Landnahme des Kapitals: in Städten, auf dem Land, im Wald, sogar unsere Zeit wird enteignet
Die Jungle World dieser Woche hat einen wichtigen, lesenswerten Themenschwerpunkt: Stadt Land Schluss. Zwei der drei Texte sind bereits online offen, der dritte wird folgen. Insbesondere Georg Seeßlens “Die Entleerung der Stadt” ist eine Pflichtlektüre für alle, die nach der Kommunalwahl am nächsten Sonntag strategisch denken und handeln wollen. Dazu ein paar Zitate, die verdeutlichen, dass der Autor nicht nur klug ist, sondern auch einer der aktuell besten Essayist*inn*en unserer Sprache.
Die Städte verlieren ihre Urbanität, und die Provinz verliert ihre Ländlichkeit. Keine Verschwörung steckt dahinter, nur die Logik der totalen Vermarktung.
Wenn alles Besitz wird, ist nichts mehr daheim.
Diejenigen, die darauf hoffen können, ihren sozialen Status recht und schlecht zu bewahren, ziehen »aufs Land«, das aber dadurch gerade seine Ländlichkeit verliert und sich in ein endloses, gleichförmiges und Gleichförmigkeit produzierendes suburbia ­verwandelt, das sich von echter Urbanität ebenso unterscheidet wie von der agrarisch geprägten Provinz.
Die Plätze, die sich von selbst beleben, sind so rar geworden, dass man sie gleich zu »gefährlichen Orten« ­erklärt.
Es gibt keine gemeinsamen Interessen von Politik, Wirtschaft und denen, die in der Stadt wohnen.
Der Druck der Fluchtbewegung der Mittelschicht in die Provinz »hilft« auch hier dabei, das Land – jeden Meter davon – in ein Spekulations- und Renditeunternehmen zu verwandeln.
Der Kampf um die Urbanität ist, manchmal ganz direkt, ein Kampf zwischen Besitz und Kultur.
Die Enturbanisierung der Gesellschaften in Neoliberalismus und Postdemokratie ist nicht eine der alternativlosen Zwangsläufigkeiten, denen allen Ernstes auch noch das Etikett »Fortschritt« aufgeklebt wird, sie ist ein politisch-ökonomisches Projekt, bei dem alle Machtmittel eingesetzt werden.
Und wie einer, der auf das Land zieht, kein Recht darauf hat, dass die dort vorzufindenden Tiere, Gerüche und Gebräuche abgeschafft werden, so hat einer, der in die Stadt zieht, kein Recht darauf, dass zur »Tagesschau«-Zeit die Kneipen schließen, Konzerte untersagt und die Straßen geräumt werden.
In dieser Phase ist klar, dass eine Stadt nicht mehr für Menschen, sondern für die Immobilienwirtschaft existieren soll.

Alle diese Sätze sind aus dem Zusammenhang gerissen und können die Lektüre des kompletten Gedankengangs nicht ersetzen. Tun Sies, so viel Zeit muss sein.
Und wenn Sie schon eine so kluge Sache lesen, erkennen Sie das von Seeßlen so intelligent erfasste Prinzip auch hier wieder:
Heike Holdimghausen/Blätter über “Verdörrt und vernutzt: Das Drama des Waldes”.
Hans-Arthur Marsiske/heise-online: “Zwangsmaßnahme Digitalisierung – kein Platz für alte Menschen?”, eine Abhandlung, mit der ich mich als Ü60er absolut identifiziere. Selbst uns wird die immer knapper werdende Zeit von den IT-Konzernen, die Produkte und Dienstleistungen nicht mehr kostspielig selbst, sondern “am Kunden testen”, enteignet. Nichts spricht dafür, sich das gefallen zu lassen.