Ein kleines Hoffnungszeichen fĂŒr die Bonner GrĂŒnen
Meine Ferndiagnose: ADHS fĂŒr Erwachsene plus die MĂ€nnerkrankheit nicht-rechtzeitig-aufhören-oder-wenigstens-einfach-mal-die-Klappe-halten-können. Die Bonner CDU habe ich in ihrer HeterogenitĂ€t in mehreren Jahren Ratskoalition nĂ€her kennen gelernt – anstĂ€ndige, ehrliche Leute und lernunfĂ€hige rechte Knallköpfe in einer Partei vereint. Gemeinsam ist ihnen der Konkurrenzneid auf die eigenen Parteifeinde – warum soll es ihnen besser gehen als mir bei den GrĂŒnen? – und, das ist das Besondere: seit der Europawahl im Vorjahr unter Schock. Und jetzt die Coronakrise: sie können ihr GlĂŒck der letzten Chance kaum fassen.
Die NRW-Landesregierung aus CDU und FDP will die Kommunalwahl am 13.9. auf jeden Fall durchziehen, Virus hin oder her. Letzte Woche hat der Landtag versucht, das Wahlgesetz noch etwas verfassungsfester zu machen, indem er die HĂŒrden fĂŒr Neubewerber*innen senkte. Ob das reicht? Ich weiss es nicht. Moralisch sind Zweifel angebracht. Die CDU weiss genau, dass der politische Stimmungswind fĂŒr sie nie wieder so gĂŒnstig wehen wird, wie unter der Merkel-Verwaltung der Viruskrise. Darum muss und will sie zugreifen, solange die reifen FrĂŒchte noch nicht faul sind. BegĂŒnstigt wird sie dadurch, dass ihr in der Hauptstadt keine Partei Oppositionspolitik entgegensetzt. Alle sind im Wettbewerb um die treueste Treue zur konkurrenzlos populĂ€ren Bundeskanzlerin. Wer so schlau ist, seine Teilnahme an einem Gipfeltreffen der mĂ€chtigsten Staatenlenker*innen rechtzeitig spektakulĂ€r abzusagen, 1 1/2 Tage bevor die ganze Gigantonamie dann komplett abgesagt wird, die hat sich solche PopularitĂ€t und so viel Gedankenlosigkeit ihrer Gegner*innen ja auch irgendwie “ehrlich verdient”.

Wetten auf Dörner? Eisel hilft

Vor der Coronakrise habe ich Wetten darauf angeboten, dass die GrĂŒne MdB Katja Dörner die nĂ€chste Bonner OberbĂŒrgermeisterin wird. Niemand wollte dagegen setzen. Jetzt mache ich das Angebot nicht mehr, es ist zu spannend geworden. Dabei hilft Stephan Eisel.
Zum ersten Mal von ihm gehört habe ich, als er Bundesvorsitzender des Rings Christlich Demokratischer Studenten war, eine kleine rechte Sekte, die Ende der 70er/Anfang der 80er von der grossen Mehrheit der politisch interessierten Student*inn*en kaum ernst genommen wurde. Eine ihrer Hochburgen war das Bonner Juridicum. Den mit dem RCDS sympathisierenden reichen Burschenschaften gehörten – und gehören vermutlich noch heute – jede Menge teuerster Immobilien in seiner Umgebung. Ich war meinerseits fĂŒr den Liberalen Hochschulverband (LHV) im Vorstand der Vereigten Deutschen Studentenschaften (VDS), dem damaligen bundesweiten Dachverband. Dann begegnete er mir auch leibhaftig als rechter Oppositioneller in der Fachschaft Politische Wissenschaften – und der Spass, die Freude am Gewinnen begann.
Im gerade gesetzlich neukonstruierten Fachschaftsparlament hatten die Linken nur eine knappe 6:5-Mehrheit. Mit Eisel als Gegner bauten wir die zĂŒgig von Wahl zu Wahl auf 8:3 aus (“wir” waren neben mir z.B. der verstorbene Werner Rambow, und meine heutigen Mitautoren Ingo Arend, Jupp Legrand oder Gert EisenbĂŒrger). Auch die Koalitionsmehrheit im Studentenparlament nahmen wir Eisels RCDS regelmĂ€ssig wieder ab. Ich kann mich nur noch an unseren ersten linken AStA-Vorsitzenden erinnern. es war der Mathematiker und spĂ€tere Zeit-Redakteur Christoph Drösser. In guter Erinnerung blieb mir sein SHB-Genosse Norbert Mappes-Niediek, mit dem der Koalitionsvertrag auzuhandeln war; heute ist er der beste deutsche Balkankorrespondent mit Wohnsitz im schönen Graz. Ich weiss, ich schweife ab, aber es sind schöne Erinnerungen, die dieser Eisel in mir wach ruft. Zeitweise wohnte er sogar in Fernrohrweite meiner 21 Jahre andauernden WG im Beueler Bergweg, ich sah sein Namensschild beim Wahlkampfzeitungverteilen (oder wars der “illegale” VolkszĂ€hlungsboykott 1987?) am Briefkasten.

Friedensbewegung oder Bundeskanzleramt? Festspielhaus oder Wahlsieg?

SpĂ€ter traf ich ihn am Flughafen DĂŒsseldorf. Ich war auf Dienstreise zu einem internationalen Friedenskongress (war es Vitoria im Baskenland? oder Coventry in England? vergessen). Wir tauschten per Smalltalk aus, “was machst Du heute so?”, ich Friedensbewegung, er: Bundeskanzleramt. Da wusste ich ein weiteres Mal, dass ich alles richtig gemacht hatte.
Ich wage zu unterstellen, dass Helmut Kohl fĂŒr den Herrn Eisel ein Idol war. Diese Bewunderung hatte aber augenscheinlich keine dauerhafte Gegenseitigkeit. Eisels Jobhopper-Biografie verrĂ€t, dass deutsche Konservative “verdiente” Leute zwar nicht fallenlassen, wie es bei Linken und linken GrĂŒnen Brauch ist, aber irgendwann auch oft nicht mehr wissen, was sie jetzt mit so einem Eisel machen sollen.
Eine neue fĂŒr mich und die Bonner GrĂŒnen geradezu festliche Zuspitzung fand diese Geschichte mit der Auseinandersetzung um ein Bonner Festspielhaus. Was Karin-Hempel-Soos (“Salzburg oder Bayreuth in Bonn”) fĂŒr die SPD war, war hier der unvermeidliche Eisel fĂŒr die CDU: eine echte Gefahr. HĂ€tten nicht die sponsernden Konzerne drei Monate vorher den Stecker gezogen, hĂ€tten die Bonner GrĂŒnen nach dem WCCB-Skandal mit dem Thema Festspielhaus schon die vorige Kommunalwahl so gewonnen, wie sie es dann nur bei der Europawahl getan haben. Jetzt mĂŒssen die “Bonner BĂŒrger” bis zur nĂ€chsten Philharmonie halt umstĂ€ndliche 18 Minuten mit dem IC fahren. Viel klĂŒger als der Möchtegernstratege Eisel war ĂŒbrigens mein alter FDP-Parteifeind Otto Lambsdorff. Er beehrte eine festspielhauskritische Veranstaltung meiner Ratsfraktion mit seiner Anwesenheit in der ersten Publikumsreihe; seine Gattin Alexandra ergriff sogar selbst das Wort zur Verteidigung der bestehenden Bonner Kultureinrichtungen.

Danke Eisel! Danke “SchnĂŒss”!

Wie komm’ ich drauf? Ach so. Eisel hat was geschrieben. Und die SchnĂŒss, ja, die gibt es noch, berichtet darĂŒber (Gitta List auf S. 4/5). Gut, das ist jetzt nicht wirklich mehr als ein Sack Reis. Aber Bonn ist ja auch nur eine kleine Stadt. “Katja Dörner polarisiert als Person nicht”, obwohl sie doch eine linke und wichtige GrĂŒne in Bonn ist, und darum an allem schuld, was die GrĂŒnen (und die doofe CDU-Ratsfraktion hinterdrein) in Bonn alles falsch gemacht hat. Was, wenn sie jetzt noch drei Monate Zeit bekommt, die Bonner WĂ€hler*innen hinterlistig um ihre linken Finger zu wickeln? Bis jetzt ist ja alles ausgefallen. Sollte es tatsĂ€chlich noch zu Wahlkampf kommen? Schön, dass der Stephan auf diese Gefahr hingewiesen hat. Auf ihn ist einfach Verlass.