“Wenn es eine eindeutige Schlussfolgerung aus der Corona-Krise gibt, dann die, dass die öffentliche Daseinsvorsorge keinem Effizienz-Dogma unterworfen werden darf.” Diese kluge Einsicht formuliert Robert Kaltenbrunner/telepolis in seinen Überlegungen “Infiziert und doch nicht krank – Wie sich Stadt und UrbanitĂ€t nach Corona verĂ€ndern werden”. Etwas verklausuliert, er ist halt kein politischer Aktivist, ruft er zu einem Kampf um mehr öffentliche RĂ€ume auf. Denn wie knapp die sind, das wird jetzt vermehrt wahrgenommen.
Wie nötig es ist, an RadikalitĂ€t und Tempo zuzulegen, das weht uns aus dem Nordosten, aus Sibirien herĂŒber, nicht ein Virus, sonder Methan und Kohlenmonoxid. Die sibirischen WĂ€lder brennen kaum weniger, als die am Amazonas. Sie fallen nicht nur als Sauerstoffproduzenten aus, sie lassen auch das Methan aus den Permafrostböden frei. Was Susanne Aigner/telepolis von dort an Temperatursteigerungen berichtet, lĂ€sst eine*n schwindlig werden.
Jacobin hat ein Interview vom 1. Mai noch mal auf seine Startseite gezogen. Im GesprĂ€ch mit der Lexit-/Labour-Aktivistin Grace Blakeley geht es um Widerstand gegen die Finanzialisierung der Ökonomie, also die Einsicht von Kaltenbrunner (s.o.) radikal weitergedacht. Sprachlich gerĂ€t das Lesen ins Holpern, wo von Arbeiter*inne*n die Rede ist. Anders als in der britischen Linken halten sich hierzulande nur noch die Kernbelegschaften von Industriebetrieben fĂŒr “Arbeiter*innen”. Weit ĂŒber die IG Metall ragt das nicht mehr hinaus, und fĂŒhrt damit zu mentalen und terminologischen MissverstĂ€ndnissen. In meiner politischen Jugend haben wir uns mal auf die Begrifflichkeit “LohnabhĂ€ngige” verstĂ€ndigt; dazu gehören in der Wirklichkeit auch die zahllosen Schein- und Solo-SelbststĂ€ndigen. Blakeley benennt eine begriffliche BrĂŒcke, auf der sich marxistische, ökologische und liberale Linke treffen könnten, wobei zu prĂŒfen ist, ob EU-Kommissionschefin Flinten-Uschi den Begriff nicht schon gestohlen hat: “Green New Deal”. Ich meine, dass es noch nicht so weit ist, ihn darum verloren zu geben. Wenn auch hier Tempo und RadikalitĂ€t zugelegt werden: in der diskursiven Definition, was das ist, und was nicht. Doch welche der genannten Linken sind noch diskurswillig und -fĂ€hig?