von Benjamin Pütter
Egal ob die Renten sicher sind oder nicht, das Engagement gegen gesundheitsschädigende, ausbeuterische Kinderarbeit war Dr. Norbert Blüm eine Herzensangelegenheit, die er auch gegen Widerstände stets verfolgte.
1997 trafen wir uns das erste Mal.
Mehrere entwicklungspolitische Hilfswerke hatten sich zusammengeschlossen, um einen weltweiten Marsch gegen Kinderarbeit (Global March against Child Labour) zu organisieren. Es ging darum, dem Ansinnen der ILO (International Labour Organisation, Genf), eine Konvention gegen die schlimmsten Formen der Kinderarbeit zu verabschieden, Nachdruck zu verleihen.
Und plötzlich war ein Vorreiter gefunden, auf Seiten der Regierung: Der Bundesarbeitsminister Dr. Norbert Blüm war hoch erfreut über diesen „Druck von der Straße“ und lud ein, ein Konzept für die neue Konvention zu erarbeiten, welches wirklich zu einer Veränderung der Realität führen sollte.
Mit Stolz erzählte er damals, dass die Bundesregierung fast 90% des Budgets des ILO-Programmes zur Bekämpfung von Kinderarbeit (IPEC) finanziere und sie nun den damit verbundenen Einfluss ausnutzen wolle, eine Konvention zu beschließen, die es ermöglichen möge, hier weltweit aktiv zu werden.
So wurden fast alle Forderungen der entwicklungspolitischen Hilfswerke letztendlich von der Bundesregierung (von Dr. Norbert Blüm) übernommen und es wurde 1999 die Konvention 182 ratifiziert.
Hierfür war Dr. Norbert Blüm auch bereit gewesen, sich mit dem Koalitionspartner, der FDP, anzulegen, die alles am liebsten dem Markt überlassen hätte und keinen Bedarf für gesetzliche Regelungen sah.
Und es entwickelte sich eine Freundschaft, die u.a. dazu führte, dass sich Dr. Norbert Blüm im Jahre 2005 bereit erklärte, XertifiX e.V. (Natursteine ohne Kinderarbeit) mit zu gründen und den Vorsitz zu übernehmen.
Hierzu eine Anekdote: Der Verein wurde im Freiburger Öko-Stadtteil Vauban gegründet und er bemerkte süffisant, als wir auf einer Bank am Straßenrand saßen: „So sitze ich also hier als Vertreter einer Splitterpartei“ (Die CDU war bei der letzten Wahl auf 4% der Stimmen gekommen).
Dies und die ständige Sticheleien der Passanten („Sind die Renten denn sicher?“) steckte er mit einem Lächeln weg, viel mehr machte ihm Sorgen, dass der „Norbert-Blüm-Flügel“ in der CDU immer schwächer wurde. Wo blieb z.B. auch das entwicklungspolitische Engagement, das Engagement für die Schwächsten, z.B. für die Kinder in Indien?
Später waren wir gemeinsam mehrmals genau dort unterwegs, um selber in Augenschein zu nehmen, wie Kinder in Steinbrüchen ausgebeutet werden, nicht in die Schule gehen dürfen und krank werden – nur damit wir in Deutschland preisgünstige Grabsteine, Küchen- und Gartenplatten sowie Pflastersteine kaufen können.
Bei 48 Grad im Schatten rannten wir in einen Exportsteinbruch, da er Kinder wegrennen sah. Als wir ankamen, waren diese geflohen. Dies hielt Herrn Blüm aber nicht davon ab, kundzutun, dass er den Steinbruch erst wieder verlassen werde, wenn diese Kinder wieder zurückgebracht würden und er sie befragen könne. Es dauerte Stunden bis dies passierte und wir schwitzen in der Hitze und dem Steinstaub.
Und da Verbot ohne Hilfe zynisch ist, war es ihm auch immer eine Herzensangelegenheit, dass der Kampf gegen ausbeuterische, gesundheitsschädigende Kinderarbeit stets mit Sozialprojekten für die Kinder und deren Eltern einhergeht. Hier ist das Engagement der Hilfswerke von großer Bedeutung.
Und was viele nicht wissen: Sein Engagement gegen Kinderarbeit brachte ihn auch vor Gericht: Deutsche Steinmetze wollten ihm verbieten, Bilder von arbeitenden Kindern in Steinbrüchen zu zeigen. Dies ist ihnen nicht gelungen. Die Gerichte (4) attestierten den Aufnahmen Authentizität und wiesen diese Anklage zurück. Eine zweite Anzeige der Steinmetze hatte allerdings Erfolg: Bei Strafandrohung von 250.000 Euro wurde Herrn Dr. Blüm (und mir) verboten, Gemeinden in Deutschland aufzufordern, auf ihren Friedhöfen nur noch Grabsteine zuzulassen, die garantiert ohne Kinderarbeit hergestellt wurden. In der Urteilsbegründung sagte der Richter: „Auch der Verkauf von Produkten aus ausbeuterischer Kinderarbeit ist in Deutschland erlaubt und muss daher geschützt werden“. Hier Veränderungen anzubringen, ist Herrn Dr. Blüm zu Lebzeiten nicht mehr gelungen und es ist an uns allen, hier dran zu bleiben.
Der Autor hat u.a. das Buch “Kleine Hände – grosser Profit”, erschienen im Heyne-Verlag/Randomhouse, geschrieben.

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