In den 90er Jahren half ich Extradienst-Gastautorin Nora Guthrie ein bisschen dabei, in Deutschland – damals noch von OBine Dieckmann – eingebürgert zu werden. Nora ist Tochter des berühmten Woody, und kümmert sich noch heute in NYC um sein reiches kulturelles Erbe – wenn sie nicht gerade zuhause ist, in Bonn-Beuel, bei mir um die Ecke. Warum wollte so eine US-Bürgerin, dort eine Prominente, in Beuel nahezu unbekannt, Deutsche werden? Aus Altersgründen, weil das Gesundheitswesen hierzulande um Klassen sicherer ist, wenn einer ihr Leben lieb ist.
Noras Gatte Michael pendelt alljährlich im ersten Quartal aus NYC nach Beuel, zu Nachuntersuchungen, nach schwerer Erkrankung. Die Zeit und die Kosten eines Atlantikfluges werden durch den Unterschied der Gesundheitswesen aufgewogen. Nun fürchtet er die Rückreise nach NYC, weil er als Ehemann zwar reingelassen würde, sich aber 2-Wochen-Quarantäne unterziehen müsste. Es sind nicht diese Menschen, sondern die Verhältnisse, die pervers sind. 28 Mio. US-Bürger*innen (die Zahl habe ich nachträglich nach unten korrigiert, sie bleibt schlimm genug) müssen ganz ohne Krankenversicherung leben. Sie haben schon deswegen keinen Anlass, sich auf den aktuellen Virus testen zu lassen, weil es für sie zu teuer ist – jeder einzelne Arztbesuch kostet. Zu Recht steht dieses Thema im Zentrum des diesjährigen Präsidentschaftswahlkampfes.
Hierzulande ist vieles auch nicht ideal. Private Krankenversicherungen stossen sich gesund, ebenso private Krankenhauskonzerne, von Big Pharma, allgegenwärtig auf allen Kontinenten, ganz zu schweigen. Aber wenigstens haben wir gesetzliche Krankenversicherungen, städtische und landeseigene Kliniken – und skandalös unterbesetztes weil unterbezahltes, aber irre engagiertes, oftmals ausbrennendes Pflegepersonal, das mittlerweile aus vielen ärmeren Ländern abgeworben wird – nur um keine fairen Löhne zahlen zu müssen. Egal: gut für uns Patient*inn*en, ob krank oder gesund.

Oligarchen-Schläue in der Krise

Wie schlau sie bei Big Pharma sind, das zeigt das Unternehmen CureVac, und ich danke Ulrich Horn, mit dem ich zu seinem aktuellen Text ansonsten komplett anderer Meinung bin, für seinen sachdienlichen Hinweis. Im Unterschied zu mir, der das aus gesundheitlichen Gründen vermeidet, lesen sowohl Ulrich Horn als auch Dieter Bott die Hervorbringungen der AfD-nahen Springerpresse. Darum erfahre ich von Ulrich Horn, dass der Fussball- und Software-Oligarch Dietmar Hopp auch Finanzier des Tübinger Unternehmens ist, mit dem Springers WamS die Wochenendagenda der deutschen Medien bestimmt hat. Angeblich wolle der fiese Donald “uns” die mögliche Corona-Impfung, die CureVac zu erfinden vorgibt, wegkaufen. Egal, ob davon irgendwas stimmt – ich habe gegenüber solchen “Nachrichten” soziogenetisch begründete Zweifel – werden damit doch alle deutschen Affekte wirkungsvoll bedient – und die Firma in Tübingen bundesweit bekannt. Kostengünstigere PR kann sie nicht kriegen.
Der Denkfehler von Ulrich Horn ist nun folgender, streng politökonomisch betrachtet. Der feine Herr Hopp und seine Gesinnungsfreunde wollen im europäischen Fussball ein Geschäftsmodell durchsetzen, das das US-Gesundheitswesen, und selbst die Weltgesundheitsorganisation (WHO), von dem Beiträge verweigernden Donald Trump erzwungen, schon hat: neoliberale Abmeldung des Staates und der Öffentlichkeit, Umverteilung der Finanzierung aus öffentlichen in wenige investierende Milliardärskassen. Die dann wiederum über steuervermeidende fette – selbstverständlich durchgehend “uneigennützig mildtätige” – Stiftungen investierend die Richtung bestimmen. Verarmte Staaten, ob mit oder ohne Demokratie, können dabei nicht mehr “stören”.
Die europäischen Regierungen versuchen nun, aktuell im Zentrum des Virussturms, vor ihrem jeweiligen Wahlvolk gut auszusehen. Das gelingt vorübergehend. Mich erschreckt daran, mit welch “einfachen” Mitteln die Demokratie ausgeknipst werden kann. Wie sicher ist, dass sie auch wieder angeknipst wird? In Wahrheit sind die europäischen Regierungen selber lauter kleine Trumps (Audio von DLF-EU-Korrespondent Peter Kapern, 4 Min.), über die sich der Kerl zurecht lustigmachen kann. Hoffen wir, dass wenigstens das noch repariert wird.
Es gibt Alternativen. Ein adeliger Spross, der irgendwie trotzdem ein kluger Mann geworden ist, Andreas von Westphalen, hat es bei telepolis aufgeschrieben. Adeliger Spinner? Arbeitet sich als Schwarzes Schaf nur an seiner Familie ab? Die Motive, zur Vernunft zu kommen, können sehr verschieden sein. Hauptsache, niemand gibt auf.