berlin viral – Soll das Gesundheitsamt sie zwei Jahre lang an BĂ€ume binden?
Schemenhaft nur zu erahnende Gesichter im Halbdunkel, die Augen auf ein fluoreszierendes Display gerichtet, die Kappe tief ins Gesicht gezogen. Wer sich zu Beginn des CoronozĂ€ns nicht nur auf nĂ€chtliche SpaziergĂ€nge machte, traf meist auf personale Konstellationen wie diese. Menschen, die sich in HauseingĂ€nge, Parkecken oder Bushaltestellen drĂŒckten, immer auf der Hut vor neugierigen Passanten, Nachbarn oder den zirkulierenden OrdnungskrĂ€ften. Die Pandemie zwang alle zurĂŒck in eine rudimentĂ€re Öffentlichkeit, die mitunter die Form einer filmreifen Proto-Verschwörung annahm.

Versammlungen waren untersagt, infektionsfördernde Zusammenrottungen galten tendenziell als Straftat, selbst Paare trauten sich nur mit schlechtem Gewissen auf die Straße. Es war alternativlos, aber es war auch gespenstisch.

Zu Beginn fĂŒgte ich mich, auch wenn es schwerfiel. Der RĂŒckzug ins Monadische hatte ja auch seine selbstreflexiven Vorteile: alles mal in Ruhe durchdenken. Demokratietheoretische Bedenken wurden als intellektueller Luxus beiseitegewischt. Dabei lag das Dilemma, in eine Art vordemokratischen DĂ€mmerzustand zu sinken, auf der Hand. „Ich kann mir nicht vorstellen, dass Demokratien ĂŒberleben können, wenn sich die Menschen nicht mehr in Gruppen von mehr als 50 Menschen versammeln dĂŒrfen“, ereiferte ich mich gegenĂŒber einer Freundin bei unserem wöchentlichen Abstandskaffee auf dem ziemlich ausgedĂŒnnten Wochenmarkt. Ihr machten die Autokraten, die ĂŒberall die Demokratie abwickelten, auch Angst. Trotzdem nickte sie nur halbherzig. Was angesichts der Bilder der Intensivstationen, BeatmungsgerĂ€te und der tĂ€glichen Fallzahlen des vermaledeiten Virus ja auch verstĂ€ndlich war.

Dass ich nicht mehr direkt hinter meiner Wohnung in die Columbiahalle oder ins Berghain feiern gehen konnte, leuchtete mir noch ein. Genauso klar war mir aber auch, dass das nicht lange gut gehen konnte. Auf Dauer wĂŒrde sich das soziale Wesen Mensch nicht von seinem Drang zu freier Assoziation abtrennen lassen. Eine Zukunft ohne den schwitzenden Kollektivkörper politischer Leidenschaft? Undenkbar.

Es war also nur eine Frage der Zeit, wann und mit welchen Mischformen die untersagte Vergemeinschaftung kompensiert werden wĂŒrde. So wie bei den Jungs in den tĂŒrkischen Nachtbars, die mitternachts nebeneinander in ihren abgedunkelten Glasbunkern mit Blickschutz zur Straße saßen.

Bei mir war es der tĂ€gliche Gang zum Supermarkt. Zwischen Suppendosen, Äpfeln und Klopapier machte ich mir vor, in Gesellschaft zu sein. Manchmal blieb ich noch ein paar Minuten an den Stehtischen vor Edeka stehen. Auch auf die Gefahr hin, als einer der Nichtsesshaften wahrgenommen zu werden, die dort das Terrain grummelnd nach Verwertbarem scannten.

Es ging weiter mit den kon­spirativen Treffs nachts im Viktoriapark, bei denen GrĂŒppchen kichernd im GebĂŒsch saßen. Hier und da hörte ich in den höheren Stockwerken nachts PartygelĂ€chter.

„Was sollen die denn machen, wenn alle Clubs geschlossen sind? Soll das Gesundheitsamt sie zwei Jahre lang an BĂ€ume binden? Das ist wie in einem Dampfkochtopf. Irgendwann verschafft sich der Druck sein Ventil“, agitierte ich wieder meine – mittlerweile kontaktpanische – Freundin am Wochenmarkt, wĂ€hrend ein Ehepaar mit schwarzer Maske beim VollwertbĂ€cker Kirschstreusel erstand.

„Wundert mich alles nicht“, sagte ich einem Freund, mit dem ich die heilsgewisse Truppe von Anticoronisten mit Alupickelhaube, Reichskriegsflagge und Friedenstaube am Brandenburger Tor beobachtet hatte. Von den Maskenverweigerern waren mir freilich die Knicklichter schwingenden Woodstocker aus der Hasenheide lieber, die wir in der Nacht zuvor besucht hatten.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autor und Verlag.