Daten werden den Fetisch Geld im Kapitalismus nicht ersetzen, sondern ergänzen. Der Perversität sind dabei keine Grenzen gesetzt, wie letzten Mittwoch der ARD-Film “Exit” schön gezeigt hat (Mediathek bis Ende Januar). In der Gegenwart befinden wir uns diesbezüglich noch in den Mühen der Ebene, repräsentiert durch die Corona-Warn-App. Vor Lockdowns und alltäglichem Ausnahmezustand hat sie uns nicht bewahrt, war aber ein gutes Geschäft. So läuft das im Datenkapitalismus. Näher erklärt das Kuros Yalpani/telepolis. Und auch Mirjam Stegherrs/Carta Kommentierung geht in die richtige Richtung.
Eine erfreulich selbstkritisch-reflektierte Debatte über den Journalismus zu Corona gab es gestern Abend im DLF-Medienquartett (u.a. mit Anne Burgmer, Lutz Hachmeister, Jörn Kruse): keine Positionskämpfe, kein talkshowartiger Schlagabtausch mit dem Schwerpunkt eigene Performance, sondern ein fachliches, gemeinsames Nachdenken – gutes Radio (Audio 45 min). So weit das Vernünftige.
Nun noch das Perverse. Der hochgeschätzte Richard Gutjahr hat sich allen Ernstes die Mühe gemacht, der Plage Spam-Mail hinterher zu recherchieren. Bei mir ist es ein schlichter Klick, und weg ist der Müll. Ich mache ja auch nicht die Tür auf, stehe gar nicht erst vom Sofa auf, wenn ich niemanden erwarte (und gerade keine Lust dazu habe). Und kaufen oder Daten im Vorbeigehen abliefern, habe ich mir alles im vorigen Jahrhundert abgewöhnt. Dennoch verbirgt sich hinter der Spamindustrie ein globales kriminelles Business, dem Gutjahr mit schlichter Beharrlichkeit auf die Spur kommt. So macht das ein guter Journalist.
Wie mann es nicht macht, und es trotzdem fast alle machen, das erklärt Andrej Reisin/uebermedien: Polizeimitteilungen kopieren und einfügen, fertig. Wenn dadurch Menschen stigmatisiert und diskriminiert werden, sind es immer irgendwelche Anderen schuld. Wenn sie nur 10% von dem leisten würden, was Gutjahr macht, wäre es schon eine bessere Medienwelt. Sie tuns nicht. Reisins Text ist ja nicht der Erste der das thematisiert, sondern ein Dauerbrenner. Nichts wird besser, sondern in dieser Hinsicht alles schlechter. Zeit für einen öffentlichen Qualitätsjournalismus, der als Teil der öffentlichen Daseinsvorsorge für Demokratie und Meinungsfreiheit den Mechanismen kapitalistischer Marktmacht entzogen werden muss.