PrĂ€sidentenwahl in den USA – Der Kandidat der Demokraten Biden liegt in den meisten Umfragen vorne. Aber Trump hat noch nicht verloren.
Der Parteitag der US-Republikaner war in mehrfacher Hinsicht eine merkwĂŒrdige Veranstaltung. Erstaunlich vor allem, wie viel Raum dem demokratischen Herausforderer Joe Biden eingerĂ€umt wurde. Üblicherweise arbeitet sich eine Opposition an einer Regierung ab, nicht umgekehrt.

Aber PrĂ€sident Donald Trump und seine Fangemeinde haben die DĂ€monisierung von Biden in den Mittelpunkt des Parteitags gestellt. Ausgerechnet dieser brave und ziemlich langweilige Politiker soll nun ein verkappter Linksradikaler sein, der das Land ins Chaos stĂŒrzen will und Gewalt auf den Straßen propagiert.

Diese Taktik fĂŒhrte dazu, dass sich die Parteitage der Republikaner und der Demokraten auf seltsame Weise Ă€hnelten: Beide warnten vor allem vor dem jeweiligen Gegner und verzichteten weitgehend darauf, konkrete Konzepte fĂŒr die nĂ€chsten vier Jahre vorzustellen. FĂŒr einen Herausforderer, der die Abwahl eines in breiten Bevölkerungsschichten unpopulĂ€ren PrĂ€sidenten erreichen möchte, kann das eine vernĂŒnftige Strategie sein. Aber ein Staatsoberhaupt bringt sich damit um den Amtsbonus und wirkt wenig souverĂ€n.

Möglicherweise geht das KalkĂŒl der US-Republikaner dennoch auf. Immerhin haben sie offenkundig erkannt, dass sie fĂŒr einen Sieg auch auf die Stimmen von Leuten angewiesen sind, um die sie bisher kaum geworben haben. Die Folge: Eine fĂŒr Republikaner ungewöhnlich hohe Zahl von Frauen, Afroamerikanern und Menschen mit Migrationshintergrund kamen auf dem Parteitag zu Wort. Dass sie alle die Politik des US-PrĂ€sidenten in den höchsten Tönen lobten, war ebenso zu erwarten gewesen wie das ausfĂŒhrliche Eigenlob von Donald Trump. Aber bemerkenswert war doch, dass dies selbst fĂŒr Republikaner offenbar nur möglich ist, wenn die RealitĂ€t dabei vollstĂ€ndig ausgeblendet wird.

Corona, Rassismus? Kein Thema

Der Parteitag schien in einem Paralleluniversum stattzufinden, nicht in den Vereinigten Staaten. Corona? Sei praktisch schon besiegt, einen Impfstoff gebe es spĂ€testens am Ende des Jahres, und Trump habe Millionen Menschenleben gerettet. Rassismus? Kein Thema. Stattdessen war viel von SolidaritĂ€t mit der Polizei die Rede und davon, dass einem tobenden, gewalttĂ€tigen Mob unnachsichtig Einhalt geboten werden mĂŒsse. Wirtschaftskrise? Keine Rede davon. Probleme, entstanden durch den „China-Virus“, wĂŒrden bald gelöst, und die USA sĂ€hen einer glĂ€nzenden Zukunft entgegen.

Es ist leicht, sich ĂŒber diese Weltsicht lustig zu machen und ĂŒber die FĂŒlle von Tatsachenverdrehungen oder sogar offenen LĂŒgen den Kopf zu schĂŒtteln. Aber weder Spott noch Empörung Ă€ndern etwas daran, dass der Kampf ums Weiße Haus gerade erst begonnen hat – und dass die Chancen von Donald Trump sich derzeit zu verbessern scheinen.

Landesweit fĂŒhrt Joe Biden in Umfragen zwar weiterhin deutlich, aber das besagt nicht viel. Niemand bezweifelt, dass er bevölkerungsreiche Staaten wie Kalifornien und New York holen wird, die wĂ€hlen schließlich traditionell die Demokraten. In den meisten wahlentscheidenden Swing States, in denen mal die eine, mal die andere Partei gewinnt, ist der Vorsprung von Biden in den letzten Wochen jedoch geschrumpft. Das ist ein fĂŒr ihn alarmierender Trend.

Zu den Swing States gehört auch Wisconsin, jener Staat also, in dem vor wenigen Tagen dem Afroamerikaner Jacob Blake von einem weißen Polizisten sieben Mal in den RĂŒcken geschossen wurde. Die Protestbewegung gegen Rassismus hat danach großen Zulauf gewonnen.

Gestiegen ist in Teilen der Bevölkerung aber auch die Angst vor Ausschreitungen bei Demonstrationen. Wie die Stimmung in Wisconsin sich in den nĂ€chsten Tagen entwickelt, wird Aufschluss darĂŒber geben, ob Donald Trump erfolgreich ist mit seinem Versuch, die Spaltung der Gesellschaft zu vertiefen. Ausgeschlossen ist das nicht. Leider.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme von taz.de, mit freundlicher Genehmigung von Autorin und Verlag.