Als Zivildienstleistender bei der Informationsstelle südliches Afrika 1974/75
von Gernot G. Herrmann

1974 war ich 19 Jahre alt, Sprecher der katholischen Jugend, Mitgründer des Stadtjugendrings in Oppenheim – und suchte eine Zivildienststelle. Ein Freund hatte eine Idee. Er, Kellermeister, wollte eigentlich nach Südafrika auswandern. Aber nach eingehender Beschäftigung mit dem Land wurde er zum Apartheidgegner. Er unterstützte u. a. die Kampagne „Freiheit für Nelson Mandela” und kam so auch mit dem „International Defense and Aid Fund” (IDAF) in Kontakt. Die suchten einen Zivildienstleistenden. Eine Woche später saßen wir im Auto und fuhren nach Bonn. Nach einem etwa zweistündigen Gespräch, Überreichung von Lebenslauf und Anerkennungsurkunde als Kriegsdienstverweigerer war alles klar – man werde sich melden. Die Einberufung erfolgte dann auch zum 1. Juli. Nach Bonn. Allerdings nicht zu IDAF, sondern zur issa. Den Unterschied von zwei Buchstaben fand ich nicht so tragisch. Ich war gespannt.

Peter Ripken, den ich vorher noch nicht gesehen hatte, holte mich am Bahnhof ab, und ab ging es zur issa, am Markt 10-12. Dort erklärte er mir, IDAF sei leider noch keine Zivildienststelle genehmigt worden, aber die issa suche einen (weiteren) Zivildienstleistenden, möglichst mit Erfahrung in politischer Arbeit, und mein Lebenslauf lasse vermuten, dass das mit mir klappen könnte. In einer ca. einstündigen „tour d’horizon” wurde mir erklärt, was die issa so macht und was meine Aufgaben dabei seien. Dann brachte mich Peter, bewaffnet mit einer Garnitur Bettwäsche, zu meiner „Unterkunft”.

Die „Unterkunft” entpuppte sich als Zimmer in einer Wohngemeinschaft, die in Beuel im Bergweg 21 ein geräumiges Einfamilienhaus mit Garten bewohnte. Das Haus hatte schon eine politische Geschichte – es war u. a. Geschäftsstelle des deutschen Biafra-Komitees gewesen (einige nicht ausgelieferte Materialien lagerten noch jahrelang im Keller). Danach war es die Geschäftsstelle der issa, bis diese die Räume bei der Deutschen Afrika-Gesellschaft in Bonn fand. Zur Zeit meines Einzugs residierte dort noch die Geschäftsstelle des AGM-Komitees (Deutsches Komitee Freiheit für Angola, Guinea-Bissau und Mosambik e.V.). Und am Ende des Tages wohnte ich im Zentrum der politischen Arbeit in Bonn (Beuel), gemeinsam mit Christa Brandt, der Vorstandsvorsitzenden der issa, und Wolff Geisler, dem Geschäftsführer des AGM-Komitees, sowie Hartmut und Gretel, die allerdings bald auszogen.

Zivildienst bei der issa war Büroarbeit. Zeitungen und Zeitschriften wurden ausgewertet auf Artikel zum südlichen Afrika und der Politik der Bundesregierung in diesem Bereich. Sie wurden kategorisiert und dem Kreis der Autorinnen und Autoren für den „Informationsdienst Südliches Afrika” zur Verfügung gestellt. In dieser Zeit prägten im Wesentlichen Zusammenfassungen der vorhandenen Nachrichten das Bild des Informationsdienstes. Eigenständige Artikel, wissenschaftliche Recherchen, die Übernahme von Analysen insbesondere aus afrikanischen Quellen traten erst später in den Vordergrund. Umfangreichere Dokumente fanden Platz in der Reihe „issa archiv aktuell”, Analysen und Recherchen in der „wissenschaftlichen Reihe”, Autoren und Autorinnen aus dem Widerstand gegen Apartheid und Kolonialismus wurden (übersetzt) in der „edition südliches afrika” veröffentlicht.
Um den Versand kümmerten sich die Zivildienstleistenden
Um den Versand des Informationsdienstes und der Publikationen an Einzelinteressenten und Soligruppen, auch für Informationskampagnen und Büchertische, kümmerten sich die Zivildienstleistenden. Im Großraum Köln/Bonn organisierte die issa auch selbst Büchertische, insbesondere auch in Zusammenarbeit mit der Anfang 1974 gegründeten Anti-Apartheid-Bewegung, zunächst mit Sitz in Mülheim an der Ruhr, bald aber mit einer Geschäftsstelle in Bonn, ebenfalls in Beuel und kaum 200 Meter vom Bergweg entfernt. Als Verlag präsentierte sich die issa auch auf der Frankfurter Buchmesse. So fuhr ich dann mit einem völlig überladenen R4 von Bonn nach Frankfurt, um drei Tage auf der Buchmesse zu verbringen, völlig erschlagen von dem vielfältigen kulturellen Angebot.

Im Mai 1975 erschien der Informationsdienst als „Sonderausgabe zum Evangelischen Kirchentag in Frankfurt”. Und wieder gings mit viel Gepäck nach Frankfurt zum ganz besonderen Erlebnis Kirchentag. Nicht zuletzt konnte man mit der Präsenz der issa ja auch dokumentieren, dass die Zuschüsse aus den Töpfen der Evangelischen Kirche sinnstiftend verwendet wurden.

War man dann eingearbeitet, wurden einem schon mal Übersetzungen übertragen, man fasste Nachrichten für den Informationsdienst zusammen und half mit beim Layout am Lichttisch, mit Kleber und Letraset (Computer mit Layoutprogrammen waren noch nicht eingeführt), gerne auch mal eine ganze Nacht durch, weil Termine drückten.
In der WG gingen Aktivist*inn*en aus aller Welt ein und aus
Im Prinzip hätte man den Job auch ganz normal machen können, von Neun bis Fünf, Wochenende frei. Wenn man im Bergweg wohnte, ging das nicht! Christa Brandt und Wolff Geisler hatten das Haus in dem Bewusstsein gemietet, Aktivistinnen und Aktivisten gegen Kolonialismus und Apartheid aus dem Inland wie aus dem südlichen Afrika zeitweilig Unterkunft in Bonn zu bieten. Und das Angebot wurde genutzt, u. a. von Mitgliedern der evangelischen Frauenarbeit (Anti-Outspan-Kampagne) und des Mainzer Arbeitskreises Südliches Afrika (MAKSA), Impulsgeber zur Gründung der Anti-Apartheid-Bewegung (AAB).
Vorster soll bleich gewesen sein
Anlässlich des Empfangs des damaligen südafrikanischen Premierministers Vorster durch den damaligen Bundeskanzler Helmut Schmidt wurde das Rheinufer in Beuel mit dem mannshohen Schriftzug verschönert, „Vorster Kindermörder, Schmidt Verbündeter”. Und pünktlich zur Pressekonferenz in der südafrikanischen Botschaft lagen einige Aktivistinnen und Aktivisten mit Schweineblut übergossen vor der südafrikanischen Botschaft, während zwei unschwer als Schmidt und Vorster erkennbare Personen sich lachend die Hand schüttelten. Der Polizei danke ich noch heute, dass sie uns solange liegen ließen, bis die Wagenkolonne Vorsters vorbeigerauscht war. Vorster soll bleich geworden sein.

Das Angebot wurde aber auch genutzt von Mitgliedern der Befreiungsbewegungen ANC, Frelimo, Zapu und Swapo, die später Parlaments- oder Regierungsmitglieder in ihrem Heimatland wurden. So gab es dann auch jede Menge Informationen aus erster Hand und jede Menge Möglichkeiten, sich zu engagieren. Besonders spannend war eine Rundreise, bei der ich Khulu Mbatha begleiten (und übersetzen) durfte. Khulu Mbatha war Teilnehmer der Schüleraufstände in Südafrika und musste das Land verlassen. Später wurde er Generalkonsul der Republik Südafrika in München.
Militärisch-nukleare Zusammenarbeit BRD-Südafrika
Und gemeinsam mit Dr. Frene Ginwala vom ANC, später Parlamentspräsidentin in Südafrika, entwickelte Wolff Geisler, inzwischen promovierter Mediziner, die Broschüre zur „Militärisch-nuklearen Zusammenarbeit BRD-Südafrika” im Bergweg. (Die Zusammenarbeit war auch von einer Reihe sehr wohlschmeckender indischer Gerichte begleitet.) Das Papier entfachte hektische Betriebsamkeit bei der damaligen Bundesregierung und heftige Dementis, der sich alle nachfolgenden Bundesregierungen anschlossen. Und mir verschaffte es die Ehre einer persönlichen Ansprache des deutschen Botschafters in Äthiopien. Im Rahmen eines Empfangs aus Anlass einer internationalen Konferenz zur Bekämpfung der Apartheid in Addis Abeba, an der ich als Vertreter der AAB teilnahm, wies er mich darauf hin, dass es gar keine atomare Zusammenarbeit gäbe und diese Idee das Hirngespinst eines verwirrten westdeutschen Arztes sei. Mit wem ich zusammenwohnte, erzählte ich ihm nicht.

So kam es dann auch zwangsläufig, dass ich mich weiterhin engagierte, bei der Anti-Apartheid-Bewegung, auch in England während eines halbjährigen Auslandsaufenthaltes, und auch zeitweise im Redaktionskollektiv der issa. Das lief nicht immer konfliktfrei ab. Während die Anti-Apartheid-Bewegung sich stets als Pressure Group verstand, die ihre Bündnispartner im südlichen Afrika eindeutig benannte, war es das Ziel der issa, breite, authentische Information aus dem südlichen Afrika zu liefern. Das hieß aber auch, die Auseinandersetzungen der fortschrittlichen Kräfte in den Ländern zu dokumentieren und auch von Abspaltungen bei den Befreiungsbewegungen zu berichten. Peter Ripken beschreibt den Anspruch, „unterbliebene” und „unterdrückte” Nachrichten zu veröffentlichen, immer auch mit dem Ziel, bundesdeutsche Medien und die Solidaritätsbewegung zu informieren. Das Medieninteresse allerdings hielt sich in Grenzen. Und die Solidaritätsbewegung stellte sich als eine Vielzahl von Gruppen aus dem kirchlichen (eher protestantischen als katholischen) Bereich, den Gewerkschaften (zurückhaltend), einigen fortschrittlichen Sozialdemokraten und vielen Gruppen aus dem linken Spektrum, beeinflusst von DKP, KBW, KPD, KB-Nord und vielen weiteren. Da hatte dann auch schon mal das Rechthaben Priorität vor dem gemeinsamen Kampf gegen Apartheid und Kolonialismus. Spannend war es trotzdem.
Dieser Beitrag ist eine Übernahme aus Afrika Süd Heft 4/2020, mit freundlicher Genehmigung des Autors, der bis 1999 mit dem Herausgeber des Beueler Extradienstes in einer Wohngemeinschaft lebte, der seinerzeit langlebigsten WG Bonns. Zwischenüberschriften und Links wurden nachträglich eingefügt.