Von Günter Bannas
In Sachen Corona-Pandemie werden von Bundes- und Landesregierungen die widerständigen Proteste ernst genommen, die anhalten, obwohl oder weil – Masken hin, Desinfektion her – die „Lockerungen“ ausgiebig genutzt werden. Ob sich, da die Biergärten geöffnet sind, die U-Musik wieder einmal einer Krise bemächtigt? Klar ist: Alles ist politisch – sogar das deutsche Liedgut. Gottseidank: Der 30. Mai wäre schon einmal heil überstanden. „Am 30. Mai ist der Weltuntergang, wir leben, wir leben nicht mehr lang“ war ein beliebter Gute-Laune-Schlager: „Herr Ober, noch ein Glas!“ 1954 war das, als sich Kriegsängste breitmachten. Unausgesprochen erinnerte der Gassenhauer an eine Heimsuchung schlimmster Art. Am 30. Mai 1942 waren weite Teile Kölns von einem 1000-Bomber-Angriff dem Erdboden gleichgemacht worden, dem ersten seiner Art. Vergessenwollen ist menschlich. Krisen riefen oft in der Geschichte Verschwörungstheorien hervor, wobei es sich eigentlich nicht um Theorien, sondern um Quatsch oder Lügen handelt. Während der „Flüchtlingskrise“ 2015/16 glaubten bestens ausgebildete und im Beruf erfolgreiche Leute fest daran, Angela Merkel besitze in Paraguay eine Ranch als Zufluchtsort – angrenzend an ein Anwesen der amerikanischen Präsidentenfamilie Bush. Heute geht es um Bill Gates. Ob man darüber weinen oder lachen kann, sollte, muss?

Als wegen der sowjetischen Vor- und der amerikanischen Nachrüstung zu Beginn der 1980er-Jahre eine atomare Untergangsstimmung um sich griff und auch noch das „Waldsterben“ dazukam, standen „Ein bisschen Frieden“, „Besuchen Sie Europa, solange es noch steht“ und „Hurra, wir leben noch“ oben in den Charts. Auszüge: „Wie stark ist der Mensch?“ Und: „Wie viel Ängste, wie viel Druck kann er ertragen?“ Optimistischer Ausblick: „Nach all dem Dunkel gibt es wieder Licht.“ Doch das Oktoberfest 2020 wurde schon gecancelt. Ob es zum Karneval 2021 kommen wird, steht in den Sternen. Maskenbälle (Motto: „Tanz der Aerosole“) mit Alu-Hüten und Abstandsgeboten? Angesichts der vielen „Schutzschirme“ könnte ein Uralt-Schlager aus der Zeit der 1948er-Währungsreform neu aufgelegt werden: Frage 1: „Wer soll das bezahlen, wer hat das bestellt?“ Frage 2: „Wer hat so viel Pinke-Pinke, wer hat so viel Geld?“ Oder kommt Mut auf – schenkelklopfend und wider alle Sozialkritik? „Jetzt wird wieder in die Hände gespuckt, wir steigern das Bruttosozialprodukt!“
Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF