Manche meinen, Radio stürbe noch schneller als lineares TV. Die Zukunft seien Podcasts. Ich bin Ü60, also ein fauler Sack. Radio hat mich sozialisiert, insbesondere was das Politische betrifft, selbstverständlich auch die Musik. Mein Erzieher war der WDR, bei dem bin ich aber ausgezogen, wie es heute üblich ist, in fortgeschrittenem Alter. Irgendwann wollen die ja sogar das ganze UKW abschalten. Ich höre immer noch Radio, mit einem Sony-Receiver, den ich Anfang der 80er Jahre für viel Geld auf Rat meines technikaffinen jüngeren Bruders bei Radio Pawlak in Essen erworben habe. Japanische Wertarbeit – das Ding läuft immer noch tadellos. Wenn die UKW plattmachen, bin ich wahrscheinlich raus.
Podcasts? Nee, da werde ich so wenig mitmachen, wie bei CDs (ich besitze eine Vinyl-Sammlung). Lesen geht schneller als hören, bei gleicher oder höherer Inhaltsquantität und -qualität. Ich sitze nicht stundenlang zeitverschwendend in Autostaus, wo mann sich sowas reinzieht (oder sich Bücher vorlesen lässt; Vorlesen, das war als Kleinkind im Bett).
Jetzt in der Corona-Quarantäne läuft bei mir der Deutschlandfunk (Kölner Programm) fast durchgehend. Darum mangelt es mir subjektiv ein wenig am Verständnis über den Lärm, den die Streichung einer Buchbesprechung im WDR3-Programm verursacht. Ich hörte davon im DLF, in diesem informativen Beitrag (Audio 6 min) des geschätzten Kollegen Michael Borgers.
Dem WDR-Redakteur Matthias Kremin, der nach meiner Kenntnis im WDR noch zu “den Guten” gehört, ist seine Verwunderung anzuhören. Die Redaktion von “Mosaik” habe doch nur Gutes gewollt. “Mosaik” – da habe ich auch mal zur Stammhörerschaft gehört. Als es noch ein kompaktes Kulturmagazin zwischen 8 und 9 Uhr war, hat es fast die komplette Kulturarbeiter*innen*szene NRWs als Pflichtprogramm beim Start in den Arbeitstag gehört. Dann kam die böse Formatierung aller WDR-Wellen, die die Kompaktheit von Mosaik zertrümmemrte: die gleiche Menge Kulturjournalsmus wurde auf drei Stunden Sendezeit verteilt (von 6 bis 9), d.h. zwischen 8 und 9 gibt es nur noch zwei Beiträge – ansonsten: klassische Musik. Billiger gehts nicht.
Das ist der tiefere Grund für den Protest. Es geht nicht mehr um strategische Kämpfe, sondern um “Häuserkampf”, um jeden Beitrag einzeln. Denn seit den 70er Jahren kennt der Kampf nur eine Richtung: kostensparende Beseitigung journalistischer Leistungen = Verlust von Arbeit und Aufträgen für die “freien” Mitarbeiter*innen, die Untersten und Schlechtestbezahlten im Mediensystem. Das andere Ende sind ehemalige Festangestellte, die sich als Unternehmer*innen selbst outsourcen: die werden Talkmaster*in (= Produzent*in); das sind die Absahner*innen. Darum stehen selbst gutgemeinte Modernisierungsversuche einer Senderredaktion oder Programmdirektion immer unter Verdacht – leider nicht zu unrecht.
Die Literaturlobby, die nun laut vernehmlich klagt, hätte zusammen mit den Mediengewerkschaften schon vor Jahrzehnten in diesen Kampf einsteigen können. Wenn es jede*r einzeln tut, dann geht es so aus, wie es immer ausgeht. Ich fühle mich als DLF-Hörer bestens versorgt. Dort habe ich auch mit “Fazit” adäquaten Ersatz für meinen “Mosaik”-Verlust gefunden, mit weniger NRW-Bezug und mehr Berlinfixierung allerdings. Beim DLF gibt es für Literatur ein umfangreiches Ressort mit zahlreichen Sendungen und Beiträgen, u.a. dem täglichen “Büchermarkt” um 16.10 h. Auch dafür besteht Gefahr. Der DLF meldete soeben für 2019 ein Millionendefizit von 14,7 (bei epd Medien, nicht online). Und der langjährige und in allen Mediengassen umtriebige Literaturchef Hubert Winkels hat das Rentenalter bereits erreicht. Das wird von Sendermänätschern gerne zum Anlass genommen, “Besitzstände” zu schleifen. Besitzstände von uns Hörer*inne*n.
Der MDR streicht auch
Der MDR wurde einst von CSU-Besatzungstruppen gegründet. Daher sein Name, mit dem die CSU um die verlorenen Gebiete grossdeutscher Gutsbesitzer weiterkämpfen wollte. Die SPD revanchierte sich mit dem “Ostdeutschen Rundfunk Brandenburg”, dem in diesem Zwergstaat nur ein kurzes selbstständiges Leben vergönnt war. Wo die “Mitte” Deutschlands ist, ist bis heute umstritten. Einige sich darum bewerbende Dörfer liegen tatsächlich im MDR-Sendegebiet, in Thüringen. Genau dieses Bundesland beklagt sich aber darüber, dass alle Senderpfründe in Sachsen und Sachsen-Anhalt angesiedelt sind.
Der MDR, stellen Sie sich vor, überlegt, den TV-Vertrag mit der Regionalliga Nordost (= 4. Liga) nicht mehr zu verlängern. Weil die gar nicht mehr spielen (wg. Corona). Einerseits: vernünftig. Andererseits: pleite. Ist es da nur gerecht, dass es ganz oben in der Umsatztabelle fast genauso scheisse aussieht?
Gefährlich für die da oben würde es wohl nur, wenn sich Sport und Kultur im Widerstand verbünden. Bisher hat Gegeneinanderausspielen super funktioniert; wenn alle im Lobbytunnel bleiben, ist doch auch “an alle gedacht” – jede*r an sich.