Von GĂĽnter Bannas
Vor dreißig Jahren war Wolfgang Schäuble maßgeblich mit dabei, die Vereinigung Deutschlands zu gestalten und zu organisieren. Der zwischen der (westdeutschen) Bundesrepublik und der DDR ausgehandelte „Vertrag über die Herstellung der Einheit Deutschlands“ trug seine Unter- und Handschrift. Dass der Bundestag mit knapper Mehrheit Berlin als Sitz von Parlament und Regierung bestimmte, ist auf ihn zurückzuführen – auf sein taktisches Wirken als Innenminister und auf seine Rede im Bonner Wasserwerk. Welch ein Leben in der Politik, für die Politik! Bonn und Berlin, Deutschland und Europa. Höhen, Tiefen, Wiederaufstieg. Waren es zwei Leben oder drei oder vier?

Als Schäuble 1972 erstmals in den Bundestag gewählt wurde, waren mehr als zwei Drittel der jetzigen Abgeordneten im Vorschulalter oder noch nicht geboren. Und was für eine CDU-Familie! Der Vater gehörte nach dem Krieg dem Badischen Landtag an, als es Baden-Württemberg noch nicht gab. Sein jüngerer Bruder war früher Landesinnenminister in Stuttgart, so wie heute der Schwiegersohn. Die älteste Tochter wird demnächst ARD-Programmdirektorin. Seine Frau, der er einst versprochen hatte, Politik werde nur vorübergehend zu seinem Beruf werden, war Vorsitzende der Deutschen Welthungerhilfe. Schäubles berufliche Stationen haben es in sich. Anfangs Mitglied eines Untersuchungsausschusses, der die Umstände des Scheiterns des Misstrauensvotums gegen Willy Brandt aufzuklären hatte. Rechte Hand und machtbewusster Helfer Helmut Kohls – als Geschäftsführer der CDU/CSU-Fraktion, Kanzleramtsminister, Innenminister und Fraktionschef. „Napoleon“ wurde er genannt. Opfer eines Attentats im Oktober vor 30 Jahren, wenige Tage nach der Einheit. Rollstuhl seither. Dass die Grünen zum Amt eines Bundestagsvizepräsidenten kamen, hat Schäuble bewerkstelligt. Später CDU-Vorsitzender, der sich von Kohl wegen dessen Spendenaffäre lossagte und über seine eigene Spendenaffäre stolperte. Angela Merkel überholte ihn. Schäuble aber blieb. Nochmals Innenminister, Finanzminister, Präsident des Deutschen Bundestages. Seine heimische CDU hat ihn jetzt wieder als Wahlkreiskandidaten aufgestellt. 2022 stehen zwei Jubiläen an. Rund um seinen 80. Geburtstag wird Schäuble 50 Jahre lang ununterbrochen dem Bundestag angehören – so lange wie niemand sonst. „In diesen Zeiten des Umbruchs“, sagt er, wolle er „einen stabilisierenden Beitrag leisten“.
Günter Bannas ist Kolumnist des HAUPTSTADTBRIEFS. Bis März 2018 war er Leiter der Berliner Redaktion der Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus “DER HAUPTSTADTBRIEF AM SONNTAG in der Berliner Morgenpost”, mit freundlicher Genehmigung des Autors und der Redaktion. © DER HAUPTSTADTBRIEF