums schützt. Im Gegensatz zum klassischen Liberalismus aber nicht nur als Abwehrrecht verstanden, sondern als materielle Verwirklichung der Grundrechte. Also nicht nur, dass Demonstrationsfreiheit herrscht, sondern auch der Hartz 4 Empfänger sich die Fahrkarte nach Berlin leisten kann – dass Arbeiterkinder sich nicht nur fürs Medizinstudium einschreiben, sondern es sich auch leisten können.

Kämpfer für Grundrechte

Wolf-Dieter Narr war nicht nur im Grundrechtekomitee aktiv, gegen Berufsverbote, für Freiheitsrechte, als die Sozialliberale Koalition mit den §§ 88a und 130a, dem Kontaktsperregesetz und vielen anderen Gesetzen über die Stränge schlug, er war uns beim Volkszählungsboykott 1983 und 1987 ein wichtiger Ratgeber. Er war Kämpfer gegen den späteren Überwachungsstaat mit Vorratsdatenspeicherung und Biometriedaten. Er war derjenige, der an der FU das größte kritische Polizeiarchiv Europas ins Leben rief, seit den 80er Jahren Redaktion der Zeitschrift “CILIP-Bürgerrechte und Polizei” und ein wichtiger Diskussionspartner Grüner Programmatik für eine bürgernahe, demokratische Polizei. Wolf-Dieter Narr war auch nach seiner Emeritierung voller Pläne und Ideen. Vor einigen Jahren raubte ihm ein Schlaganfall die Möglichkeiten voller Handlungsfreiheit. Das muss gerade für ihn, der das Wort als Mittel im gewaltfreien Diskurs so schätzte, eine schwer zu ertragene Bürde gewesen sein.

In der letzten Woche wurde sie von ihm genommen. Farewell, Wolf-Dieter, wir werden Dich nicht vergessen – und Danke für alles!

 

 

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