Von Günter Bannas

Als einen Akt der Illoyalität, hat Wolfgang Schäuble kürzlich versichert, habe er den Artikel von Angela Merkel nicht verstanden, der kurz vor Weihnachten 1999 in der *Frankfurter Allgemeinen Zeitung* erschien. In dem Text, geschrieben während Helmut Kohls Spendenaffäre, kritisierte die damalige CDU-Generalsekretärin den Altkanzler, weil Kohl der Partei „Schaden“ zugefügt habe. Sie forderte die CDU auf, sich von Kohl zu emanzipieren. Wegen seiner ihm zugeschriebenen Folgen ging der Artikel in die Geschichte ein – die Geschichte der Zeitung, die vor 70 Jahren gegründet wurde, in die Geschichte der CDU, weil das Denkmal Kohl stürzte und sein Nachfolger im Parteivorsitz, Schäuble, gleich mit, und in die Geschichte der Bundesrepublik, weil Merkel damit den Grundstein für ihre Kanzlerschaft gelegt habe. Schäuble sprach als Laudator bei der Vorstellung des Buches („Zeitung für Deutschland – Die Geschichte der FAZ“) des Historikers Peter Hoeres – in der Berliner Dependance des Blattes. Von Merkels Artikel sei er überrascht worden, auch wenn Kohl das nicht geglaubt habe. Er habe erst gedacht, oh Gott, warum sie ihn nicht gefragt habe. Auch Merkel war das jetzt gefragt worden. Sie sagte, was auch Schäuble meinte: Sie hätte nicht fragen dürfen. Was wäre gewesen, wenn Schäuble ihr das Vorhaben untersagt hätte? Also sah Schäuble keine Illoyalität darin, auch wenn das anders kommentiert wird.

Schäuble ist sich sicher, dass Merkel, die Machtpolitikerin, „ihren Kohl“ genau studiert habe – und zwar en détail. Er mag derlei sarkastische Spitzen. Mit „Journalismus“, sagte er, habe der Aufsatz nichts zu tun gehabt. Merkel habe die Zeitung als „Medium“ genutzt. Auch ohne Merkels Artikel wäre es so gekommen, wie es kam. Eigentlich hätte er, Schäuble, gleich zu Beginn der Spendenaffäre wissen müssen, dass auch seine Zeit an der Spitze der CDU vorüber sein würde – nach 16 Jahren an Kohls Seite.

Schäuble fand nette Worte über den Jubilar. Die *FAZ* sei eine „gefestigte Institution“. Sie mache nicht jede Torheit mit. Sie sei „vielleicht immer noch ein Leitmedium“, wobei er „vielleicht“ sogleich als „alemannisches Understatement“ einschränkte. Groß sei der Einfluss der Zeitung auf Leserschaft und Meinungsbildung in der CDU, gemäß der FAZ-Werbekampagne „Dahinter steckt immer ein kluger Kopf“. Am 1. November 1949 erschien die erste Ausgabe der „Zeitung für Deutschland“.

Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion.

Über den/die Autor*in: Günter Bannas (Gastautor)

Günter Bannas ist Kolumnist des Hauptstadtbriefs. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Seine Beiträge sind Übernahmen aus "Der Hauptstadtbrief", mit freundlicher Genehmigung.