von Ulrich Horn
Der WDR, sein Kinderchor und die Schweiz

Der WDR soll mit fast 4300 festen Beschäftigten die zweitgrößte Sendeanstalt Europas sein. Ob alle Mitarbeiter das wissen? Man kann es bezweifeln. Warum? Die Kölner Mediengroßmacht macht gerade europaweit von sich reden, bezeichnenderweise mit einem Liedchen des hauseigenen Kinderchors, über das der Sender seit Tagen immer mehr zur Skandal- und Lachnummer wird.

Alles doch nur Spaß

Er ließ die Chorkinder auf die Melodie von „Meine Oma fährt im Hühnerstall Motorrad“ unter anderem die Zeile singen: „Meine Oma ist ’ne alte Umweltsau“. Einem Mitarbeiter der zweitgrößten Sendeanstalt des Kontinents war das nicht genug. Er nannte die Omas der Kritiker, denen das Liedchen übel aufstieß, „Nazisäue“. Ob er die Trümmerfrauen meinte, die nach dem Krieg in Stadt und Land oft mit bloßen Händen den Kriegsmüll entsorgten?

Es kam, wie es kommen musste. Es hagelte Protest. Um die gekränkten Omas zu besänftigen, erzählten ihnen WDR-Mitarbeiter, das alles sei doch nur ein Spaß, Satire eben. Der Beschwichtigungsversuch schlug fehl. Er sorgte für noch mehr Protest. Und so befehden sich nun seit Tagen auf der einen Seite WDR-Gegner, Klimaleugner und Rechtsradikale und auf der anderen Seite WDR-Mitarbeiter, die ihren Kritikern vorwerfen, die Meinungsfreiheit zu bedrohen.

Diese Sorge teilen auch 40 Satireexperten, die den WDR-Leuten den Rücken stärken. Gemeinsam kämpfen sie in Köln an zwei Fronten: gegen die WDR-Kritiker vor der WDR-Pforte und gegen den WDR-Intendanten Buhrow in der WDR-Chefetage. Er hat sich für das Lied entschuldigt. Nun werfen ihm WDR-Beschäftigte vor, er sei ihnen in den Rücken gefallen. Da können alle Omas, die sich als „Umweltsau“ verunglimpft fühlen und besorgt auf die Krise im Nahen Osten schauen, nur staunen.

Fragen über Fragen

Die WDR-Mitarbeiter werden durch Gebühren finanziert, denen sich niemand entziehen kann. Auch „Umweltsäue“ müssen sie entrichten. Sie zählen zur Kernhörerschaft des WDR. Der Sender gehört also nicht den Beschäftigten allein, sondern auch allen anderen Gebührenzahlern. Dieser Umstand wirft manche Frage auf, die das aktuelle Kampfgetümmel zu überlagern droht.

Wozu unterhält der WDR in Köln einen Kinderchor? Hat er an seinen anderen Standorten in NRW Chöre? Wie viele Hobby- und Freizeitklubs hält er sonst noch vor? Wie viele WDR-Beschäftigte sind Oma? Wo haben sie und ihre WDR-Kollegen 2019 ihren Urlaub verbracht? Wie groß war der Umweltschaden durch die Urlaubsreisen? Wie viel Diesel und Benzin verbrauchte der Fuhrpark des WDR 2019? Wie viel Strom verbraucht der WDR für seinen Betrieb? Handelt es sich um Öko-Strom?

Warum thematisierte der Kinderchor nicht auch die Opas? Halten es die Feministinnen beim WDR nicht für frauenfeindlich, Omas als „Umweltsäue“ zu bezeichnen? Wie will der WDR jenen seiner Kundinnen (Hörerinnen) helfen, die sich beschimpft fühlen und nichts damit anfangen können, dass die Beschimpfung Satire genannt wird? Die Liste ließe sich leicht verlängern.

160 Millionen Stunden

Omas, die der WDR „Umweltsäue“ nennt, gibt es auch in der Schweiz. Dieses Land hat knapp halb so viele Einwohner wie in NRW. Das Schweizer Bundesamt für Statistik hat ermittelt, dass die Omas und Opas der Alpenrepublik 2016 rund 160 Millionen Stunden damit zugebracht haben, ihre Enkel zu betreuen, um die Eltern zu entlasten. Diese Zeit soll dem Gegenwert von 8,146 Milliarden Franken entsprochen haben.

Wie mögen wohl die Betreuungswerte der Großeltern im doppelt so großen WDR-Land NRW aussehen? Als besonders betreuungsaktiv erwiesen sich in der Schweiz übrigens die „Umweltsäue“. Sie betreuten ihre Enkel doppelt so lange, wie dies die Opas taten. Als „Umweltsau“ beschimpft wurden dort, so weit ich weiß, bisher weder die Omas noch die Opas. Da haben sie, alle übrigen Schweizer und die Schweiz insgesamt großes Schwein gehabt.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von post-von-horn.de, mit freundlicher Genehmigung des Autors.