Italien weint um Venedig

Von , am Donnerstag, 14. November 2019, in Genuss, Politik.

In den 90ern war ich zweimal dort. Im Winter, nach Ende der deutschen Weihnachtsferien, und einmal zu einer wärmeren Jahreszeit von Triest aus. Am faszinierendsten war die Rundfahrt mit einem Linien-Vaporetto, bis rüber nach Murano, Alltagsleben auf dem Boot, wechselndes, teils nebliges Wetter draussen. Der Slowfood-Gastroführer Osterie d’Italia war uns ein zuverlässiger Leitstern durch bezahlbare, exzellente Küchen der an den Hauptrouten damals schon unbezahlbaren Stadt. Aus Jux und Frechheit tranken wir einen Espresso auf dem Markusplatz im Café Florian: seinerzeit umgerechnet 7,50 DM.
Das tolle an Venedig, wenn es nicht gerade überfüllt ist, ist, dass alles zu Fuss zu erschliessen ist. Neben alten Bahnhöfen faszinieren mich auch alte Hafenanlagen. Ich fand ein grosses verlassenes Becken vor, von dem in früheren Jahrzehnten grosse Ozeanriesen abgefahren sein mussten, mit einem riesigen leerstehenden Terminal von mussoliniartiger Architektur, zum damaligen Zeitpunkt mit nichts als morbidem Charme. In den 90ern war der neoliberal getriebene grosskapitalistische Kreuzfahrtmarkt noch nicht explodiert und über diese kleine Stadt, weniger als halb so gross wie Bonn (heute wie Beuel), hergefallen.
Schon damals in den 90er erlebte ich ein Hochwasser. Als Routine. Die Infrastruktur der Laufstege war ausgebaut und eingespielt. Es begann damals pünktlich kurz vor unserer eigenen Abreise. Ein merkwürdiges Abschiedsgefühl, schon vor ca. 25 Jahren. Das was heute passiert, kann daher niemanden mehr überraschen.
Selbstverständlich waren diese Besuche Venedigs für mich unvergesslich. Jede*r, die*der mal da war, hat sich in die Stadt verliebt (Parallele bei mir: Istanbul!). Sie ist von Bonn aus mit der Bahn in 12 (bis 18) Stunden per Bahn erreichbar. Damals gab es noch eine umsteigefreie IC-Verbindung täglich, mit Tagesüberfahrt über den Brenner. Heute heisst es 2-8 mal umsteigen, mindestens einmal in München.
Denn es geht zuende mit diesem Traum von Stadt. Lesen Sie nicht nur, sondern hören Sie den Architekten Marco de Michelis. Der Mann weint, und hat allen Grund dazu.
Und vergessen Sie nicht: morgen ist wieder Klimastreik.

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