David Kasparek hat mit seiner Position zur neuen Rheinturm-Idee des Unternehmers Burbulla ins Schwarze getroffen. Die geschilderten Argumente des Initiators  – und vielleicht auch seine Motive – verdienen noch eine Erweiterung. Denn was von Burbulla als BegrĂŒndung angefĂŒhrt wird, ist doch letztlich völlig inhaltsleer. Die schöne Aussicht und ein Konzert genießen – in Corona-Zeiten ein zumindest mittelfristig nicht gerade ĂŒberzeugendes Projekt – was hat das mit Bonn zu tun, das kann man auch an der Loreley oder schlimmstenfalls sogar in DĂŒsseldorf realisieren. Was treibt den Mann also an?

“Weil ich es kann” ist langweilig

Jedenfalls nicht die Anerkennung der Geschichte Bonns, als Beamtenresidenz, Sommersitz der Zuckerbarone, die einst die Villa Hammerschmidt, das Palais Schaumburg und viele andere interessante GebĂ€ude nördlich des ehemaligen Regierungsviertels bauten. Was der Initiator da vorhat, ist genau das Gegenteil vom “Kleid seiner Tochter” – banale Durchschnittskultur. So, wie es sich bisher darstellt, handelt es sich um eine typisch mĂ€nnliches Projekt, bei dem die einfache Sinnfrage “warum willst Du das machen?” mit einem banalen “weil ich es kann!” zu beantworten ist. Und warum dann ein Hochhaus? Sigmund Freud hat die Antwort: Weil es ein Phallussymbol sein muss. Das ist wirklich langweilig. Dabei steckt doch Bonn voller Überraschungen und nicht gehobener oder der Öffentlichkeit bewußt gemachter SchĂ€tze der Demokratie!

Bonn ist spannend – wenn man richtig hinschaut

Da ist die beschauliche, aber interessante Kultur der 50er und 60er Regierungsjahre, vom SpionagecafĂ© in der Kaiserstraße ĂŒber dasselbe in der Innenstadt, wo die “Romeos”, DDR-Agenten einsamen SekretĂ€rinnen den Hof machten. Wer einmal eine Spionagetour von “Stattreisen Bonn” mitgemacht hat, konnte etwas ĂŒber die ehemalige Bundeshauptstadt lernen. Regieren im gewollt spießigen Bonn, die StĂ€rke der ProvinzialitĂ€t, wie sie GĂŒnter Bannas beschreibt, die heute einer großkotzigen Kultur der möchtegern-Weltmacht in Berlin gewichen ist. Die Kultur der ĂŒberschaubaren Demokratie, der erst langsamen Überwindung ehemaliger Nazi-Strukturen, fĂŒr die Globke, Gehlen und Kiesinger stehen. Trotz “Haus der Geschichte” unterbelichtete Themen. Eine Kultur der Schöpfung und Aneignung von Grundrechten durch aktive Demokrat*innen, eine neue Tradition der friedlichen Demonstrationen – all dies ist Bonn, all dies ist nicht sichtbar, verdient es aber, herausgestellt zu werden.

Demokratie von unten wachsen lassen

Parlamentarischer Rat, das Grundgesetz, der Kampf der wenigen MĂŒtter des Grundgesetzes um die Gleichberechtigung. Die Demonstrationen gegen die Wiederbewaffnung und das Atomare Abenteuer von Franz-Josef Strauß. Heinrich Böll spricht vor ĂŒber hunderttausenden auf der Hofgartenwiese 1968 gegen die Notstandsgesetze. Mehr Demokratie wagen mit Willy Brandt und Walter Scheel. Die Anti-AKW, und Friedensdemonstrationen mit einer halben Million Menschen in den 80er Jahren, der Kampf ums Asylgrundrecht im Regierungsviertel, und die Sorgen der Kumpel, als Kohl die Bergbausubventionen streicht. Kneipenpolitik in der “Provinz” wo das erste “Rot-GrĂŒn” zusammengekungelt wurde. LĂ€ngst verschollene, abgerissene Orte der demokratischen Geschichte und der Bundesrepublik von unten, von der Basis, eine starke Demokratie! Das wĂ€re doch mal ein Inhalt!

Haus der Republik und BĂŒrgerrechte

Der Bundesbeauftragte fĂŒr den Datenschutz, das Bundesamt fĂŒr Sicherheit in der Informationstechnik sind in Bonn fĂŒr Datenschutz und Datensicherheit und damit fĂŒr die BĂŒrgerrechte tĂ€tig. Im weitesten Sinne könnten sogar Telekom und Post AG dazu gehören, sofern sie ihre umfassenden Digitalisierungen kritischer WĂŒrdigung auszusetzen bereit sind. Schließlich ist die Region Bonn-Rhein-Sieg immer noch zweitgrĂ¶ĂŸter IT-Standort Deutschlands. Das BĂŒro der Friedenskooperative, die mit Mani Stenner selig die friedlichen Großdemonstrationen organisiert hat und Polizeichef Kniesel die “Deeskalationsstrategie” entwickelt hat, und bis in die 2000er Jahre Dialoge zwischen Polizei und Autonomen organisierte – es gibt sie noch in Bonn. Nicht zuletzt Fridays For Future – dazu viele NGOs im Bereich Umwelt, BĂŒrgerrechte, Fairer Handel und Entwicklungspolitik. Eine Demokratiewerkstatt, in der Schulklassen lernen, ein “Haus der Republik und BĂŒrger*innenrechte” – das gibt es nicht in Bonn, das könnte die Stadt gut gebrauchen – vielleicht auch ein Zentrum fĂŒr Antirassismus – und meinetwegen auch mit Kaffee – aber besser auf der Rheinwiese als auf einer Dachterrasse.