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Wer rettet investigativen Journalismus?

mit Update 21.1.
Und wer lenkt ihn? – Ein teilweise spannendes Buch versucht Forschungslücken zu füllen
Das Buch, von dem ich hier schreiben werde, liest sich wie “trocken’ Brot”. Wissenschaftler*innen haben die Beiträge verfasst, und kein*e journalistische*r Ghostwriter*in hat es in flüssige Lesbarkeit übersetzt. Auch kein*e Layouter*in. Als Sehbehinderter (Kurzsichtigkeit + Alters-Weitsichtigkeit) brauchte ich eine gute Leselampe und schob die Gleitsichtbrille rauf und runter. Dafür wurde ich in hier zu erwähnenden Einzelfällen inhaltlich reich belohnt. Es geht um René Möhrle (Hg.) u.a.: Umbrüche und Kontinuitäten in der deutschen Presse – Fallstudien zu Medienakteuren von 1945 bs heute”, Gutenberg 2020.
Warum das eine kleiderschrankgrosse Forschungslücke ist, ist einfach zu erklären. Welches Medium arbeitet gerne seine Beihilfe zu monströsen deutschen Staatsverbrechen und Völkermorden auf? Wissen Sie eins? Herausgeber Möhrle geht diesem Thema selbst nach in seinem Text “Transfer geistigen Kapitals. Ein Überblick zu nationalsozialistschen Kontiuitäten und dem Führungspersonal westdeutscher Leitmedien seit 1945”. So viel sei verraten: die Materialfülle zu diesem Thema ist unerschöpflich; und umgekehrt proportional zu ihrer Bearbeitung. Möhrle erwähnt selbst in einer Fussnote eine Veröffentlichung von 2002, die ich mit grösserer Begeisterung gelesen habe: Lutz Hachmeister; Friedemann Siering: Die Herren Journalisten. Die Elite der deutschen Presse nach 1945. Da waren journalistische, leichtere Federn am Schreiben beteiligt, was die Substanz nicht leichtgewichtiger, sondern politisch giftiger machte.
Dennoch ist Möhrles und seines Kleinverlages Computus Anstrengung respektabel, schon weil sie so selten ist. Ich möchte dazu zwei Leuchttürme herausheben.
Hier um die Ecke in Geislar lebt mein Freund Rolf Sachsse, Spross einer stadtbekannten Fotografenfamilie. Er war bis 2017 Professor für Designgeschichte und Designtheorie an der Hochschule der Bildenden Künste Saar. In dem hier besprochenen Band lieferte er einen Beitrag zu den “Kontinuitäten und Brüchen in der fotografischen Selbstdarstellung der Bundesrepublik”. In seiner Darstellung verbinden sich Forscherinteresse und eigenes Miterleben. Denn in der Bundeshauptstadt Bonn bis 1999 war die Schar der Fotograf*inn*en weit übersichtlicher, als in der Nervösen Zone Berlin. Fast alle waren Kund*inn*en und Geschäftspartner*innen des Familienbetriebs, in dem er seine Kindheit verbracht hat. Für mich als zu diesem Thema fachlich Ahnungslosen war die Lektüre seines Textes eine ergiebige Nachhilfestunde. Denn die Sprache der Bilder war politisch weit gewichtiger als die meisten Agitationstexte, von wem auch immer. Rolfs Text wird erst in ziemlich genau einem Jahr in diesem Blog erscheinen – so spät will es der Verlag.
Elektrisiert, weil in die Zukunft gerichtet, hat mich der letzte Beitrag von Uwe Krüger, Charlotte Knorr und Florian Finke: Die Globalisierung der Recherche: Eine Strukturanalyse grenzüberschreitender Netzwerke für investigativen Journalismus von 1998 bis 2018. Die Autor*inn*en zählen in diesem Feld 63 Organisationen und Projekte und 2267 Einzelpersonen. Sie sind selbst ein wandelnder Widerspruch. Um Transparenz in Politik und Ökonomie herstellen zu können, sind sie auf Vertraulichkeit und Whistleblower angewiesen, können an “übertriebener” Transparenz über sich selbst und ihre Arbeitsweise nicht interessiert sein. Gleichzeitig macht sie das zu einem begehrten Zielobjekt der Infiltration durch staatliche und private Geheimdienste aller Art. Nicht wenige der in ihnen aktiven Journalist*inn*en spielen selbst eine Doppelrolle, weil sie nicht nur für ihre Arbeitgeber*innen arbeiten, sondern auch Vertraulichkeiten mit Stellen pflegen, denen sie kritisch gegenüber stehen sollten, ein Drahtseilakt, der nicht immer journalistisch gut ausgeht. Die drei Autor*inn*en in dem Computus-Band sind nach meiner Kenntnis die ersten, die dieses junge Feld im deutschsprachigen Raum überhaupt zu erfassen versuchen.
Solche Netzwerke wurden im genannten Untersuchungszeitraum als Notwehr des Journalismus kreiert, gegen die kapitalistischen Zwänge seiner Produktion, Rationalisierung und Profitorientierung, ausgeübt durch die mehrheitlich diese Branche beherrschenden Oligarchen- und Milliardärsfamilien. Vielleicht, diese Frage werfen die drei Autor*inn*en nur für zukünftig notwendige Forschungen auf, beisst sich hier eine Katze in den Schwanz. Es “sollten auch die Interaktionsmuster und Machtstrukturen innerhalb dieses Feldes untersucht und Fragen zum ‘Gatekeeping, zur Institutionalisierung und zum Pluralismus’ gestellt werden. Auch die Geldgeber von Non-Profit-Organisationen und ihr Einfluss auf den journalistischen Output sollten in den Blick genommen werden.” Denn wenn der Journalismus “zunehmend von Stiftungen, Mäzenen und Philanthropen abhängig ist”, dann übernimmt er vielleicht ähnlich zunehmend auch ihre Welt- und Systemsicht, aus der jene ihren (unermesslichen) Reichtum beziehen.
Das ist eine recht wahrscheinliche Möglichkeit, jedoch keine Zwangsläufigkeit. Denkbar wäre eine Medienpolitik, die gesetzliche Grenzen der Einflussnahme und institutionelle Sicherungen gegen solche Abhängigkeitsverhältnisse vorschreibt. Aber dafür müsste es ja überhaupt erst mal Medienpolitik in Deutschland geben. Sagen Sie Bescheid, wenn Sie sie irgendwo gesehen haben.
Update 21.1.: Lesen Sie zum Thema auch die aktuellen Reflexionen von Spiegel-Chefredakteurin Barbara Hans. Bedenken Sie beim Lesen, dass diese Woche gemeldet wurde (vom Branchendienst Horizont, sowie der Berliner Zeitung/Kai-Hinrich Renner, beide nur hinter Paywall), dass sie diesen Job verliert. Ihrem Text, der vermutlich davor verfasst wurde, ist das schon anzumerken.

Ein Kommentar

  1. Rolf Sachsse

    Besten Dank für die Blumen! Nachdruck ab Januar 2022…

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